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  • Hey Jude – you made me cry

    Über Pseudojournalismus und Indoktrination

    Von FRIEDERKE BECK

    Vor kurzem ging ich zum Frisör – es musste wirklich sein: Meine Dauerwelle hing kraftlos herunter, und das deprimierte mich. Während ich wartete, stöberte ich gelangweilt-entspannt in den dort ausliegenden zerlesenen Käseblättern und stieß auf eine ältere Nummer von HELLO, englisches Vorbild und Artikellieferant für einen Haufen ähnlicher Zeitschriften: viel Hofberichterstattung, viel Bild, viel Herzschmerz.

    Da war auch ein Bericht über den als Schönling, Herzensbrecher und Schauspieler gehandelten Jude Law. Nun, ich finde Jude insignifikant, aber der Artikel interessierte mich dennoch: Immerhin hatte er das „kriegszerissene Afghanistan“ besucht, und ich meinte, über Afghanistan doch einiges zu wissen. Bein Lesen stockte mir dann aber gleich mehrmals der Atem.

    Offensichtlich hatte Jude, der für diesen Artikel vom Sexsymbol ganz plötzlich zum verantwortungsbewussten, mehrfachen Vater gewendet war, im Sommer letzten Jahres einen Aktivisten von „Peace One Day“ nach Afghanistan begleitet, der dort einen Dokumentarfilm drehte, welcher demnächst erscheinen soll. In Afghanistan habe man die britischen Truppen, UNO-Diplomaten, Unicef-Leute, afghanische Minister und viele, viele, viele Kinder besucht.

    Doppelseitiger Ausriss aus der „HELLO“: Propaganda ...

    Der Artikel war ein Paradebeispiel für Pseudojournalismus und Indoktrination, der es wert wäre, an einer Journalismusschule mit den Studenten als Negativbeispiel für manipulativen Journalismus Satz für Satz analysiert zu werden.

    Der im Herbst 2008 in den Staaten herausgekommene sehr empfehlenswerte Film „War Inc.“ benutzt für diese Form der Geißelung der Realität die treffende Vokabel „implanted journalism“, was den offiziellen amerikanischen Begriff „embedded journalism“ auf den Punkt bringt: In dem mit Krieg überzogenen Land recherchieren Journalisten vor ihrer Berichterstattung nicht mehr, sondern sie lassen sich, bevor sie eine Art „Reality-Kriegsshow“ in einem speziellen Kino besuchen, einen Mikrochip mit einem kleinen Pistölchen hinters Ohr schießen, wodurch sie dann in der Lage sind, „der Kriegswirklichkeit“ im Kino unglaublich gefühlsecht nahe zu kommen und dabei sogar ein bisschen in ihren Kinositzen durchgerüttelt werden.

    Bei der Beschreibung von Jude Laws heldischer Reise in das mit Krieg überzogene Land wurde denn auch nicht mit aspartamgesüßten, gefühligen Worten gespart – „Kummer, Leid, bewegt, leidenschaftlich, emotionaler Moment“ etc. Leider alles nur Tarnung: Denn in der übersüßten Buchstabentorte fanden sich zwei fette, hochgiftige Kröten neben ein paar kleineren, die zu schlucken man den Lesern natürlich schmackhaft machen musste.

    Hüstelnd riss ich die beiden Seiten aus der HELLO heraus und steckte sie möglichst unauffällig in meine Handtasche. Anschließend machte ich ein Experiment. Ich hielt den Artikel zwei aufgeweckten Abiturientinnen unter die Nase, die beide sehr gut Englisch beherrschen und ließ sie nach den Kröten suchen. Nach 10 Minuten, hatten sie noch nichts „Anormales“ entdeckt, und so insistierte ich: „Sucht, sucht!“ Erneutes Lesen – nichts. So gut beherrschte man also sein Handwerk beim Flaggschiff aller Käseblätter …

    • Kröte eins: 
      In einem Krankenhaus in Jalalabad wurde er [Jude] mit dem Anblick von winzigen, verhungernden Babys konfrontiert – etwas, das beinahe zu herzzerreißend war, um es aushalten zu können. „Man hatte die Frauen dazu gebracht, sich ihrer Brüste zu schämen, daher stillten sie nicht“, „Sie versuchten, Neugeborenen Kekse zu füttern. Diese Babys würden sterben. Das als Vater zu sehen, war so schmerzlich.“
    • Kröte zwei:
      In dem von Krieg und Hass zerrissenen Land bewegte es Jude auch, einfache Handlungen voller Mut und Optimismus bei ganz gewöhnlichen Menschen zu sehen. Er besuchte eine Schule in einem Flüchtlingslager, wo zwei Wochen vorher ein Schüler getötet worden war. „Fünfundzwanzig kleine Mädchen, alle 13 Jahre alt, standen auf und sagten ‚Ich will Ärztin werden’“, erinnert sich der Schauspieler. „Einige waren von aufständischen Gruppen beschossen worden, wegen der Glaubensvorstellung, dass Mädchen keine Schulbildung haben sollten.“
    ... unter dem Deckmantel des Gutmenschentums
    Ja wenn das so ist, finde ich auch, dass der Krieg in Afghanistan weitergeführt und noch mehr Truppen in dieses sich selbst zerfleischende Land entsendet werden müssten: Man darf doch nicht zulassen, dass islamische Frauen im Sinne eines Propheten so falsch erzogen werden, dass sie aus frauenfeindlicher islamischer Prüderie heraus ihre Neugeborenen Kinder mit Keksen umbringen und dass kleine Mädchen wie Häschen von bärtigen islam-faschistischen Aufständischen abgeknallt werden, nur weil sie gerne auch zur Schule gehen möchten …

    Propaganda arbeitet immer perfide und wird mehr und mehr in die Hände professioneller PR-Agenturen gelegt, die Kriege vorbereiten, beiarbeiten und nachbearbeiten. Sie zielt auf die Stimulation von Emotionen und biologischen Instinkten ab, die das rationale Denkvermögen lähmen sollen und die Propaganda direkt in unser Unterbewusstsein einschleusen können. Der Mutter- bzw. Vaterinstinkt ist ein beliebtes Instrument, auf dem gespielt wird. Gräuelgeschichten haben eine lange Propagandatradition und ihre Funktion ist, einen siebenjährigen (länger als der Zweite Weltkrieg (!), aber eigentlich schon dreißigjährigen) Krieg, mit dem in diesem Fall Afghanistan von außen überzogen wurde und noch wird, in einen gerechten Krieg für Demokratie und Menschenrechte umzuwandeln, unser Denken und Gewissen zu umnebeln und uns über die wahren Motive plump zu täuschen.

    Diese Methode wird natürlich weiter angewendet werden, solange sie immer wieder ihren Zweck erfüllen kann. Wichtige Erfüllungsgehilfen und Multiplikatoren der Propaganda sind „Promis“ (Schauspieler, Sänger und andere VIPs), die von den Medien erst hochgejubelt und dann vor einen schmutzigen Karren gespannt werden, der ordentlich im Dreck steckt und in der Öffentlichkeit das wiederkäuen dürfen, was wichtigere Herren in dunklen Anzügen ihnen vorgekaut haben. Guten Appetit. Und „MUUUUH“.

    Damals waren es deutsche „Hunnen“, die im Ersten Weltkrieg belgische Babys zerstückelten, diesmal sind es irakische „Hunnen“, die kuwaitische Frühgeborene brutal aus ihren Brutkästen rissen und sie zum Sterben auf dem Boden liegen ließen. Dies verkündete damals Präsident Bush Senior dem amerikanischen Kongress und damit der Weltöffentlichkeit als Kriegsgrund für den ersten Golfkrieg. Kurz darauf stellte sich heraus, dass das Mädchen, welches diese Story als Augenzeugin beschrieben hatte, die Tochter des kuwaitischen US-Botschafters war, der PR-Agenturen professionelle Hilfestellung für ihren Auftritt gewährt hatte. Der HELLO-Propagandagriff in die Baby- und Kinderkiste ist insofern also nicht neu, doch angesichts des tatsächlichen Hintergrunds besonders infam.

    Die neuen Hunnen sind in dieser Weltregion die Taliban (im Zweifelsfall alle Afghanen, inklusive Hochzeitgesellschaften), generell alle „Aufständischen“ (alle, die eine andere Meinung haben), Muslime, (im Zweifelsfall als „Islam-Faschisten“ erkannt) und letzten Endes überall auf der Welt diejenigen, die sich den Traditionen ihrer eigenen Kultur irgendwie verpflichtet fühlen.

    Am 4. Juni 2008 fand im Rahmen der Sitzung des Menschenrechtsrats der UNO in Genf ein Treffen statt zum Thema „Die humanitäre Tragödie in Afghanistan – Menschenrechtsverletzungen und Auswirkungen auf die Gesundheit“. Auf dem Podium saßen vier Referenten: Der Afghanistanexperte, Politologe und Soziologe, Prof. Mohammed Daud Miraki, Chikago, der gerade von einem erneuten Afghanistanaufenthalt zurückgekehrt war, der Schweizer Lungenfacharzt und Internist Dr. Daniel Güntert und der ehemalige hohe UNO-Beamte und Professor an der Genfer „School of Diplomacy“, Dr. Alfred de Zayas. Leiterin der Konferenz war die Juristin Dr. Karen Parker, Präsidentin der Nichtregierungsorganisation  International Educational Development sowie der Association of Humanitarian Lawyers.1

    Miraki zeichnete ein erschütterndes Bild: Afghanistan sei in einem desolaten Zustand; aller Beteuerungen der Militärs zum Trotz sehe man von einem konstruktiven Wiederaufbau nichts, die Zahl der Hungernden steige ständig, die Menschen trauten sich wegen der ständigen Kampfhandlungen und der Bombardierungen nicht auf die Felder, einzig der Opiumanbau floriere in den Gebieten, die unter alliierter Kontrolle stehen. Die brachiale Gewalt, mit der bei der „Jagd auf Terroristen“ gegen die Bevölkerung vorgegangen werde, sei unbeschreiblich und eine krasse Verletzung der Genfer Konventionen und der Menschenrechte. Schwerpunkt seiner Darstellung war die Verseuchung des Landes durch den Einsatz „ultramoderner“ Bomben.

    Es häufen sich immer mehr Informationen, dass in Afghanistan, genau wie im Kosovo und im Irak, von den USA und ihren Verbündeten tonnenweise radioaktive Munition mit abgereichertem Uran verschossen wurde und wird, die weite Teile des Landes verseucht hat und auf immer verseuchen wird (Halbwertszeit dieses strahlenden Staubes: 4,5 Millionen Jahre!).

    Miraki dokumentiert die Auswirkungen (auch in einem Bildband „Afghanistan After ‚Democracy’, The Untold Stoy Through Photographic Images“) und wies erneut auf die rasant steigende Krebsraten und unfassbaren genetischen Missbildungen bei Neugeborenen hin, für die das abgereicherte Uran verantwortlich gemacht wird.

    Dr. Güntert erläuterte aus medizinischer Sicht dessen Wirkungsweise. Neu ist vor allem der kombinierte radiologische und chemisch-toxische Effekt ultrafeiner (Nano) Partikel, die bei Bombardierungen mit dieser Munition freigesetzt und eingeatmet werden. Gegen diese superfeinen Partikelchen hat der Körper keinen Abwehrmechanismus und sie werden daher „ungebremst“ über die Lunge aufgenommen. Daher forderte Karen Parker ein Verbot dieser Waffen. Prof. de Zayas beleuchtete die Aspekte des internationalen Rechts der afghanischen Tragödie. Er sprach davon, dass es den Anschein habe, dass die heilige Pflicht der UNO, Frieden zu schaffen und zu erhalten, gekapert wurde, um die Hegemonie der mächtigen Staaten aufrechtzuerhalten. Er forderte, es sei an der Zeit, die Bombardierungen und den „Kollateralschaden“ an der Zivilbevölkerung zu stoppen und die fremden Truppen abzuziehen, die von der Mehrheit der Bevölkerung nicht als Befreier, sondern als Besatzer wahrgenommen würden. Die Vereinten Nationen müssten die Afghanen vor der Zerstörungen ihrer Existenz und ihrer Umwelt schützen. Die Fortführung des Krieges sei sinnlos und kriminell, wie es die Bombardierungen von Nordvietnam, Laos und Kambodscha durch die USA in den 60er und 70er Jahren waren.

    In der Diskussion wurde gefordert, es dürfe nicht sein, dass unter dem Deckmantel von Frauenbefreiung, Demokratie und Kampf gegen den Terror internationales Recht missachtet wird und die internationale Gemeinschaft dazu schweige …

    Ob solche Äußerungen des UNO-Menschenrechtsrates deutsche Verantwortliche und Bundestagsabgeordnete wohl interessieren? Vermutlich nicht: Sie haben sicherlich eine viel bessere „Informationsquelle“ …

    Nach der aufregenden Lektüre von HELLO jedenfalls verließ ich den Salon eilig; mein Frisör hatte gerade noch Zeit, mir einen bösen Blick hinterher zu werfen. Wie hätte ich dem Mann aber erklären sollen, dass eine neue Dauerwelle überflüssig geworden war: Meine Haare standen wieder wie eine Eins – zu Berge.

     

    ANMERKUNGEN:

    1. vgl. Bericht Zeit-Fragen, Nr. 26, S. 4, 23.6.2008, www.zeit-fragen.ch

     


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