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    Deutsche Retrospektive mit Tücken

    Diese Geistesgeschichte Deutschlands vom Barock bis zur Gegenwart habe ich mit großer Faszination und Bewunderung gelesen: immense, vielseitige Kenntnisse des Autors und eine lebendige Darstellung des uferlosen Stoffes. Es tut gut, von außen bestätigt zu bekommen, dass deutsche Kultur sich nicht von jenen zwölf Jahren her deuten lässt. Es tut gut, einmal von einem Engländer bescheinigt zu bekommen, dass der Beitrag Deutschlands zur Geistesgeschichte der Neuzeit überragend war.

    Es tut gut, dass der „jüdische“ Beitrag dazu ganz selbstverständlich mitgezählt wird – während wieder (unter neuem Vorzeichen) die Tendenz besteht, die deutsche Kultur um Genies wie Heine, Mendelssohn-Bartholdy, Marx, Freud, Einstein unter dem Etikett „jüdisch“ zu berauben, ein neuerlicher rassistischer Eingriff in die Kulturgeschichte. „Kant, Humboldt, Marx, Clausius, Mendel, Nietzsche, Planck, Freud, Einstein, Weber, Hitler – gibt es irgendeine andere Nation, die eine solche Elf aufstellen könnte (natürlich ließe sie sich noch erweitern), eine Gruppe von Spielern, die in der Lage wären, es mit den Einflüssen aufzunehmen, die diese Männer im besten wie im schlechtesten Sinne auf das moderne Denken ausgeübt haben?“ (S. 878) Dass ein Name wie der des Physikers Clausius (1822–1888) in dieser Reihe auftaucht (während ein Name wie Hegel vor Marx fehlt), gehört zu den Überraschungen, die eben der Blick von Außen mit sich bringt.

    Zwei Einschränkungen sollen das Verdienst dieses außerordentlichen Werkes nicht mindern: Watson macht bei der Frage, wie der Absturz einer solchen Kulturnation in Krieg und Verbrechen – im Grunde zweimal! – möglich war, das an sich besonders hochstehende deutsche Bildungsbürgertum verantwortlich. Warum aber konnte dieses abstürzen? Ich vermisse hier eine strukturelle und systemtheoretische Analyse, der ein Sebastian Haffner („Von Bismarck zu Hitler“) bereits näher kam: Deutschland stellte seit dem Mittelalter eine kulturelle, durch die gemeinsame Sprache der deutschen Stämme geprägte Einheit dar. Wenn wir die Systemebenen Wirtschaft, Politik im engeren Sinne, Kultur und ethisch-religiöse Grundwerte unterscheiden, erscheint die Vereinigung Deutschlands unter machtpolitischem Vorzeichen (unter Ausschluss Österreichs, was freilich auch mit dessen osteuropäischen Kolonisierungspolitik zusammenhing) als eine verhängnisvolle Fehlkonstruktion. Ein rein politisch integriertes Deutschland war für das kulturelle, politikferne Bildungsbürgertum nicht akzeptabel. Die Demokratie erschien als ein fremder, undeutscher Import, siehe Thomas Mann in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918). Im Grunde ist eine Demokratie, in welcher die „geistlose“ Dominanz von Wirtschaft und Politik einer Integration durch die Grundwerte und Kultur ersetzt wird, heute immer noch ein Desiderat!

    Die zweite Einschränkung hängt damit zusammen: Watson entschuldigt den politischen Lapsus Heideggers (sogar gestützt auf dessen früheren Kritiker Habermas) mit dessen angeblicher Klarsicht in Bezug auf Technik. Mir erscheint Heideggers Philosophie dagegen im Ganzen als ein Abfall von der spezifisch deutschen Einheit von rationaler Klarheit und „irrationaler“ Tiefe. Auch seine Inanspruchnahme Hölderlins hat etwas Missbräuchliches (vgl. meine Hölderlin-Interpretation „Revolution aus Geist und Liebe“, 2007). Heidegger verlässt die gekennzeichnete Linie der großen deutschen Philosophie und dem mit dieser zwar wetteifernden, doch in der Tiefe verbundenen technischen Genius Deutschlands. Die Zerstörung der deutschen Politik ging damals durchaus mit der Zerstörung der deutschen Philosophie einher, welche die militärische Katastrophe weit überdauerte! Infolgedessen sehe ich auch Habermas viel weniger als einst Marx als deren legitimen Erbe (vgl. meinen „Offenen Brief an Jürgen Habermas“). Marx: „Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren“, d. h. politisch-praktisch werden, „als von Grund auf zu revolutionieren“, d. h. von systematisch begründeter Philosophie her. Diese bietet Habermas so wenig wie Heidegger – oder gar Ratzinger, um Watsons große Namen am Schluss zu nennen. Dieser Schluss ist, mangels Abstand und philosophischer Analyse, etwas schwach für das großartige Buch.

    Titel: Der deutsche Genius
    Untertitel: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt VI.
    Autor: Peter Watson
    Jahr: 2010
    Verlag:
    C. Bertelsmann Verlag
    Genre: Sachbuch
    Aufmachung:
    1023 Seiten, gebunden

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