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  • Wirtschaftsspionage: Amerika hat Europa längst den Krieg erklärt

    Von BRUNI AMANN

    Nicht selten eröffnet eine Recherche unerwartete Nebenerkenntnisse. So stieß die Autorin bei Nachforschungen zu einem italienischen Papierhersteller mit Sitz in Triest auf eine amerikanische Internetplattform, die sämtliche Handelsbeziehungen der Italiener mit US-Firmen bereitstellt. Damit nicht genug, werden Warendetails, Empfänger, Transportfirmen und eine Reihe weiterer Handelsinformationen ebenfalls öffentlich zugänglich gemacht. Im Informationszeitalter ein ganz normaler Vorgang? Mitnichten. Ein genauerer Blick auf die Umstände dieser Veröffentlichungen offenbart einmal mehr die moderne Strategie amerikanischer Kriegsführung.

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    Als Anschauungsobjekt soll hierbei die Firma Import Genius (IG) dienen, ähnliche Geschäftsmodelle gibt es seit über zehn Jahren, zu nennen wären etwa Panjiva, Datamyne und PIERS. Import Genius wirbt mit dem „Zugang zu sämtlichen US-Importdaten seit 2006, effizienter Suche mittels ausgeklügelter Software (supply spy, import scan) nach Mitbewerbern, Lieferanten, Produktdetails, Ankunftshäfen und vielem mehr, visueller Darstellung sämtlicher Kontakte beliebiger Firmen, Emailalarm bei neuen Lieferungen, praktischem Herunterladen in XLX-  oder CSV-Format, sowie Videodokumentationen des Ankunftshafens in Echtzeit“.1 Momentan können an die 70 Millionen Transaktionen heruntergeladen werden, allein für Deutschland gibt es eine Liste von knapp 53.000 deutschen Importeuren mit den dazugehörigen Daten.

    Das destruktive Geschäftskonzept wird beschönigend mit einer positivistischen Geschäftsphilosophie verbunden. CEO Ryan Petersen: „Seit tausenden Jahren haben Importeure die Identität ihrer Lieferanten, Lieferumfänge, neue Produkttrends und andere Geheimnisse des Import/Export Geschäfts eifersüchtig bewacht. Viele dieser Handelsgeheimnisse werden den Wust an Daten, den Import Genius generiert, nicht überleben, einer Technologiefirma, die hunderte Millionen von Frachtpapieren bereitstellt, um Einsicht zu gewähren in Handelsbeziehungen, neue Produktpaletten und industrielle Entwicklungen […] Wir demokratisieren den Handel“. Mr. Petersen – ein neuer Robin Hood der Handelswege? Wohl kaum, der Service von IG kostet – je nach Leistungspalette – zwischen 99 und 399 US-Dollar im Monat. Der Konkurrent Datamyne verlangt das Dreifache, verfügt aber über komplette Datensätze zu (unwidersprochenen) 600 Millionen Frachtpapieren seit 2001.

    „Wir demokratisieren den Handel“

    Eine Analyse des Internetauftritts von IG bestätigt: Die häufigsten Zugriffe kommen, neben amerikanischen Nutzern, aus China, Indien und Mexiko. Zu welchem Zweck Produzenten aus diesen Nationen die exakten Handelsbeziehungen europäischer Firmen, bis hin zu Produktpaletten, erforschen, dürfte bekannt sein. Es war ein Leichtes, die von der Triester Firma gelieferten Kartonmappen samt Verkaufspreis und Abbildung zu eruieren. Diese Informationen stammen zwar von einem anderen Portal: dem amerikanischen Wiederverkäufer. Dennoch aber ist die Existenzgrundlage des italienischen Familienbetriebs von der Produktion bis zum Endverkauf lückenlos dokumentiert. Wie leicht muss es für chinesische Papierkonzerne sein, die speziellen Produktideen der Italiener zu kopieren und – ganz frech und direkt bei deren Handelspartnern – diese signifikant zu unterbieten? Die Italiener wundern sich eines Tages, warum keine Bestellungen mehr aus Amerika einlangen. Von der organisierten Industriespionage seitens der Asiaten, noch dazu mit amerikanischer Schützenhilfe, ist ihnen natürlich nichts bekannt – schließlich schweigen die europäischen Medien zu dem Skandal.

    Betriebsgeheimnisse ade: US-Dienstleister wie "Import Genius" machen – ganz legal! – sensible Unternehmensdaten öffentlich. Kunden des Portals, zumeist Hersteller aus Fernost, entrichten dafür gerne auch hohe Gebühren (Quelle: Bildschirmkopie Website Import Genius)

    Natürlich werden Portale wie IG  rege genutzt – zum einen von Produzenten, um die Konkurrenz auszuschalten, oder um deren Lieferanten und Transportfirmen zu eruieren. Zum anderen wird IG bereits, ähnlich kritiklos wie Wikipedia, von Journalisten oder Börsenanalysten zitiert und als zuvor nie dagewesene Datenbank genutzt. Diese Entwicklung wirkte sich auch auf niemand geringeren als den Technologiekonzern Apple aus: Als IG im Frühjahr 2008 via Live-Ticker „188 mysteriöse Containerlieferungen“ aus China meldete, spekulierten Wirtschaftsanalytiker mit der unmittelbar bevorstehenden Präsentation des neuen (geheim gehaltenen) 3G iPhones. Entsprechend veränderten sich die Börsenwerte des Konzerns.

    Existenzgefährdend oder gar strafrechtlich relevant wird das Portal, wenn Finanzbehörden etwa, oder Börsenanalysten bis hin zu Ratingagenturen Lieferumfänge und Umsätze über gewisse Zeiträume hinweg mit den firmeneigenen Angaben abgleichen. Auch hier zwingt das digitale Zeitalter den Menschen zunehmend in ein Korsett, das ihm die Luft nimmt und in der Folge seine Existenz zerstört. Am perfidesten sind wohl jene Schachzüge, die der einzelne gar nicht wahrnimmt. Die europäischen Mittelstandbetriebe sind sich der Gefahr nicht bewusst, die europäische Politik entpuppt sich wieder einmal als willfähriger Handlanger amerikanischer Macht- und Zerstörungstaktik.

    Widerstand gegen die detaillierte Offenlegung sämtlicher Handelsbeziehungen regt sich in den USA selbst, Anwälte geben zu bedenken, man könne Einspruch erheben gegen die Veröffentlichung einzelner Details. Selbstredend ist dieses Recht allein US-amerikanischen Firmen gewährt, der Europäer bleibt der asiatischen und amerikanischen Wirtschaftsspionage schutzlos ausgeliefert, ein Umstand, der unbestritten der Wirtschaft in Übersee nützt.

    In Internetforen ärgern sich wütende Kunden über nicht autorisierte Abbuchungen von ihren Kreditkarten und wollen IG vor Gericht bringen. CEO Petersen diffamiert diese Kritiker als Maulwürfe der Konkurrenz. Er offenbart die Einstellung vieler Amerikaner zu Privatsphäre und Datenschutz, indem er bereitwillig zugibt, die IP-Adressen von Kritikern durch einen Freund, der gleichzeitig Forumsbetreiber ist, bekommen zu haben. Man werde sich diese Leute vorknöpfen. Das Niveau Petersens wird deutlich, wenn er auf seinem Google+-Auftritt prahlt, er habe in 42 Ländern Fastfood („streetfood“) gegessen, ohne krank zu werden, oder wenn er hochmütig angibt, keine Lebensphilosophie zu brauchen. In seiner Funktion als Highway-Pirat – wie er in Internetforen tituliert wird – darf Petersen sogar Vorlesungen halten an der University of California Riverside (UCR).

    Der erwähnte Freund scheint Jeremy Stamper zu sein. Stamper ist Chef von CSMBS, einem Internetanbieter („Host“), der neben IG mehrere betrügerische Netzseiten beheimatet. Stamper machte wegen illegaler Bankgeschäfte mit Federal Savings und dem Vorantreiben der Immobilienblase Negativschlagzeilen. Den Bogen definitiv überspannt hatte er mit seinem Projekt PersonRatings.com, das als allgemeine Verleumdungsplattform eingestellt werden musste. Ziel wäre gewesen, sämtliche US-Amerikaner in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zu erfassen und zu „raten“ (bewerten). Nach diesen Eckdaten verwundert es nicht, dass der Hauptsitz von Import Genius auf den Virgin Islands liegt. Die angegebene Adresse des Kundendienstes in Scottsdale Arizona existiert nicht, und eine Analyse der Telefon- und Faxanschlüsse überführt IG ebenfalls der Täuschung: Die Anschlüsse sind nicht – wie angegeben – in Scottsdale gemeldet, sondern in Seattle, Washington DC und Chicago.

    Für einen Europäer kaum vorstellbar, macht der US-amerikanische Staat selbst sämtliche Frachtdaten öffentlich

    Da mittlerweile auch Hedgefonds derartige Portale für ihre Abzockstrategien nutzen, stellt sich die Frage, wie diese überhaupt zu den Informationen gelangen. Für einen Europäer kaum vorstellbar, macht der US-amerikanische Staat selbst sämtliche Frachtdaten öffentlich. Um diese Groteske zu verstehen, muss man die strategisch relevante Vorgeschichte kennen, machen sich hier doch wieder einmal die Vorkommnisse des 11. September 2001 bezahlt: das hollywoodeske Szenario hat nicht nur einzelnen Immobilienbesitzern Milliardenerträge an Schadensersatz eingebracht (welche übrigens großteils von deutschen Rückversicherungen übernommen wurden), es bot der Regierung einen lang ersehnten Vorwand, das Land in einen bis heute anhaltenden Kriegszustand zu versetzen, Ermächtigungsgesetze zu erlassen und eine monströse Behörde zu schaffen – das Heimatschutzministerium (Department for Homeland Security – DHS).

    Die mittlerweile drittgrößte Behörde der USA mit dem an Orwells Neusprech, eigentlich besser Zwiesprech, gemahnenden Namen beschäftigt 200.000 Menschen. In zahlreichen Unterbehörden werden Strategien entwickelt, um Bürger zu überwachen und Stück um Stück ihrer Rechte zu berauben Auftritt, Sprache und Inhalte des DHS vermitteln ein multiples Bedrohungsszenario, ein permanenter Kriegszustand soll suggeriert werden, die Mitarbeiter sind selbstverständlich uniformiert, man kommuniziert im Befehlston. Es wäre hoch an der Zeit, den pazifizierten Europäern diese Situation zu vermitteln, damit sie die konkrete Gefahr für Freiheit und Demokratie, die von diesem Land ausgeht, verstehen lernen. Das DHS ist in sämtliche Bereiche des amerikanischen Alltags eingedrungen, dies führt soweit, dass Präsident Obama zu Silvester 2011 gar ein Gesetz (National Defense Authorization Act – NDAA)  unterzeichnet hatte, das es dem Militär erlaubt, amerikanische Bürger ohne Angabe von Gründen über unbestimmte Zeit an einem unbekannten Ort festzuhalten und sie mit „forcierten Mitteln zur Weitergabe von Informationen zu bringen“, Senatoren sprachen damals von der Ermächtigung zur Folter.

    Das DHS dient als Terrorinstrument aber nicht nur gegen die eigene Bevölkerung, es schwappt auf Europa und andere Weltregionen über. Internationale Handelspartner akzeptieren völlig überzogene, äußerst kostspielige und destruktive Forderungen der amerikanischen Zollbehörde (Customs and Border Protection – CBP). Wer nicht mitmacht, wird bekanntermaßen zum „Schurkenstaat“ erklärt. Hier blitzt wieder die moralisierende Manipulation mit ganz konkret machtstrategischen Absichten hervor, eine Strategie, wie sie dereinst von der Frankfurter Schule ersonnen wurde, und die mittlerweile die gesamte Welt auf die eine oder anderer Art in Schach hält.

    Diesem wahrhaft ausgeklügelten System der Machtimplementierung entstammt auch die Verpflichtung, einen ausführlichen Datenkatalog 24 Stunden vor Lieferung auf elektronischem Wege an die Zollbehörde zu übermitteln – das „Automated Manifest System“ (AMS). Das pünktlich nach den Vorkommnissen des Septembers 2001 in Kraft getretene Importgesetz verlangt detaillierte Angaben über Absender, Empfänger, Warenbezeichnung und -wert, Stückzahl, Einzel- und Gesamtgewicht, Spediteur, Containerdaten, Schiffs- oder Flugdaten. Nur korrekt dokumentierte Lieferungen dürfen versendet werden, Zuwiderhandlungen werden im fünfstelligen Dollarbereich geahndet. Hinzu kommt eine lange Reihe absurder Vorgaben, welche für Exporteure einen enormen Aufwand bedeuten und – meist auf amerikanischem Boden – unnötige Geschäftszweige schaffen, so zum Beispiel Firmen, die bei der komplizierten Abwicklung behilflich sind. Die Sinnhaftigkeit des ganzen Aufwands darf hinterfragt werden, da Terroristen ihre Vorhaben wohl kaum offenlegen oder gar durch auffällige Frachtpapiere gefährden. Auch hier merkt man wieder: Es muss etwas anderes hinter den Machenschaften der US-Regierung stecken.

    Ist die Schikane ausländischer Importeure durch amerikanische Behörden an sich schon ungerechtfertigt, dürfte es wohl keine intelligente Begründung geben für den Umstand, dass sämtliche Frachtpapiere öffentlich zugänglich sind. Der Einblick der Behörde sollte ausreichend sein, will man eine terroristische Bedrohung in Erwägung ziehen. Auch hier wird mit Orwellschem Zwiesprech argumentiert: Der „Freedom of Information Act“ (!) bedinge eine völlige Offenlegung dieser Daten. Dass damit alles andere als Freiheit geschaffen wird, nimmt man beim DHS gerne in Kauf.

    Der gesunde Menschenverstand erkennt eindeutig den Zweck der Übung, nämlich den der Industriespionage und der damit verbundenen Schädigung vor allem der europäischen Wirtschaft. Diese Strategie steht wunderbar im Einklang mit jener der (ebenfalls in den USA gemachten) Krise, die einzig dem Zweck dient, massiv Kapital von Europa abzuziehen und mittels zwielichtiger Ratingagenturen und weiterer Tricks ganze Volkswirtschaften zu zerstören.

    Es wird mit Orwellschem Zwiesprech argumentiert: Der „Freedom of Information Act“ (!) bedinge eine völlige Offenlegung dieser Daten

    Offen bleibt, ob IG sich die Daten bei der Behörde beschaffen muss, womöglich gar dafür bezahlt, oder ob das AMS diese selbsttätig liefert. Die Zahl der IG-Mitarbeiter jedenfalls beschränkt sich auf zwei; die bei dem Datenwust enorme Recherchearbeit können diese nicht leisten. Petersen beteuert denn auch, die Daten kämen direkt vom DHS und würden täglich vom Zoll aktualisiert. In einer Zeit, da sämtliche Bankdaten europäischer Bürger automatisch an US-Behörden geliefert werden (Stichwort SWIFT, der Datenstrom geht nur in eine Richtung, von gleichberechtigtem Austausch mit der EU kann keine Rede sein), vermag der Einzelne gar nicht zu erkennen, welcher Gefahr die europäische Wirtschaft – allen voran die deutsche – ausgesetzt ist.

    Wie kann es sein dass  europäische Steuerzahler mittlerweile für „Geschäftsirrtümer“ amerikanischer Banken in Billionenhöhe haften müssen, und ehemalige Manager ausgerechnet dieser Banken (Goldman Sachs etwa) in Schlüsselpositionen der EU oder gar in Regierungen der Teilstaaten der EU sitzen (Mario Monti, Mario Draghi, Lucas Papademos, siehe auch den Artikel „Monti, Draghi, Papademos – wessen Interesse vertreten die Technokraten?“). Bleibt die Gegenwehr der Politiker hierzulande aus, weil viele hochrangige Amtsinhaber Schulungsprogramme transatlantischer „Think-tanks“ wie etwa das der Atlantik-Brücke durchlaufen haben (vgl. auch „Das Guttenberg-Dossier“)?

    Nur in der Schweiz wird das Kind hin und wieder beim Namen genannt  – so sprach der Chef der schweizerischen Großbank UBS, Sergio Ermotti, dezidiert von einem „Wirtschaftskrieg“ gegen die Schweiz.2 Sollte nicht die UBS mit mehreren Schachzügen seitens amerikanischer Strategen geschwächt oder gar zerschlagen werden? Honi soit qui mal y pense.

    Traurig und erschreckend zugleich bleibt die Situation für den wirtschaftlich konkret Betroffenen – so erschüttern tausende Selbstmorde italienischer Klein- und Mittelunternehmer die Gesellschaft der Apenninenhalbinsel. Ob der Triester Familienbetrieb ebenfalls von einer Schließung bedroht ist?

     

    ANMERKUNGEN

    1. Quelle: www.importgenius.com
    2. Quelle: NZZ vom 22.4.2012