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  • Was geht uns Japan an?

    Oder: Die Globalisierung des Katastrophen-Entertainments

    Von UWE HABRICHT

    Japan hat uns derzeit fest im Griff. Naja, nicht das Land, sondern seine Katastrophe interessiert uns gerade brennend. Präziser müsste es heißen: Die Medien als Opernglas der Nation präsentieren uns die jüngsten Ereignisse aus Fernost. Sie steuern unsere Aufmerksamkeit. Oder noch korrekter: Wir lassen uns von ihnen steuern. Doch was sagt das über uns aus, und was über unsere Gesellschaft als Ganzes?

    Die wie in einer Endlosschleife abgespulten Horrormeldungen auf allen Kanälen ziehen uns in ihren Bann. Sie faszinieren uns. In vergangenen Zeiten war dies anders, da wurde der Überbringer der schlechten Nachricht hingerichtet. Heute hingegen lässt er sich gut entlohnen. So oder so ist es Indiz für Hilflosigkeit gegenüber höheren Mächten. Im ersten Falle offen, im zweiten verdeckt.

    Wegschauen wäre das andere Extrem. Beides ist eine Form der Verdrängung: Fixierung und Ignoranz sind zwei Seiten der Verdrängungs-Medaille. Sowohl in der Hysterie, als in der Ignoranz gibt es keine echte Auseinandersetzung mit dem Thema „Unsicherheit“ und „Angst“. Zu erkennen, dass diese der Preis einer Sicherheitsideologie sind, die uns was vormacht in einer Welt, in der wir die Kräfte des Himmels und der Erde mit unseren Machbarkeitswahn zu kontrollieren suchen, wäre vielleicht eine solche überlebenswichtige Erkenntnis, die uns wirklich weiterbrächte.

    Japan sollte zur Demut aufrufen, nicht zu voyeuristischer Hysterie

    Der Wert von Krisen besteht immer darin, zu lernen und das eigene Verhalten zu ändern bzw. die eigene Einstellung zu hinterfragen. Macht man trotzdem weiter wie gewohnt und hofft dabei, den Folgen der Selbstüberschätzung entkommen zu können, wurde der Lernwert der Krise verpasst. Was in diesem Falle heißen würde, die realitäts- und lebensferne Sicherheitsideologie von Atomkraftwerken noch sicherer machen zu wollen. Das Paradox spitzt sich zu, wenn wir mit dem gleichen Beherrschbarkeitsglauben, welcher uns in die Krise führt, die Krise zu überwinden anstreben.

    Es passieren jeden Tag Katastrophen. Sie sind Teil der Realität. Die Frage, die sich mir stellt ist: Was macht es mit uns, wenn wir eine Katastrophe wie die in Japan jetzt fokussieren und in die Angstabwehr gehen, sprich wieder nach Sicherheit schreien, anstatt uns einzugestehen, dass wir die Kräfte, über die wir denken verfügen zu müssen, nicht wirklich kontrollieren können? Japan sollte zur Demut aufrufen, nicht zu voyeuristischer Hysterie.

    Die Medien spielen für mich auch in diesem Fall eine sehr fragwürdige Rolle. Uns werden Mentalmagneten vorgesetzt, die unsere Aufmerksamkeit saugen. Umso reißerischer mir eine Gefahr präsentiert wird, umso misstrauischer werde ich dem Boten gegenüber. Ich werde ihn nicht töten, aber ich schicke ihn weg, wenn ich die Nachricht aufgenommen habe. Verstehen muss ich sie selbst, da hilft es mir auch nicht, wenn der Bote mit derselben Unheilsnachricht hundertmal erneut an meiner Tür klopft und mir das gleiche erzählt. Spätestens dann müsste ich mir Sorgen machen. Nicht um den Boten. Nein, um mich! Vielleicht denkt ja der Bote die ganze Zeit, ich hätte ihn nicht verstanden.

    In diesem Sinne ist es bittere Ironie, dass uns die Nachrichten alle zehn Minuten mit denselben Schreckensmeldungen „bombardieren“. Es sagt etwas über uns, die wir nicht verstehen wollen oder können. Diese Katastrophe ist einmal mehr die Chance für die, die nicht wirklich das Schicksal mit all den toten und verletzten Menschen in Japan teilen müssen. Die wir vor dem Fernseher sitzen und nur virtuell teilhaben. Vielleicht ist es das dritte Problem: Die Illusion, dass wir durch die Medien miteinander verbunden sind.

    Umso reißerischer mir eine Gefahr präsentiert wird, umso misstrauischer werde ich dem Boten gegenüber

    Doch vielleicht trennt diese Art medialer Berichterstattung eher, als uns Menschen einander näher zu bringen. Katastrophen virtuell zu konsumieren heißt noch lange nicht, wirklich teil zu haben am Elend der Betroffenen. Mir geht es ähnlich. Ich schaue mir die schrecklichen Bilder an und denke gleichzeitig: Weit weg! Verdrängung ist doch zu verführerisch. 

    Worin liegt der Mehr-Wert jeder Information? Im verantwortlichen Selbstbezug, im eigenen Handeln. Werden menschliche Tragödien und Katastrophen jeder Art zum Gegenstand von Entertainment, dann sind wir Konsumenten abgespalten von der Wirklichkeit, dann hört verantwortliche Auseinandersetzung auf und wir schweben auf den Wolken der Illusion und Scheinsicherheit, bis auch diese platzen und uns unsanft auf die Erde werfen. Dann kommen wir vielleicht mal selbst ins Fernsehen und unterhalten andere mit unserem Leid. Eine schreckliche Vorstellung, oder?

    Der wirklich wichtige Mehr-Wert von Berichterstattung liegt nicht so sehr darin, wie oft uns die gleichen Bilder vor Augen geführt werden, sondern welche Konsequenzen wir aus dem ziehen, was wir sehen oder zu sehen glauben.