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    Von der Rettung der europäischen Vielfalt

    Wer die Entwicklung in Europa aufmerksam und kritisch verfolgt, den beschleicht ein  sich steigerndes Unbehagen. Der bürokratische Moloch in Brüssel, undemokratisch von europäischen Regierungen zustande gebracht, erfasst alle Lebensbereiche der europäischen Völker mit Gleichmacherei, die den kulturellen Besonderheiten kaum einen gesicherten Lebensraum zu bieten vermag.

    Herbert Ludwig charakterisiert in seinem lesenswerten 90-Seiten-Buch „EU oder Europa“ die Entwicklung der „Europa-Idee“ von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in unsere Tage und verweist im Untertitel auf das Kriterium seiner Beurteilung dieser Entwicklung: Wird die freie Individualität gefördert oder behindert?

    Mit einer Schilderung charakteristischer Eigenschaften europäischer Völker (der Italiener, Franzosen, Engländer, der Deutschen und Russen) schärft der Autor den Blick des Lesers für die historisch gewachsenen kulturellen Besonderheiten dieser Völker, die das gesamte Leben in diesen Ländern prägen.

    Eigene Erfahrungen des Lesers von Reisen in die europäischen Nachbarländer werden wach gerufen, wenn z. B. die Sinnenfreude der Italiener oder Charme, Esprit und Temperament der Franzosen geschildert werden. Aber auch der Empfindungsreichtum der Italiener und die Rationalität der Franzosen, als Ausdruck der seelischen Prägung, werden beleuchtet. Die insularen Besonderheiten der Engländer mit ihrer Vorreiterrolle in der industriellen Revolution und ihre wirtschaftliche Machtentfaltung skizziert der Autor ebenso wie der Entwicklungsgedanke der Deutschen, der bei Goethe im folgenden Vers seinen Ausdruck findet:

       Und solang du dies nicht hast,
       Dieses Stirb und Werde,
       Bist Du nur ein trüber Gast
       Auf der dunklen Erde.

    Die bäuerliche Dorfverfassung der Russen, wo Grund und Boden Gemeinbesitz der Dorfgemeinschaft waren und zur Nutzung immer wieder neu verteilt wurden, dürfte uns Westeuropäern ebenso unbekannt sein wie die Zukunftsveranlagung der Russen, „sich über das persönliche Seelische in eine Sphäre brüderlicher Gemeinschaft zu erheben“ (S.42).

    Im Kapitel „ Zusammenklang der Kulturen“ beschreibt Herbert Ludwig, wie eine gewisse Einseitigkeit des seelischen Lebens in jedem Volke durch die seelischen Besonderheiten der anderen Völker ergänzt wird und „erst die Gesamtheit der europäischen Völker sozusagen prophetisch das vollkommene seelische Menschenwesen darstellt“ (S. 43). Ein solcher Zusammenklang der differenzierten europäischen Kulturen wird aber nur stattfinden, wenn das kulturelle Leben der Völker im weitesten Sinne sich frei von politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie Eingriffen der EU-Bürokratie entwickeln kann. War schon der nationale, zentralistische Einheitsstaat mit seiner Reglementierung des geistig-kulturellen Lebens wie des Wirtschaftslebens kein Hort der freien Entfaltung aller kreativen Kräfte, so ist es ein europäischer Superzentralstaat erst recht nicht, der von einer Parteienoligarchie regiert wird und dem Einzelnen die Zuschauerrolle bei der politischen Willensbildung zuweist (Kapitel V, Die Hypertrophie des Einheitsstaates in der EU).

    Ludwig belässt es aber nicht bei einer umfassenden Kritik der eingetretenen und der absehbaren Entwicklungen, vielmehr entwirft er ein gesellschaftliches Zukunftsbild auf menschenrechtlicher Grundlage. Einer solchen Zukunftsentwicklung steht die Absicht der „Väter eines vereinten Europa“, Jean Monnet und Graf Coudenhove-Calergie, entgegen, die von Anfang an das Ziel hatten, die gesamte Politik des europäischen Kontinents zu bestimmen (S. 71). An dieser Absicht hat sich bis heute nichts geändert, wie die Verfechter der Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“ unverblümt und immer wieder erklären. Mit Zitaten von Jean-Claude Juncker, Joschka Fischer und anderer entlarvender kritischen Stimmen zur Schaffung eines europäischen Bundesstaates (wie etwa von Roman Herzog) zeigt das Buch auf, wie eine riesige egalisierende Staatsmaschinerie errichtet wird, in der „die seelenlosen Machtmechaniker der EU“ (S. 83) der individuellen Entwicklung keinerlei Chance lassen.

    Am Ende des Buches verstärkt der Autor das Zukunftsbild einer Gesellschaft, in der der freie Mensch im Mittelpunkt steht, der eine Rechtsordnung sucht, die gesellschaftliche Gleichheit garantiert, der eine Wirtschaftsordnung sucht, die den gnadenlosen Egoismus bändigt und solidarisches Wirtschaften verwirklicht. In einer solchen „Gesellschaft mit menschlichem Antlitz“ (Ideal der Prager Reformer) wird einem Kultur- und Geistesleben im weitesten Sinne die uneingeschränkte Entfaltung garantiert und ein Europa konzipiert, in dem die besonderen seelischen Veranlagungen aller europäischen Völker zur Entfaltung kommen und gesellschaftlich wirksam werden.

    Wer dem Gerede von der Alternativlosigkeit im Handeln der politisch Führenden etwas entgegen setzen möchte, der hole sich die notwendigen Anregungen aus Herbert Ludwigs knapp und treffend formuliertem Buch „EU oder Europa“.

    Titel: EU oder Europa?
    Untertitel: Die Entscheidungsfrage der europäischen Entwicklung zur freien Individualilität
    Autor: Herbert Ludwig
    Jahr: 2012
    Verlag: Pro Business Verlag (Books on Demand)
    Genre: Sachbuch
    Aufmachung: 90 Seiten, broschiert

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