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    Kaum zu glauben

    Das Buch des Kölner Germanistik-Professors Karl-Heinz Göttert erzählt die Geschichte des Deutschen von ihrem Beginn an bis zur Jetztzeit. Es ist durchaus flott und nicht trocken geschrieben, erzählt viel Wahres, Schönes, Lehrreiches. Vor allem auf dem Gebiet der Wortbildung und -entlehnung lässt sich da viel mitnehmen.

    Andererseits – und dadurch verging dem Rezensenten auf Dauer dermaßen die Lust am Lesen, dass er hier unumwunden bekennt, irgendwann nicht mehr alles rezipiert zu haben –, strotzt das Buch so vor Unausgegorenheiten, Halbwahrheiten, logischen Brüchen und glatten sprachwissenschaftlichen Fehlern, Falschgewichtungen, Unterlassungen sowie nicht belegbaren Behauptungen, dass ich mir nicht vorstellen kann, mein verehrter Hochschullehrer P. hätte so etwas auch nur in einem Proseminar ohne umfässliche Nachbesserungsarbeiten durchgehen lassen, dafür einfach ob des Fleißes und der Länge den Schein ausgeschrieben.

     

    Ich will daher lediglich auf ein paar der gröbsten mir aufgefallenen Schnitzer hinweisen, die, besonders ärgerlich, dem Laien oft kaum auffallen können. Es fängt damit an, dass er die ersten Runenfunde um 150 Jahre zu spät datiert, die Schaffung dieser Schriftzeichen den Griechen zuschreibt, zu französischen Dialekten später gar den Unfug erzählt, das Bretonische gehöre dazu, meint, die Dialektvielfalt im französischen Sprachraum sei um die Zeit der Revolution größer gewesen als jene des deutschen, nach weiteren Kalauern dieser Art gar am Schlusse des Buches, ausblickend auf die Zukunft, noch wie folgt den Vogel abschießt: „In gewissem Sinne werden im Übrigen nur Verhältnisse wiederkehren, die wir schon einmal hatten: vor dem (in sprachlicher Hinsicht auf jeden Fall trostlosen) 19. Jahrhundert.“

    Da wünschte ich mir doch, jene „Trostlosen“, von Goethe über Schiller und Kleist bis hin zu Schopenhauer, Storm und gar Nietzsche, wären allesamt so nett zur deutschen Sprache gewesen, im 20. Jahrhundert noch einmal zu inkarnieren, und am besten im 21. gleich ein weiteres Mal schon da oder wenigstens zu erwarten. Erbärmlich.

    Titel: Deutsch
    Untertitel: Biografie einer Sprache
    Autor: Karl-Heinz Göttert
    Jahr: 2010
    Verlag:
    Ullstein Verlag
    Genre: Sachbuch
    Aufmachung:
    400 Seiten, gebunden

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