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  • Libyen: Schwere Foltervorwürfe gegen „Rebellenrat“ kein Thema für westliche Medien und Politiker

    Von FRIEDERIKE BECK

    Wer sind eigentlich diese Rebellen und Mitglieder des sogenannten „National Transitional Council“? Eine Frage, welche Nachrichtenmacher rund um den Globus bislang kaum beschäftigte. Und das, obwohl es klare Hinweise auf eine zweifelhafte Vergangenheit einiger Schlüsselmitglieder gibt. zeitgeist-Autorin Friederike Beck stellte Nachforschungen an, deren Ergebnisse die Glaubwürdigkeit des libyschen Übergangsrates mehr als infrage stellen.

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    In Libyen herrscht seit Februar Bürgerkrieg. Es droht eine Spaltung des Ölstaates in einen westlichen (Tripolitanien und Fessan) und einen östlichen Teil (Cyrenaika). Im Westen sind diejenigen Stämme beheimatet, die eher Gaddafi unterstützen, der Osten ist altes Einflussgebiet des 1969 durch dessen Militärs gestürzten König Idris. Die Rebellen-Hochburg Bengasi war aufgrund ihres Stammeshintergrundes schon immer kritisch gegenüber dem Gaddafi-Regime.

    Der Weltsicherheitsrat beschloss am 17. März eine Flugverbotszone und weitreichende „notwendige“ Maßnahmen, um Oberst Gaddafi daran zu hindern, einen Aufstand in seinem Land niederzuschlagen – eine unter Völkerrechtlern hochumstrittene Angelegenheit, die Mehrheit lehnt die UN-Resolution „1973“ gar als völkerrechtswidrig ab. Immerhin ist Libyen ein souveräner Staat.

    Frankreich erkannte völlig überstürzt den „Nationalen Übergangsrat“ als provisorische Regierung Libyens an

    Nachdem der französisch Philosoph1 und neokonservative Polit-Aktivist Bernard-Henry Lévy mit Führern der Rebellen in Bengasi im Osten des Landes zu Gesprächen zusammengekommen war, erkannte Frankreich völlig überstürzt, ohne sich mit seinen europäischen Nachbarn abzustimmen, bereits am 10. März 2011 den „Nationalen Übergangsrat“ als provisorische Regierung Libyens an.

    Am 19. März begann die Bombardierung Libyens „zum Schutz“ der Bevölkerung bzw. der Zivilisten, obwohl sie in großen Teilen noch zu Gaddafi zu stehen scheinen. Aktuelle Berichte vom Einsatz britischer und französischer Kampfhubschrauber lassen den schon lange von neokonsevativen US-Falken und ihren Sympathisanten geforderten Einsatz von NATO-Bodentruppen immer wahrscheinlicher werden. 

    Die entscheidende Frage aber ist: Wer sind diese Aufständischen, für die der Westen bereits im vierten Monat Bomben über Libyen regnen lässt? Und Millionen Dollar und Euro.2 Wer steht hinter dem Provisorischen Rat3 in Bengasi? Aller Information zufolge scheint zunächst sicher: Sämtliche Mitglieder des Rebellenrats sind ehemalige hohe Funktionäre bzw. Minister Gaddafis. Der Vorsitzende des Übergangsnationalrats, Mustafa Mohammed Abud al Dschelail (Abudul Jalil, auch Abdeljalil), war bis vor kurzem noch Justizminister unter Gaddafi, Mahmud Dschebril, der provisorische Ministerpräsident, galt bis Februar dieses Jahres als treuer Gefolgsmann des Oberst, und der Chef der Rebellen-Milizen, Ohmar Mohktar El Hariri, war einer der Offiziere, die 1969 zusammen mit Gaddafi den Militärputsch durchführten und König Idris stürzten. Ali al Essawi, der Rebellen-Außenminister, war Wirtschaftsminister und Botschafter Libyens gewesen, einzig der Finanzminister der Interimsregierung, Ali Tarhouni, lebte bisher in den USA und lehrte dort Wirtschaftswissenschaften.

    Welche Garantien haben UNO und die Bürger der westlichen Demokratien, dass der „Regime Change“, der jetzt von ihren Regierungen mit Hilfe der NATO herbeigebombt wird, in eine demokratische Entwicklung mündet?

    Welche Garantien haben UNO und die Bürger der westlichen Demokratien, dass der libysche „Regime Change“ in eine demokratische Entwicklung mündet?

    Recherchiert man über die Rebellenführer, stößt man auf beunruhigende Hinweise – fast noch verstörender ist die Tatsache, dass Journalisten bestimmte Vorwürfe bekannt waren, diese Informationen jedoch ganz offensichtlich seit Wochen der Öffentlichkeit vorenthalten werden.

    Folterhorror: eines der Opfer berichtet über acht leidvolle Jahre in libyscher Gefangenschaft (im Bild: Buchcover "Ich bin in der Hölle gewesen" von Kristiyana Valcheva, Knaur 2007)

     

    Der Hintergrund: Nicht Wenige werden sich des Falls der fünf bulgarischen Krankenschwestern und eines palästinensischen Arztes4 erinnern, die in einem Krankenhaus in Bengasi arbeiteten und 1999 verhaftet wurden.5 Man klagte sie an, absichtlich 400 libysche Kinder mit HIV infiziert zu haben. Das Urteil lautete zunächst auf Todesstrafe, was dreimal, zuletzt noch am 10. Juli 2007 vom Obersten Libyschen Gerichtshof bestätigt, dann aber am 17. Juli in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe umgewandelt wurde; die Verurteilten wurden im Sommer 2007 schließlich nach Interventionen der EU und einzelner EU-Staaten aus dem Gefängnis entlassen und in ihre Heimat zurückgebracht.

    Die sechs Angeklagten mussten während ihrer Haft bestialische Folterungen erdulden: u. a. Elektroschocks, auch an den Genitalien, Folter mit Hunden, Schlafentzug, stundenlanges Aufhängen, Vergewaltigungen ... Mehrere Libyer beteiligten sich damals an den Folterungen, darunter auch libysche Ärzte und Personen, die gut Englisch sprachen. Leiter der damaligen Sonderkommission war General Harb Amer Derbal.6

    Beobachter hatten über die fragwürdige Anklage geurteilt, das Gaddafi-Regime habe einen Sündenbock für das libysche Volk (insbesondere die Bevölkerung Bengasis) finden müssen, denn in Wirklichkeit habe der Grund für die Erkrankung der Kinder in mangelhafter Hygiene gelegen, vor allem durch die Verwendung verunreinigter Spritzen, jedoch nicht bei irgendeinem persönlichen Verschulden der Bulgarinnen. Dies war ein Aspekt des Skandals.

    Mehrere Libyer beteiligten sich damals an Folterungen, darunter auch libysche Ärzte und Personen, die gut Englisch sprachen

    Hinzu kam, dass die sechs Unglücklichen quasi in ein politisches Minenfeld geraten waren, was sie erst viel später realisierten: Sie wurden als Faustpfand dem Westen gegenüber im Verfahren gegen den angeblichen Lockerbie-Attentäter Ali al-Megrahi missbraucht. 

    Al-Megrahi war 2001 in den Niederlanden zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Man lastete ihm das Attentat auf den PanAm-Flug 103 über Schottland am 21.12.1988 mit 270 Toten an. Prozessbeobachter hatten bezweifelt, dass die hochkomplizierte Operation von einer einzigen Person durchgeführt worden sein könne.7

    Unter dem internationalen Druck und seit 1999 von UN-Sanktionen gebeutelt, bot Libyen schließlich 2002 2,7 Mrd. Dollar als Entschädiging8 für die Opferfamilien an. Der Lockerbie-Prozess mündete in ein politisches Tauschgeschäft: Libyen zahlte, gestand aber nie offiziell Schuld ein. Im Gegenzug hoben UNO und USA die Wirtschaftssanktionen gegen das Land auf und strichen es von der Liste terroristischer Staaten. Die Normalisierung der libysch-amerikanischen Beziehungen wurde 2008 mit dem „Libyan Claims Resolution Act“ besiegelt.

    Bulgarische Krankenschwestern als Faustpfand gegen den angeblichen Attentäter des PanAm-Lockerbie-Anschlags vom 21. Dezember 1988 (Bildquelle: Wikimedia Commons)

     

    Die Verfahren gegen Megrahi und die bulgarischen Krankenschwestern liefen von Anfang an parallel und wurden umfangreich instrumentalisiert: Als sich Libyen schließlich entschied, Megrahi und einen anfänglichen Mitangeklagten an das Sondergericht9 in den Niederlanden zu überstellen, wurden auch die ersten Geständnisse von den sechs Krankenhausangestellten erfoltert. Als Libyen 2006 von der „Terrorliste“ gestrichen war, fielen wieder deutliche Worte in Sachen Megrahi. Gaddafi am 19. Dezember 2006: „Er ist unschuldig und sitzt im Gefängnis. Da er nicht befreit werden kann, bleiben die Krankenschwestern im Gefängnis.“10

    Al-Megrahi wurde 2009 offiziell wegen seiner Krebserkrankung begnadigt und konnte nach Libyen ausreisen. Ein anstehendes Wiederaufnahmeverfahren und eine erneute Diskussion der Beweise in Sachen Lockerbie-Attentat wurde im Wege dieses Gnadenakts verhindert.

    „... dass Schlüsselmitglieder des Libyschen Nationalen Übergangsrates unmittelbar mit der Folter der sechs bulgarischen Krankenschwestern zu tun hatten“

    Eine Meldung des „Euobserver“ vom 12. März 2011 berichtet, die bulgarische Regierung sei äußerst erbost über den französischen Präsidenten, weil der den Libyschen Nationalen Übergangsrat anerkennen wolle (was mittlerweile allseits geschehen ist): „Der Druck, den der französische Präsident Nicolas Sarkozy ausübt, um die libyschen Rebellen anzuerkennen, hat zu Verärgerung in Bulgarien geführt, denn Sofia deutet an, dass Schlüsselmitglieder des Libyschen Nationalen Übergangsrates unmittelbar mit der Folter der sechs bulgarischen Krankenschwestern zu tun hatten, die in dem nordafrikanischen Land vor zehn Jahren gefangen gehalten wurden.“11 (Hervorh. und Übers. durch d. Aut.)

    Der bulgarische Premierminister Boyko Borisov sagte laut einer Meldung der bulgarischen Nachrichtenagentur „Novinite“ vom selben Tag gegenüber Journalisten auf dem Europäischen Gipfel in Brüssel am 11. März: „Ich erklärte [gegenüber EU-Führern], dass Repräsentanten dieses Rates in Bengasi die Leute sind, welche die bulgarischen medizinischen Kräfte acht Jahre lang gefoltert haben und dass dies uns fast 60 Millionen Pfund13 gekostet hat. [… ] Welche Mitglieder des Übergangsrates Borisov genau meinte, bleibt unklar.“12

    Sollte das die anwesenden Journalisten nicht interessiert haben? Eine Vielzahl von Medienvertretern muss wie üblich auf dem Gipfel persönlich zugegen gewesen sein. Wo bleibt deren Statement? Wo bleiben die Nachforschungen? Wo ihre Verantwortung?

    Borisov machte eine weitere interessante Bemerkung, nämlich: „... die Situation in Libyen ähnele der in seinem eigenen Land beim Zusammenbruch des Kommunismus. ,Erinnern Sie sich, was 1989–90 passierte und wer die Macht in Bulgarien ergriff? Die Leute des [kommunistischen] Politbüros, der Außenminister und das Militär'.“14

    Damit sagt Borisov nichts anderes, als dass er im Libyschen Übergangsrat keinen wirklichen Neuanfang sieht, sondern dass Leute aus dem alten Machtapparat Gaddafis, die vorher schon in Führungspositionen waren, nunmehr die Macht vollständig an sich reißen wollen. Die Erwähnung des Militärs erinnert daran, dass auch in Libyen augenblicklich Teile des Militärs mit den neuen/alten Führern des Übergangsrates gemeinsame Sache machen.

    Auch in Libyen machen augenblicklich Teile des Militärs mit den neuen/alten Führern des Übergangsrates gemeinsame Sache

    „Berichten zufolge“, so der „Euobserver“ vom 12. März weiter, „äußerte der rumänische Präsident Traian Basescu während einer Diskussion unter den EU-Führern ebenfalls Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Rebellen, was einen Wutanfall [„angry outburst“] bei Sarkozy zur Folge hatte und die den Vorsitz führende deutsche Kanzlerin Angela Merkel dazu veranlasste, zur Ruhe zu mahnen [„call for calm“].“ Weiter berichtet der Artikel, dass sich die EU-Länder unschlüssig waren, ob sie die Rebellen wirklich anerkennen oder nur als Vermittler sehen sollten. Dem kam jedoch Sarkozy zuvor, indem er vollendete Tatsachen schuf: Er empfing zwei Rebellenführer im Elisée-Palast und schickte tags darauf einen offiziellen französischen diplomatischen Vertreter nach Bengasi.

    Der Bericht lässt durchblicken, dass diese Aktionen Sarkozys bei einigen EU-Ländern als vorschnell angesehen wurden. Hinzu kommen bittere bulgarische Erinnerungen an einen französischen Staatspräsidenten, der eine Intervention von Mme Sarkozy für die Befreiung der bulgarischen Krankenschwestern 2007 nur wenig später in Libyen mit einem Nuklearabkommen und anderen lukrativen Verträgen für französische Firmen krönte: Unter anderem „hatte der Flugzeugbauer Dassault einen Auftrag zur Modernisierung von Jagdbombern des Typs Mirage F1 erhalten und hofft auf Aufträge für sein Kampfflugzeug Rafale“15.

    I am happy to be in your country to talk about the future!, schrieb Sarkozy am 26. Juli 2007 in Gaddafis Gästebuch – die Krankenschwestern und der palästinensische Arzt waren erst seit 24 Stunden frei. „Die Französische Antiatomgruppe ,Sortir du Nucleaire' beschuldigte Sarkozy Nukleartechnik an Libyen im Austausch für die Krankenschwestern weiterzugeben.“16

    Die kritischen Äußerungen Borisovs wurden ergänzt durch harsche Kommentare des bulgarischen Staatspräsidenten Georgi Paravanov über die aktuellen Bemühungen der NATO um „Regime Change“ und die „Operation Odyssey Dawn“. Die bulgarische Nachrichtenagentur „Novinite“ berichtete am 22. März 2011, Paranov habe gesagt, „dass eine Reaktion nach Art der ,Koalition der Willigen' keine Tradition werden sollte und dass die Irak-Invasion 2003 eine Ausnahme hätte bleiben sollen und [...] dass das, was in Libyen passiere, die Frage nach der Notwendigkeit der Existenz der NATO aufwerfe.“17

    „... ein euphporisches von Ölgeld angestacheltes Abenteuer“

    Starker Tobak also aus Sofia. Interessanterweise wurde durch die Reaktion auf die Geschehnisse in Libyen ein Graben in der bulgarischen Regierung selbst aufgerissen: Der bulgarische Außenminister Mladenov, offensichtlich ein beflissener Transatlantiker, bemühte sich, die Äußerungen seiner beiden Regierungskollegen nach Kräften zu konterkarieren, wandte sich heftig gegen Kritik an der NATO und unterstrich ihre große Bedeutung für sein Land.

    Der zuletzt genante „Novinite“-Bericht weiter: Borisov „erklärte, dass seiner Ansicht nach, eine finanzielle und wirtschaftliche Blockade viel effektiver sei, um Gaddafis Rückzug schnell zu erzwingen und nannte in einem Fernsehinterview die Militäroperation in Libyen ein ,euphporisches von Ölgeld angestacheltes Abenteuer.'“ Am gleichen Tag noch, lobt er – offensichtlich inzwischen unter großen Druck geraten – die Militärintervention ausdrücklich: „Später noch am selben Tag erklärte der bulgarische Premierminister, dass Bulgarien die Resolution 1973 (2011) des UN-Sicherheitsrats und das Mandat für eine Militärintervention in Libyen um das libysche Volk zu schützen, willkommen heiße.“

    Wenn wir uns fragen, wer die „Schlüsselmitglieder“ des libyschen Rebellenrats sein könnten, die in die Folterungen der sechs unglücklichen Krankenhausangestellten involviert waren, kommen wir als erstes zurück auf Abud al Dschelail, den Vorsitzenden des Übergangsrats, denn er preschte sofort mit zwei Statements vor: So sagte er gegenüber der schwedischen Tageszeitung „Expressen“18 (vom 23. Februar 2011), Gaddafi persönlich habe den Anschlag auf den PanAm-Flug befohlen, der 1988 in Lockerbie abstürzte. Er habe außerdem Beweise, dass Gaddafi auch persönlich verantwortlich sei für die Infizierung 400 libyscher Kinder mit HIV.

    Allerdings: Gäbe es die behaupteten Beweise, so wäre genau dann der Moment gewesen, sie der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Der Glaubwürdigkeit der Übergangsrates wäre das ganz wesentlich zugute gekommen. Das müsste Dschelail als Jurist wissen. Da dies nicht geschah, handelt es sich mutmaßlich um eine Denunziation des Ex-Justizministers, womit der Rebellenchef sich plump als neuer Partner beim Westen anbiedern will. Oder ist es gar eine Flucht nach vorn?

    Untersuchen wir einmal näher die Vergangenheit Mustafa Mohammed Abud al Dschelails: Vom 22. Januar 2007 bis 21. Februar 2011 war er, wie schon erwähnt, Justizminister unter Gaddafi. Davor Präsident des Appelationsgerichtshofs und eines weiteren Gerichtes in Al Bayda.

    Was wusste der Vorsitzende des Übergangsrats von den menschenverachtenden Scheußlichkeiten und der gesamten grotesken rechtlichen Situation der bulgarischen Opfer?

    Der Prozess gegen die bulgarischen Krankenschwestern und den mitangeklagten Arzt begann am 7. Februar 2000, am 8. Juli 2003 ging er in Bengasi in Berufung, das Todesurteil kam am 6. Mai 2004, am 29. Mai 2005 wurde das Verfahren vom Obersten Libyschen Gerichtshof an ein anderes Gericht zurückverwiesen, am 7. Juni 2005 wurden in einem zeitgleich laufenden Verfahren neun libysche Polizisten vom Vorwurf der Folter freigesprochen, am 19. Dezember 2006 wurde das Todesurteil gegen alle Angeklagten bestätigt, am 25. Februar 2007 erheben zwei der Folterer, Djuma Misheri (al-Mishri) und Madjit Suol, Anklage gegen ihre Opfer wegen „Beleidigung“, im Mai gibt es einen weiteren Diffamierungsprozess gegen die Opfer, am 10. Juli 2007 wurde das Todesurteil gegen die Unglücklichen erneut bestätigt – aber halt, war da nicht Dschelail bereits Justizminister? Ja, seit Januar 2007!

    Ebenfalls unter der Ägide Dschelails presste Libyen der EU-Kommission unter Benita Ferrero-Waldner für die Freilassung der Krankenschwestern 461 Millionen Euro für den „Bengasi-Hilfsfond“ der Aids-Opfer ab neben weiteren Vergünstigungen und Hilfen, die am 23. Juli 2007 in einem Vertragswerk festgelegt wurden.

    Will Dschelail nichts gewusst haben von den menschenverachtenden Scheußlichkeiten und der gesamten grotesken rechtlichen Situation der bulgarischen Opfer? Wohl kaum. Seine Rolle wird noch im Detail zu untersuchen sein. In jedem Fall hat er schon jetzt eine moralische Mitverantwortung für das Geschehene.

    Hat man vernommen, dass er sich bei den Bulgaren für die libysche Regierung entschuldigt hätte, für bestialische Folter und acht Jahre gestohlenes Leben, jetzt, da er sich als neuer Partner des Westens profilieren möchte? Nein. Libyen hatte im Gegenteil noch offiziell in Bulgarien protestiert, als man dort die Krankenschwestern nicht wieder ins Gefängnis warf. Bedauert der „gute Mensch“ von Bengasi dies heute?

    Und: Die sechs Inhaftierten wurden gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, die Libyen von alle Verantwortung entband: „Jede von Ihnen wird eine Erklärung unterzeichnen müssen, in der Sie sich verpflichten, weder Libyen noch einen seiner Staatsbürger oder Beamten anzuklagen, und zusichern, keinerlei Abfindungen zu fordern.“19

    Fazit: Es besteht dringender Aufklärungsbedarf über die Vorgeschichte der Mitglieder des Libyschen Rebellenrats:

    • Insbesondere muss umgehend den bulgarischen Foltervorwürfen gegenüber „Schlüsselmitgliedern“ des „National Transitional Council“ nachgegangen werden im Zusammenhang mit der achtjährigen Inhaftierung der fünf Krankenschwestern und eines Arztes in Bengasi.
    • Weiterhin muss die Frage geklärt werden, warum Medienvertreter, die bei dem EU-Gipfel in Brüssel am 11. März 2011 anwesend waren, die Berichterstattung und Nachforschungen über die Vorwürfe verweigern.
    • Und nicht zuletzt hat die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf zu erfahren, was Sarkozy und Merkel wissen und warum sie zur Sache bisher geschwiegen haben.
    Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf zu erfahren, was Sarkozy und Merkel wissen und warum sie zur Sache bisher geschwiegen haben

    Medien und verantwortliche Politiker haben offensichtlich einen vollständigen Blackout. Während europäische Regierungsverantwortliche bei den Rebellen in Bengasi abwechselnd antichambrieren und Steuergelder für die angeblichen Demokratiefreunde sprudeln, spielen sich in der Rebellenhochburg laut „Euobserver“ vom 23. Mai 2011 folgende Szenen ab:

    „Berichten zufolge brummt die 700.000-Einwohner-Stadt im ölreichen Ostlibyen vor geschäftlichen Aktivitäten, da EU- und US-Firmen im Wettkampf um den Eintritt in den neuen Markt stehen. Die französische Erdölfirma Total traf TNC20-Führer im April, um das Anheuern von französischen privaten Sicherheitsfirmen zum Schutz des Sarir Ölfelds und einer Raffinerie in Tobruk zu diskutieren, so die Pariser Intelligence Online.

    ,Amerikanische Unternehmen strömen nach Bengasi und bieten ihre Expertenwissen, Waffen und alles, was gebraucht wird, an. Die Rebellen hatten es klar gemacht, dass ,wenn ihr uns beliefert, könnt ihr Jungs kommen, sobald wir die Macht von Gaddafi übernommen haben', sagte Robert Baer, ein ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter, der mit der Region vertraut ist, gegenüber Euobserver. ,Es sind die üblichen Verdächtigen, die gleichen Firmen, die in den Irak gingen. Es ist einfach eine weitere Kriegsgoldgrube.'“21

     

    ANMERKUNGEN
    1. An Lévys fachlicher Qualifikation als „Philosoph“ und Kant-Kenner kamen spätestens Anfang 2010 Zweifel auf, als herauskam, dass er in einem Buch auf eine gelehrte Eulenspiegelei hereingefallen war – auf den „Kant-Kenner“ Jean-Baptiste Botul – erfunden von einem Journallisten – und dessen Buch „Das sexuelle Leben des Immanuel Kant“.
    2. Laut der Nachrichtenagentur AP kostet der Krieg in Libyen die „Alliierten“ 100 Mio. Dollar täglich.
    3. Webseite des National Transitorial Council: http://ntclibya.org/english/
    4. Er erhielt später auch die bulgarische Staatsbürgerschaft.
    5. Fotos der Betroffenen finden sich auf der Webseite der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“: www.hrw.org/legacy/photos/2005/libya1105
    6. Eine erschütternde Darstellung des Leidensweges ist das Buch von Kristiyana Valcheva „Ich bin in der Hölle gewesen. Acht Jahre in libyscher Gefangenschaft. Eine Krankenschwester berichtet“ (Knaur, München 2007) sowie das ihrer Leidensgefährtin Valya Chervenyashka „Notes from Hell“ (30degreessouth, Durban 2010).
    7. So urteilte etwa Dr. Hans Köchler, UN-Prozessbeobachter im Lockerbie Verfahren, im Interview mit der österreichischen Tageszeitung Die PRESSE: „Wenn dieses Urteil jemand bei mir als Seminararbeit eingereicht hätte, dann wäre das ein Nichtgenügend gewesen, wegen Inkonsistenz des ganzen Argumentes […] Für so einen Anschlag braucht es mindestens ein Dutzend Leute. Das muss angeordnet werden, man braucht eine Riesen-Logistik. Und man brauchte [wegen des Zeitzünders; Anm. d. Aut.] die absolute Gewissheit, dass das Gepäck umgeladen wird und die Flugzeuge rechtzeitig abheben. Das ist einfach nicht stichhaltig. Was ich nicht verstehe: Warum der Staat nicht von Amtswegen ein Verfahren gegen unbekannte Täter führt. Man darf sich nicht mit einem Sündenbock zufriedengeben, wenn klar ist, dass da ein Netzwerk dahinterstecken muss.“
    8. Von den acht Mio. Dollar, die jede Familie im Endeffekt erhielt, mussten jedoch zwischen 10 und 35 % an die US-Anwälte abgeführt werden.
    9. Exterritoriales schottisches Gericht in Den Haag, das eigens für den Lockerbie-Prozess eingerichtet wurde
    10. Zitiert aus Kristiyana Valcheva, a. a. O., S. 248
    11. Quelle: http://euobserver.com/?aid=31976
    12. Quelle: www.novinite.com/view_news.php?id=126154
    13. Die bulgarische Regierung musste 2007 ihre Landsleute mittels Schuldenerlass gegenüber Libyen freikaufen.
    14. Quelle: „Novinite“ vom 13.3.2011: www.novinite.com/view_news.php?id=126173
    15. Quelle: "n-tv" vom 25.7.2007: www.n-tv.de/politik/Sarkozy-bei-Gaddafi-article223570.html
    16. Quelle: „Spiegel“ vom 26.7.2007: www.spiegel.de/international/world/a-496711.html
    17. Quelle: „Novinite“ vom 22.3.2011: www.novinite.com/view_news.php?id=126511
    18. Quelle: „Expressen“ vom 23.2.2011: www.expressen.se/nyheter/1.2341356/khadaffi-gav-order-om-lockerbie-attentatet sowie www.expressen.se/1.2391104
    19. Forderung übermittelt von EU-Unterhändler Marc Pierrini, vgl. Kristiyana Valcheva, a. a. O., S. 244
    20. TNC: Abkürzung von Transitional National Council, der Interimsregierung der Rebellen
    21. „Euobserver“ vom 23.5.2011: http://euobserver.com/?aid=32377