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  • Rückblenden, Island (I)

    I: Stille

    Von FRIEDERIKE BECK

    Lärm kann überwaltigen, so sehr, dass wir uns manchmal nicht mehr spüren: Er kann zerstören. Dass Stille überwältigend sein kann, lernte ich in Island: Ich wurde auf einer Schaffarm in den Bergen im Hinterland von Vik im Süden der Insel bei Freunden „abgesetzt“. Wie ich mit Hilfe einer Karte herausfand, züngelten kleine Ausläufer eines riesigen Gletschers, „Mýrdalsjökull“, an den Hängen zur Farm hinab.

    Von diesen Hängen aus gesehen, breitete sich vor uns ein unfassbares Gemälde aus: Ein riesiger, stiller See lag da, im Hintergrund von einem dunklen, halbkreisförmigen Bergpanorama eingefasst, zu dem, wie ich erkannte, der Bergzug in meinem Rücken sich spiegelbildlich zu einem Kreis ergänzte. Ein Krater!

    Da die baumlosen, grünenden Hänge und Flächen vor dem See weder Häuser noch Lebewesen trugen – die Schafe waren zum Gebären in die Ställe geholt worden (vielleicht heißt es auch „lammen“?) – war kein Vergleich mit Hilfe irgendeines Maßstabes möglich, und so prägte sich die Landschaft unmittelbar, fast schockhaft in die Netzhaut, ohne den erklärenden Filter irgendeines Maßes.

    Ich war Teil eines Bildes und Teil einer überwältigenden Stille – die mit Worten nicht zu fassen ist – am ehesten noch vergleichbar mit einem großen Atmen, durch den Schrei eines kleinen Vogels und das zuckenden, schnellen Schlagen seiner Flügel, das diese Stille rhythmisch unterbricht, in mein Bewusstsein gebracht, um mich danach wieder Teil von ihr werden zu lassen.

    Es scheint für alles einen rein menschlichen und darüber hinaus noch einen ganz anderen Maßstab zu geben

    Der glänzende Kratersee war eine Bühne, und die erloschenen oder doch vorläufig erloschenen Vulkankraterwände boten die halbkreisförmige Schallmauer, an der sich der Schrei des winzigen Lóas brach. Ich ging entlang eines Bächleins aus Gletscherschmelzwasser hinab, um dem See näher zu sein, und ich fühlte, je mehr ich mich näherte, eine seltsam starke Energie an mir hochströmen, die auf der Haut meiner Beine immer stärker prickelte und zu sagen schien: Ja, du gehst hier auf dieser Erde, auf mir!

    Warum gibt es solche Orte?
    Und warum gibt es uns an solchen Orten?
    Vielleicht, damit die Erde einen Menschen mit ihrer Großartigkeit beglückt oder beschämt?
    Vielleicht lebt der Mensch, um einmal solches zu sehen?
    Und der Vogel lebt, um die Stille dem Menschen bewusst zu machen?
    Und der Mensch, um sich ihrer zu erinnern?
    Und die Erde, um auf immer aus ihr zu schöpfen und großartig zu sein?

    Es scheint für alles einen rein menschlichen und darüber hinaus noch einen ganz anderen Maßstab zu geben. Im menschlichen Drama war dieser grandiose Ort und sein schweigender See Schauplatz eines Autounfalls, vermutlich des einzigen Autos, das vor ungefähr drei Jahrzehnten überhaupt hierher fand und den sechsjährigen Erstgeborenen der Bauern tötete.

    Vielleicht entschlossen sich auch deshalb die Eltern, die Schafsfarm und die gesamte ewige Bühne dieses Platzes an einen reichen Ausländer zu verkaufen. Aber bis auch sie tot sind, ist alles unangetastet, und der See spiegelt nur die unterschiedlichen Farben des Himmels, dem Aufgang des Hauses wird stets eine Bodenplatte fehlen, und die Schafe lammen wie immer im Mai.

    Als wir von diesem Ort wieder aufbrachen, sagte die Tochter des Bauern, die, wie andere Familienmitglieder auch, aus der Hauptstadt gekommen war, um übers Wochenende den Schafen beim Gebären zu helfen und sich bei der Nachtwache abzuwechseln, plötzlich fröhlich: Ich weiß, wo ich sterben möchte, es ist der schönste Ort, den ich hier kenne, und dann deutete sie aus dem fahrenden Auto auf eine besondere Stelle eines Bergzugs im Hintergrund, die mir nicht sehr deutlich wurde, ihr jedoch äußert bedeutsam und wohlvertraut schien. Und dann sagte sie noch: Ich glaube, das Schönste an Island überhaupt ist das Licht, wenn das Licht durch die Wolkendecke bricht. Dann ist das so, als ob Gott seine Hand ausstreckte.

     

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