• lctube.com
  • stubeg.com
  • Der Hybrid-Mann

    Eine Satire aus der nahen Zukunft

    Von ROLAND ROTTENFUßER

    „Nikolaus?“, fragte ich erstaunt und sah vor meinem inneren Auge einen Mann mit weißem Bart und roter Zipfelmütze.„Nicolas“, korrigierte mich Anna und schloss verzückt die Augen, als würden in ihrem Innersten die Bilder unaussprechlicher Wonnen nachklingen.

    So hieß also Annas neuer Lover: Nicolas. Wir hatten nach unserer Trennung ein gutes, fast wieder freundschaftliches Verhältnis zueinander gefunden. Aber dass sie darauf bestand, dass ich Nicolas kennenlernte … das hätte nicht unbedingt sein müssen. Es gibt nur einen Grund, warum eine Frau ihrem Ex den Neuen vorstellen möchte: Sie will demonstrieren, dass sie sich rasch und auf hohem Niveau zu trösten weiß, und ihren Verflossenen durch die Konfrontation mit einem makellosen Nachfolger beschämen. Und es gibt nur einen Grund, warum sich der Neue der Frau auf so ein Spiel einlassen sollte: Er will in gönnerhaftem Tonfall klarmachen, wer jetzt Herr im Haus ist.

    Ich teilte Anna vorsichtig meine Bedenken mit, doch sie meinte: „Nein, so ist es überhaupt nicht. Nicolas ist gar nicht eifersüchtig.“ Genießerisch seufzend fügte sie hinzu: „Das muss er auch nicht. Er ist ein starker Mann, weißt du. Stark in jeder Beziehung. – Du weißt ja, du hattest mich in dieser Hinsicht in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt.“ Natürlich konnte sie sich das nicht verkneifen. Ja, okay, ich war in der Schlussphase unserer Beziehung nach der Arbeit ein bisschen abgespannt gewesen. Und dann der Rauswurf bei der Zeitung, das hatte mich echt weich geklopft, zumal mir die Raten an das Gericht nach meiner Verurteilung wegen eines Patentrechtverstoßes wirklich über den Kopf gewachsen waren. Und dann noch der Stress mit Anna. Ich wollte nicht mehr so oft wie früher, und manchmal konnte ich eben auch nicht mehr. Umso weniger hatte ich Lust auf die Begegnung mit ihrem offenbar nimmermüden Macker. Musste ich in der hollywoodreifen Romanze des Traumpaars Anna und Nicolas unbedingt die Nebenrolle des skurrilen Trottels geben?

    Ich wollte schon gehen und berief mich – was der Wahrheit entsprach – auf eine hartnäckige gesundheitliche Schwäche, eine noch nicht auskurierte Grippe, die mich mit Fieber, Durchfall und Erbrechen in der letzten Woche arg gebeutelt hatte. Aber Anna hielt mir kommentarlos die Fotos unter die Nase. Widerwillig blätterte ich sie durch: Anna mit Nicolas Wange an Wange auf dem Sofa, Anna mit Nicolas auf der Premierenparty, Anna mit Nicolas in Badekleidung am Strand. In meinem Inneren verschwand der Mann mit der roten Zipfelmütze vom Schirm, und ein wahrer Prachtkerl nahm seinen Platz ein. Nicolas wirkte, als habe man den Kopf einer jüngeren Version von Bundeskanzler Christian Wulff auf den Oberkörper von Ex-Bond Daniel Craig montiert, dessen wuchtige Statur immer den Eindruck erweckt, als habe man ihm Luft unter die Brustwarzen gepumpt. Selbstverständlich verunzierte – im Gegensatz zu Wulff – keine Brille den zugleich stählernen und jovial-treuherzigen Blick des Erwählten, und sein raubtierhaftes Siegerlächeln legte eine makellos weiße Zahnreihe frei.

    „Er sieht gut aus“, räumte ich widerstrebend ein. „Er sieht fantastisch aus!“, schwärmte Anna und fügte mit Blick auf mich hinzu: „Ich weiß, ich weiß: Man sagt, dass die Natur Schönheit, Intelligenz und einen guten Charakter niemals freigiebig an ein und denselben Menschen verteilt. Doch bei Nicolas ist das anders, glaub mir, Nicolas ist perfekt!“

    „Aber Anna, du weißt doch, wie das läuft: ‚Perfekt’ – sind wir das nicht alle, am Anfang? Weißt du noch, was du mir damals ins Ohr gehaucht hast: „Du bist nicht nur die Liebe meines Lebens, du bist die eine und einzige Liebe aller meiner Leben!“

    „Ja ja“, versuchte Anna peinlich berührt auszuweichen. „Irren ist menschlich und manchmal eben auch weiblich. Aber du verstehst nicht, was ich sagen will. Ich meine: Nicolas ist wirklich perfekt, sozusagen perfekt mit offiziellem Zertifikat.“ Anna griff ein Nachrichtenmagazin vom Tisch, das auf einer bestimmten Seite aufgeschlagen war, einer Werbeseite: nebeneinander die Fotos von zwei Auberginen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, die auf der linken Seite deformiert, verschrumpelt und von hässlichen Wurmlöchern durchstochen, die dunkelviolette Oberfläche von mattem, unregelmäßigem Glanz, die Aubergine auf der rechten Seite dagegen von vierfachem Volumen, makellos, prall wie ein Luftballon und schwarz glänzend wie ein frisch lackierter Konzertflügel. Über beiden Fotos der Slogan: „SchulzTech – the difference is obvious“.

    Ich kannte die Anzeige, eine Art medialer Vorher-Nachher-Show, in der sich der Schulz-Konzern, globaler Marktführer auf dem Gebiet der Erbgutpatente, als Schöpfer makelloser Tomaten, Himbeeren, Äpfel etc. empfahl – letzthin sogar mit Hunden und Milchkühen. Immer war die Botschaft dieselbe: Das Gewöhnliche, Fehlerbehaftete und Erbärmliche kontrastierte mit dem Strahlenden, Fleckenreinen und Erhabenen. Ich verstand nicht. „Und was hat das Ganze mit Nicolas zu tun?“ …

    „Hast du nie von dem neuen, DNS-optimierten Menschentyp gehört? Sag mal, liest du keine Zeitung, seit du bei der Redaktion rausgeflogen bist?“ Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich begriff. Dann brach ich lachend aus: „Nicolas ist …“,prustete ich, „er ist … ein Schulz-Primat?“ „Man sagt: ‚Schulz-Humanoid’“, korrigierte mich Anna verärgert. „Aber ich möchte nicht, dass du so über Nicolas redest. Das ist doch nur der Neid. Wenn überhaupt, dann ist er ein genbereinigter Schulz-Humanoid der neuesten Generation. Es ist aber auch nicht falsch, ihn weiterhin als Menschen zu bezeichnen. Vielleicht ist Nicolas sogar mehr Mensch, ich meine: in einem höheren Sinne Mensch als du und ich zusammen.“

    Der Ausdruck „Schulz-Primat“ war mir einfach so rausgerutscht. Vor ungefähr fünf Jahren, als SchulzTech das Patent auf die Himbeerpflanze und ihren kompletten genetischen Code angemeldet hatte, war die neue Sprachregelung noch ungewohnt gewesen: „Schulz-Beeren“, das ging konservativen Menschen wie mir nicht leicht von der Zunge. Später, als Schulz das Monopol auf die genetische Optimierung von immer mehr traditionellen Nutz- und Kulturpflanzen an sich riss, gewöhnte man sich an die seltsamen Wortungetüme: Es gab Schulz-Beeren, Schulz-Nachtschattengewächse (Tomaten), Schulz-Hülsenfrüchte (Bohnen) und schließlich, nachdem die Patentierung von Nutztierarten legalisiert worden war, auch Schulz-Paarhufer (Schweine) und Schulz-Carnivoren (Hunde). Das Seltsame war, wie schnell sich die Bevölkerung daran gewöhnte. Kaum war ein neues Patent vergeben und eine neue Sprachregelung über die Medien bekannt geworden, konnte man nirgendwo mehr einfach von „Kühen“ sprechen, ohne von einem Besserwisser mit ernstem Gesicht korrigiert zu werden: „Sie meinen: Schulz-Wiederkäuer!“

    Irgendwann kam einer meiner Freunde dann auf den absurd anmutenden Gedanken, dass Schulz demnächst wohl auch das Patent auf menschliches Erbgut anmelden würde. Wir überlegten, wie die neue Spezies heißen könnte, und kamen unter einhelligem Gelächter auf „Schulz-Primat“ – die Wortschöpfung machte die ganze Absurdität des Gedankens „Patent auf menschliches Leben“ schlagartig deutlich. Wie amüsierten uns köstlich, und „Schulz-Primat“ wurde in meinem Bekanntenkreis zum geflügelten Wort. Wir lachten so lange, bis in der Zeitung über die ersten Verhandlungen zwischen SchulzTech und der Regierung über die Vergabe des Patents an genetisch optimiertem menschlichem Erbgut berichtet wurde. Der Papst, attac und ein paar unverbesserliche, ethisch gesinnte Fundamentalisten protestierten zwar noch eine Weile; doch schon bald wirkten die Gegner des neuen „Schulz-Menschen“ ungefähr so altbacken wie die Verteidiger der klanglichen Überlegenheit von Vinyl-Langspielplatten. Bilder der ersten Schulz-Babys gingen kurz darauf durch die Presse: stramme, quietschvergnügte, vor Vitalität strotzende Kinder, kleine Schönheiten allesamt, die ihren stolzen Eltern nichts als Freude zu bereiten schienen. „Entschuldige, Anna, aber ich wusste nicht, dass die schon so weit sind“, sagte ich verlegen. „Ich dachte, das wären alles noch kleine Windelkacker.“

    „Die neue genetische Programmierung ermöglicht es, den Wachstumsprozess um das Zehnfache zu beschleunigen“, dozierte Anna, die sich gut in die Materie eingearbeitet hatte. „Schulz-Humanoiden bleiben nur etwa fünf Wochen im Uterus und fallen nach der Geburt praktisch auf ihre Füße – wie kleine Fohlen, die oft schon wenige Minuten nach der Geburt, wenn auch wackelig, selbst laufen können. Schulz-Menschen sind nach dreieinhalb Monaten trocken, schreien nur selten und machen auch sonst ihren Müttern kaum Mühe. Selbst die wenigen Exkremente, die sie produzieren, riechen dank neuartiger genetischer Programmierung eher angenehm: wie frischer Humus mit einem Hauch von Lavendel.“

    „Vor zwei Jahren wurden die ersten Babys geboren, und du willst ernsthaft behaupten, dass Nicolas in diesem Zeitraum zu einem Mann herangewachsen ist? Du musst dich beeilen, seine Vorzüge zu genießen, sonst ist er in weiteren zwei Jahren ein Greis und in drei Jahren zum Skelett verfallen“, spottete ich.

    „Du irrst dich“, korrigierte mich Anna ruhig. „Schulz-Humanoide können ihre optimale Körperform, wenn sie einmal erreicht ist, über ca. 120 Jahre aufrechterhalten. In diesem Zeitraum findet kaum ein sichtbarer Alterungsprozess statt. Schau hier …“Sie zeigte auf die beiden Auberginen, und ich verglich die Daten, die darunter aufgelistet waren. Linke Aubergine: Haltbarkeit bei Zimmertemperatur maximal vier Tage, rechte Aubergine: bis zu 12 Tage. Die Langlebigkeit der neu codierten Feldfrüchte zählte zu ihren populärsten und offensichtlichsten Marktvorteilen. Warum sollte das bei menschlichem Genmaterial anders sein?

    Ich war nun doch etwas verärgert. „Ach, soll das etwa heißen, dass ich dieser kleinen, verschrumpelten Aubergine entspreche und Nicolas der großen, prallen? Dein Macker ist also der edle Elbenprinz, und ich bin Gimli, der hässliche Zwerg?“ „Na ja“, beschwichtigte Anna wenig überzeugend, „du siehst auch nicht schlecht aus, vor allem wenn du bei der Körperpflege ein bisschen besser auf dich achten würdest …“ Verunsichert versuchte ich unauffällig unter meinen Achselhöhlen zu schnuppern. In der Tat stand es um Pflege, Outfit, Haarschnitt etc. bei mir zurzeit nicht zum Besten, vor allem nach meiner Krankheit und seit meine finanzielle Misere eskaliert war. „Aber, sei mir nicht böse, mit Nicolas kannst du dich dann doch nicht vergleichen. Er ist …“

    „… perfekt, ich weiß. Vermutlich hat er auch keine charakterlichen Schwächen?“

    „Hybrid-Männer sind mit einem Gen-Code ausgestattet, der ihnen die optimale mentale Verarbeitung negativer Umweltreize ermöglicht. D.h., die bei Männern sonst üblichen Neurosen und psychischen Unzulänglichkeiten sind quasi wegprogrammiert. So was wie Kindheitstraumata gibt es praktisch nicht, zumal die Eltern, die ein solches Prachtkind austragen dürfen, von Schulz vorher sorgfältig ausgesucht werden. Und welchen Grund hätten Eltern, ein Kind schlecht zu behandeln oder zu traumatisieren, das schlichtweg perfekt …“

    „Ja, ich weiß.“

    „Hybrid-Männer gleichen dem strahlend blauen Himmel an einem wolkenlosen Tag, bei normalen Männern ziehen dagegen immer Wolken vorbei. Verstehst du: In Nicolas’ Seele gibt es keine dunklen Flecken! Ich bin noch nie einem Menschen begegnet wie ihm: Er belastet mich nie mit eigenen Problemen, sondern reflektiert mich wie ein klarer Spiegel, weil er im Gegensatz zu gewissen anderen Männern nicht ständig um den eigenen Nabel kreist: Als Hybrid-Mann ist er sozusagen schwächenbereinigt, menschlichkeitsbereinigt!“

    Zum ersten Mal registrierte ich bewusst das merkwürdige Wort: „Hybrid-Mann – was bedeutet das eigentlich?“, fragte ich plötzlich hellwach. Sollte etwa … Tatsächlich, Anna antworte: „Das ist doch klar, Hybrid-Männer sind unfruchtbar. Wenn sie zum Orgasmus kommen, ejakulieren sie nicht, da ist nichts, was herauskommen könnte. Und das, obwohl es ihnen sonst, was die Funktionstüchtigkeit betriff, an nichts fehlt – ganz im Gegenteil. Ich sagte ja: schwächenbereinigt.“ Anna zwinkerte mir zu und fuhr mit träumerisch-genüsslichem Blick fort: „Du musst zugeben, dass das enorme Vorteile mit sich bringt. Es besteht keinerlei Gefahr, schwanger zu werden, das Thema Verhütung entfällt komplett. Damit muss ich auch in keinerlei Weise vorsichtig sein: du weißt schon, wegen Patentrechtsverletzung.“

    Ich konnte nur ahnen, was sie damit meinte: Das zur Erzeugung der Humanoiden notwendige Sperma wurde in Labors gezüchtet, wer also den Wunsch nach einem „besonderen Kind“ verspürte, musste für teures Geld genoptimiertes Sperma bei SchulzTech kaufen. Wer sich Schulz-Genmaterial auf illegalen Wegen besorgte, konnte wegen Genpiraterie und schwerem Verstoß gegen geltendes Patentrecht zu Haftstrafen nicht unter fünf Jahren verurteilt werden.

    „Dann ist doch alles in Ordnung. Mir ist das egal, solange es mich nicht betrifft …“

    „Du verstehst immer noch nicht, hm? Du scheinst wirklich in den letzten Monaten auf einem anderen Planeten geweilt zu haben. Das neue Patentgesetz! Seit 1. Januar gilt: Verbot der Wildzeugung von Exemplaren einer patentrechtlich geschützten Spezies.“

    „Wie bitte?“ Ich starrte Anna mit offenem Mund an.

    „Also gut, noch mal von vorne für den begriffsstutzigen Mann der Prä-Schulz-Ära: Seit Jahresbeginn ist das Erbgut der gesamten menschlichen Spezies Eigentum von SchulzTech. Darauf haben sich UNO, Weltbank und Weltpatentamt im letzten Herbst geeinigt. Erinnerst du dich nicht an die Massendemonstrationen mit über 30 Teilnehmern am Münchner Odeonsplatz im November? ,Stoppt Schulz! Kein Patent auf menschliches Leben’ und so weiter. Die Protestwelle ebbte schnell ab, es regte sich kein nennenswerter Widerstand mehr, und das heißt: Ab 1. Januar ist die Menschheit quasi Eigentum von Schulz. Verboten ist nicht nur, sich Sperma von SchulzTech widerrechtlich anzueignen, verboten ist auch, ein Kind zu zeugen und auszutragen, das nicht bei Schulz ordnungsgemäß bestellt und bezahlt worden ist. Was meinst du, warum die Abtreibungsraten so in die Höhe schießen? Pure Angst, wegen Patentrechtsverbrechen belangt zu werden. Poppen ist jetzt sozusagen illegaler Sperma-Download.“ Anna zitierte einen verbreiteten Werbeslogan, den sie – einschließlich des ernst-bedrohlichen Tonfalls – perfekt imitierte: „Menschliches Erbgut ist keine Freeware. Genpiraterie ist kein Kavaliersdelikt. Wer menschliches Leben wild und unter Umgehung der geltenden Rechtsnormen erzeugt, macht sich strafbar. Helfen Sie der Polizei. Bringen Sie illegale Schwangerschaften zur Anzeige.“

    „Aber …“, versuchte ich bestürzt einzuwenden. Ich konnte nicht ausreden, weil in diesem Moment der Schlüssel in Annas Wohnungstür ging. Die Tür öffnete sich mit einem entschlossenen Schwung – vor mir stand Nicolas.

    Er wirkte noch mächtiger, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Der anthrazitfarbene, seidige Stoff seines Maßanzugs schmiegte sich perfekt um seine Muskelberge. Von seinem Gesicht sah ich zunächst nicht viel, da Nicolas, ohne mich auch nur anzusehen, sogleich begann, Anna ausgiebig zu begrüßen. „Hallo, meine Schöne, meine Zuckerschnute“ rief er mit volltönender Stimme. Dann küsste er sie nicht nur, er wühlte mit seiner Zunge in ihrer Mundhöhle, wie ein Kind eine Schüssel Pudding ausschleckt, während er meine Anwesenheit kurz aus dem Augenwinkel registrierte. „Ah, und da ist der werte Verflossene.“ Genüsslich fuhr er sich mit der Rückhand über seine makellosen, vollen Lippen, bevor seine große Hand die meine mit kernigem Griff umfasste. Zwei Augen von der Klarheit eines Bergsees fixierten mich herausfordernd, während sich seine dichten Brauen dachförmig nach oben wölbten. „Freut mich, freut mich.“ Und zu Anna hinüberzwinkernd: „Tolle Frau! Aber wem sage ich das, nicht wahr?“

    Dann spürte ich unvermutet einen leichten Klaps seiner Rückhand auf meinem Bauch und zuckte zusammen. „Du hast ja mächtig zugelegt, mein Lieber. Auf den Fotos siehst du jedenfalls um einiges schlanker aus.“ Unwillkürlich fühlte ich mich unbehaglich und schielte zu meinem Bäuchlein hinunter. „Ich hatte in der letzten Zeit etwas Stress. Kam nicht so zum Sporttreiben …“, setzte ich zu einer Erklärung an.

    „Nein, nein“, unterbrach mich Nicolas und fixierte mich mit zwingendem Blick, „keine Entschuldigung! Wie sagt Jonathan Sunday so schön: Es gibt keine Entschuldigung für Entschuldigungen.“ Mir war der Name des amerikanischen Mentaltrainers Jonathan Sunday, Autor des Weltbestsellers „Pray for Cash“, natürlich ein Begriff. „Wenn du eingesehen hast, dass du zu dick bist, dann fang nicht an, mir das zu erklären, sondern triff eine Entscheidung und ändere dein Verhalten Schritt für Schritt. Ich z. B. gehe jeden Morgen eine Stunde joggen, bevor ich meinen Rote-Beete-Saft trinke. Da bin ich eisern. Keine Ausnahmen, keine Entschuldigungen. Es gibt zwei Typen von Menschen, weißt du, welche das sind?“ Ich fühlte mich wie ein Schüler in einer Prüfung und zuckte mit den Achseln. „Es gibt Gewinner und Verlierer. Und weißt du, was die einen von den anderen unterscheidet? Für einen Verlierer sind immer nur die anderen daran schuld daran, was sie aus ihrem Leben gemacht haben: Mal ist es das Milieu, mal die Eltern, der Lehrer, der Chef …“ Nicolas kam mit seinem Gesicht jetzt noch näher, sodass ich sein Rasierwasser und den reinen Minzegeruch seines Atems riechen konnte. „Ein Gewinner dagegen trifft Entscheidungen und übernimmt die Verantwortung dafür. Was machst du übrigens beruflich?“

    Ich merkte, wie ich an den Handflächen und unter den Achseln zu schwitzen begann, und fühlte mich am ganzen Körper klebrig und verschlackt. Mein bisheriger beruflicher Weg erschien mir auf einmal wie eine ununterbrochene Kette von Fehlleistungen und Versagen. „Ich bin … nun ja, das lässt sich nicht so in einem Satz sagen … ich betreibe ein unabhängiges Webmagazin ...“ „Wie viele Hits pro Tag? Wie viele Einnahmen durch Bannerwerbung?“, unterbrach mich Nicolas ungeduldig in zackigem Tonfall. „Nun ja, das Magazin ist im Moment eigentlich erst im Aufbau begriffen. Es ist noch ein bisschen Arbeit nötig, bis es mich finanziell trägt …“

    „Er ist Hartz-IV-Empfänger.“ Ich quittierte Annas Verrat mit giftigem Blick. Wider Erwarten reagierte Nicolas jedoch gnädig.„Na ja, das macht ja nichts. Es kommt nicht so sehr darauf an, ob jemand fällt, sondern – worauf?“ bellte er und ließ seine rechte Hand ungeduldig in Brusthöhe kreisen, womit er sagen wollte, dass ich mich mit der Antwort zu beeilen hätte. „Es kommt darauf, an ob jemand die Kraft hat, wieder aufzustehen“, antwortete ich brav in der Hoffnung, das Gespräch durch mein Entgegenkommen abkürzen zu können. Weit gefehlt.

    „Ganz genau!“ Sein Zeigefinger deutete wie eine Lanzenspitze auf mich. „Es kommt darauf an, ob man fähig ist, genau einmal öfter aufzustehen als hinzufallen.“ Nicolas legte seine Hand auf meine Schulter, die unter dem Druck leicht nachgab, und setzte seinen unerschütterlichen Motivationsblick auf. „Kennst du die Geschichte von den beiden Brüdern? Der eine landet als Obdachloser unter der Brücke, der andere wird ein erfolgreicher Day-Trader mit eigenem Maklerbüro, Haus in der Elbchaussee und Ferienhaus an der Costa del Sol. Und weißt du, was beide unisono geantwortet haben, als sie gefragt wurden, was sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind? ,Kein Wunder’, haben beide gesagt‚ ,bei den Eltern!’ – Verstehst du, was ich meine?“ Ich nickte. „Und siehst du, deshalb möchte ich von dir nie wieder – verstehst du mich: nie wieder – hören, dass irgendjemand anderes für dein Leben die Verantwortung trägt als du selbst.“

    Ich merkte, dass ich gegen Nicolas’ rhetorische Brillanz keine Chance hatte und versuchte es mit einer Flucht nach vorn. Vielleicht war das offenherzige Eingeständnis der eigenen Erbärmlichkeit der Weg, um Gnade vor den Augen des Makellosen zu finden. „Sicher hast du recht, Nicolas. Ich wollte sowieso diese Woche wieder mit dem Schwimmen im Volksbad anfangen. Es hat erst letzten Samstag wieder geöffnet. Die Trennung von Anna hat mich nur etwas traurig gestimmt. Ich brachte morgens einfach nicht die Energie auf …“

    „Nein, nein, nein!“, unterbrach mich Nicolas. Ich starrte ihn eingeschüchtert an. Er blitzte zurück. „Nicht Anna war es, du hast dich dazu entschlossen, dich traurig zu fühlen. Ebenso gut hättest du dich entschließen können zu sagen: ‚Na gut, ich habe sie verloren. Aber schon heute beginne ich damit, mein neues Leben erfolgreich und dynamisch zu gestalten. Dann bin ich auch für eine neue Frau wieder ein attraktiver Partner.’“

    „Okay, okay. Ab heute beginne ich, mein Leben erfolgreich und dynamisch zu gestalten …“, wiederholte ich leiernd. Es muss wohl eher unwillig geklungen haben. „Nein, nein, nein!“, schimpfte mein neuer Coach. „Bauch rein, Schultern nach hinten, Beine fest auf dem Boden und erst mal drei kräftige Atemzüge. Es ist nicht nur die innere Haltung, die die äußere Haltung beeinflusst, diese Regel gilt genauso gut auch umgekehrt.“ Nicolas’ Charisma zeigte Wirkung, ich gehorchte und atmete in soldatischer Körperhaltung ein und aus, ein und aus, ein und ... Die Übelkeit überkam mich unerwartet und jäh. Ohne noch etwas erklären zu können, rannte ich auf die Toilette und übergab mich in einem säuerlich riechenden Sturzbach. Wankend kam ich wieder heraus, verschwommen sah ich, dass Nicolas schon wieder zu einer Rüge ansetzte und stammelte schnell:„Also, äh, ich habe mich dazu entschlossen, Übelkeit zu empfinden und mich auf dem Klo zu erbrechen … und … ich glaube, ich habe mich auch dazu entschlossen, jetzt nach Hause zu gehen.“

    „Setz dich erst mal“, sagte Anna mit plötzlicher Wärme in ihrer Stimme und brachte mir ein Glas Mineralwasser. Das war immer eine Stärke von ihr gewesen: So kühl sie im Alltag wirken konnte, wenn es mir oder jemand anderem wirklich dreckig ging, war auf sie Verlass. „Du musst nicht so streng mit ihm sein“, wandte sie sich an Nicolas, so wie eine Mutter den strengen Vater um Schonung für den Sohn bittet. „Er hat halt nicht deine Gene.“

    „The difference is obvious“, antwortete Nicolas ironisch, um gleich darauf ungerührt wieder auf mich einzureden: „Atme tief und sprich bei jedem Atemzug im Gedanken: Mir geht es gesundheitlich in jedem Augenblick immer besser und besser.“ Ich nickte und war froh, als Anna plötzlich rief: „Schon wieder eine Spinne!“ Fast zärtlich blickte sie zu einem schummrigen Winkel an der Zimmerdecke. Tatsächlich hockte dort zwischen staubigen Fäden ein recht großes Exemplar, hochbeinig, mit schlankem Körperbau.

    „Anna, hatten wir nicht ausgemacht, dass das Ordnungsniveau in deiner Wohnung …“, setzte Nicolas an. „Ich weiß, Schatz, aber ich hatte in den letzten Wochen immer erst so spät Dienstschluss, musste für eine Kollegin einspringen …“ „Anna!! Was hatten wir ausgemacht?“ „Ich weiß, Schatz, keine Entschuldigungen. Du hast natürlich recht.“ „Ganz genau.“

    „Ich hol sie“, sagte ich und ging in die Küche, um die Utensilien zum Spinnenfang zu holen: den alten Plastikbecher rechts unten im Küchenschrank und einen quadratischen Notizzettel von Annas Zettelblock, der immer auf dem Telefonschrank lag. Anna mochte Spinnen. Als wir noch zusammen waren, hatten wir eine besonders dicke Kreuzspinne sogar als eine Art Haustier adoptiert. Wir hatten keine Angst vor ihr, nannten sie „Kankra“ und beobachteten sie oft stundenlang fasziniert beim Netzbau. Manchmal, wenn die Fäden im Licht glitzerten, ergaben sie ein bezauberndes, hauchzartes Muster vor der Fensterscheibe, während Kankra trotz ihres kugelförmigen, massigen Körpers mit erstaunlicher Eleganz auf ihrem Netz hin und her balancierte. Anna bestand darauf, ihr den Lebensraum zu lassen, solange sie wollte, obwohl ich dafür plädierte, sie vorsichtig mit der Becher-Papier-Methode nach draußen zu befördern. Irgendwann war das Netz dann über Nacht verschwunden. Offenbar war Kankra freiwillig gegangen, weil in unserer Wohnung nicht genügend Fliegen verkehrten.

    Ich stieg also jetzt auf einen Stuhl und näherte mich vorsichtig mit Becher und Papier der Spinne. Sie musste aber etwas gewittert haben, denn immer entkam sie dem Becher um Haaresbreite. Ich stieß auch nicht so schnell und heftig zu, wie ich es hätte tun können, denn ich hatte Angst, die zarten Beine der Spinne einzuklemmen und mit dem Becherrand irreparabel zu beschädigen.

    „Nun wollen wir das traurige Spiel aber mal ein wenig abkürzen.“ Ich rückte den Stuhl gerade in eine andere Position, um die Spinne besser erreichen zu können, da hörte ich ein lautes Klatschen. Triumphierend präsentierte uns Nicolas eine TV-Zeitschrift, auf der platt gedrückt die Spinne klebte. Ich suchte Annas Blick. Ob sie wohl dasselbe empfand wie ich? Doch sie wich mir aus. „Ich töte Spinnen normalerweise nicht“, murrte sie mit gedämpfter Wut. „Sie hat ihre Chance gehabt. Wer zu langsam ist, den bestraft das Leben“, sagte Nicolas ungerührt. Und er vergaß nicht, an mich gewandt hinzuzufügen: „Wie bei der Jobsuche, mein Lieber.“

    Anna schüttelte leicht den Kopf. „Was ist?“, schnauzte Nicolas. „Machst du mir Vorwürfe wegen dem Spinnenvieh?“ „Sie wollte vielleicht auch leben.“ „Es geht nicht darum, ob jemand leben will, Anna. Es geht darum, ob er stark genug ist, sich sein Leben auch zu verdienen. Das ist ja gerade der Irrglaube, der zu dem beklagenswerten Verfall der Menschheit geführt hat: Ihr wollt sie alle am Leben lassen: die Schwachen, die Trägen, die Ineffektiven … Es rechnet sich aber nicht, gesellschaftliche Ressourcen an die Schwachen zu verschwenden. Wenn ihr das nicht begreift, dann seid ihr eine zum Aussterben verurteilte Spezies – genetisch defekte Auslaufmodelle, deren historische Bedeutung sich darin erschöpft, uns den Weg bereitet zu haben.“ „Jetzt übertreibst du aber, Schatz“, meinte Anna.

    „Wahrscheinlich hat er recht“, sagte ich. „Ich habe sowieso schon länger den Eindruck, dass das Wirtschaftsleben fast nur noch aus Menschen wie Nicolas besteht. Die genetische Optimierung wäre vielleicht gar nicht notwendig gewesen.“

    „Ah, der Herr Transferleistungsempfänger versucht, witzig zu sein“, sagte Nicolas in einem Tonfall, der ruhig, überlegen und zugleich bedrohlich klang. „Menschen wie ich, wie du dich auszudrücken beliebst, leisten Tag für Tag einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Zum Beispiel wie in meinem Fall, indem sie zur Zwangsversteigerung freigegebene Häuser billig aufkaufen und sie dann mit hohen Preisaufschlägen an Interessenten weiterverkaufen.“

    „Es stimmt, von der Not anderer zu profitieren, qualifiziert ihn eindeutig als Spezies der Zukunft“, sagte ich augenzwinkernd zu Anna. Ich fühlte mich jetzt wieder besser und gegen meine Gewohnheit sogar ein bisschen kampfeslustig.

    Aus Nicolas’ sonst so heiter-nichtssagendem Blick funkelte mich für einen Augenblick konzentrierter Hass an, der mich zusammenzucken ließ. „Ich verspreche dir, Schlaumeier, dass auf diesem Planeten in weniger als fünf Jahren alle maßgeblichen Machtpositionen von uns besetzt sein werden. Wie es um die Zukunft eurer wehleidigen und ineffizienten Spezies bestellt sein wird, darüber entscheiden dann wir. Für Loser wie dich, die sich uns in den Weg zu stellen versuchen, sehe ich dann jedenfalls schwarz – ganz, ganz schwarz.“ Nicolas verzog seinen Mund zu einem breiten Schwarzenegger-Grinsen, das mehr Beißlust als Heiterkeit ausdrückte.

    „Vergiss nicht, dass wir in der Mehrheit sind“, erwiderte ich frech, musste dabei aber gegen eine aufkommende kalte Angst ankämpfen. „Auch das ist wieder so ein Denkfehler, der mir beweist, wie wenig zukunfts- und wettbewerbsfähig eure genetische Codierung ist. Kannst du dich erinnern, dass sich politische Entscheidungen in letzter Zeit jemals danach richteten, was die Mehrheit der Menschen will? Politisches Handeln befindet sich schon lange in einem fortschreitenden Prozess der Emanzipation von den Vorurteilen und überholten Denkmustern des unwissenden Volkes. Ein Politiker ist nicht dem Besitzstandsdenken des Pöbels, sondern einzig seine überlegenen Einsicht in das Notwendige und Zukunftsfähige verpflichtet.“ Wieder traf mich sein scharfer Minzeatem aus nächster Nähe wie ein Geschoss, und ich sah in seine kalten Augen wie in einen endlosen Brunnenschacht, von dessen Grund mich statt des Leben spendenden Wassers die kalte, ungeformte Weite des Nichts anblickte. Mich fröstelte, und ich musste den Blick abwenden. Nicolas wusste jetzt, dass mein Widerstand gebrochen war, und holte zu einem letzten, vernichtenden Schlag aus: „Und für die Weiterexistenz von Lebensformen wie dir entfällt schon in naher Zukunft jede Notwendigkeit – sowohl in genetischer Hinsicht als auch in punkto ökonomischer Effizienz.“ Ich schwieg eingeschüchtert.

    „Für außergewöhnlich hübsche Angehörige der alten Spezies machen wir aber eine Ausnahme“, sagte er dann in wieder lockerem Tonfall und drückte Anna mit heftigem Griff um die Hüfte an sich. „Und jetzt wären Anna und ich dir sehr verbunden, wenn du uns allein lassen würdest und zurück an deine Arbeit – entschuldige, du arbeitest ja gar nicht, also: zurück an deine Arbeitslosigkeit – gehen würdest.“

    Ich sah Anna an, wohl in der wahnwitzigen Hoffnung, sie würde Nicolas widersprechen. Doch sie blickte zu Boden und ließ sich dann wehrlos wie eine Puppe in die Arme ihres Liebhabers sinken. Ohne ein Abschiedswort und ohne mich noch einmal umzublicken, schloss ich die Tür hinter mir.


    Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

    Leider keine passenden Vorschläge zu diesem Artikel.