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  • Weltuntergangsroulette

    Von KATHARINA DIESSL

    Prophezeiungen über das Ende der Welt waren und sind in unserer Kulturgeschichte äußerst beliebt. Bereits in der Antike verkündet, waren sie vor allem im Mittelalter en vogue. Nicht nur Philosophen, Sektenprediger, selbst ernannte Propheten oder Mystiker verloren sich über die Jahrtausende in den wildesten endzeitlichen Spekulationen, selbst anerkannte Wissenschaftler wie Sir Isaac Newton, der bekannte Modemacher Paco Rabanne oder auch der große Entdecker Christoph Kolumbus ließen sich dazu hinreißen. In unsicheren Zeiten, bei astrologischen Besonderheiten und Jahrhundert- oder Jahrtausendwechseln scheint die Menschheit besonders anfällig dafür zu sein. Doch nach jedem verdächtigen Ereignis drehte sich die Erde ungerührt weiter, und so musste denn die Apokalypse wieder neu terminiert werden. Der Reformator Martin Luther verschob den Zeitpunkt dreimal, das kollektive Schicksal blieb aus, und fortan legte er sich nicht mehr auf genaue Termine fest. Für die Zeugen Jehovas sollte die Welt nach Aussagen ihre Gründers Charles Taze Rusell zum ersten Mal 1874 untergehen. Nachdem zwar das Jahr, es aber mit der Erde nicht vorüber war, verlegte er den Termin kurzerhand auf den 1. Oktober 1914. Nach zahlreichen Fehlprognosen enthielt sich die Sekte später der erneuten Datierung des Weltuntergangs. Nicht nur die Zeitpunkte, auch die Inhalte der apokalyptischen Prophezeiungen scheinen zeitgeistlichen Strömungen und den Launen ihrer Erfinder zu folgen. Lukrativ waren lange Zeit vor allem Ängste vor einem strafenden Gott. Auch Umweltkatastrophen und Außerirdische sind beliebt. So warnte 1996 die Deutschlehrerin K., Anhängerin der „Sternengeschwister“, ihre Schüler vor dem nahen Weltuntergang: Es erfolge in Russland ein Putsch durch Wladimir Schirinowski, danach breche ein weltweiter Atomkrieg aus. Ein Überleben auf der Erde gebe es nicht, dafür eine Zukunft im lichtdurchfluteten Universum. Tausende von Raumschiffen seien für die Evakuation von allen Kindern im Anflug. Rätselhafte Phänomene sorgten auch pünktlich zur Jahrtausendwende für abergläubische Endzeitstimmung, etwa die Geburt eines Entenkükens mit drei Beinen in einem Armenviertel im Norden Perus. Bewohner in der Provinz Piura sahen darin ein eindeutiges Zeichen für den Weltuntergang. Seit dem 20. Jahrhundert geht die Gefahr jedoch hauptsächlich auf das vermeintliche Auslaufmodell Mensch zurück. Die Wissenschaft rührt ihre hausgemachte Apokalypse gar mit „exakten Wahrscheinlichkeiten“ an: 2004 erstellte der britische Astronom Martin Rees eine Top-5-Liste der Weltuntergangsszenarien für den Zeitraum der kommenden 100 Jahre. Das wahrscheinlichste Szenarium, immerhin mit einer Chance von 1:3, ist demnach eine atomare Bedrohung, dicht gefolgt von einer Pandemie der Killerviren (1:10). Mit 1:1000 rangiert auf Platz 3 die bösartige Mutation intelligenter Nanomaschinen. Gleichauf liegt der Astroideneinschlag. Am unwahrscheinlichsten – auf Platz 5 (1:100.000) – sieht Rees das so genannte „letzte Experiment“. Physiker lassen dabei in gigantischen unterirdischen Teilchenbeschleunigern Atome zusammenstoßen. Die dabei entstehende Energiekonzentration wäre das Ende nicht nur für Erde und Menschheit, sondern für das gesamte Universum. Ob schwarzmalerisch oder heilsversprechend, hausgemacht oder überirdisch: das Weltuntergangsroulette dreht sich weiter und wird uns auch künftig mit kreativen Wetten auf die Apokalypse versorgen. Eine nahezu vollständige, regelmäßig fortgeführte Chronik der Weltuntergangsverkündigungen – von 30 n. Chr. bis ins Jahr 2076 – gibt’s im Internet unter www.unmoralische.de/weltuntergang.htm. Vielen Dank für diese wertvolle Fleißarbeit!

    → Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 2-2006.


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