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Von der Sicherheit zur Verunsicherung

Von DOC TELOR

In gut eineinhalb Jahrzehnten Schule und Studium erfährt man so gut wie gar nichts über den Umgang mit Geld. Eigentlich bemerkenswert, denn Geld ist – gleich nach der Gesundheit – ein Thema, dem Priorität zukommen sollte. Ob man mit seinem Einkommen auskommt oder nicht, liegt nicht nur an dessen Höhe. Einnahmen und Ausgaben sollten sich stets die Waage halten, das gilt für private ebenso wie für öffentliche Haushalte. Hier wie dort, das bemerken wir schmerzlich, gelingt dies nicht immer.

Liquidität – genauer: das Empfinden darüber – kennt bekanntlich eine riesige Spannbreite, innerhalb derer sich das Sicherheitsgefühl des Einzelnen beträchtlich von dem anderer unterscheiden kann. So setzt sich der eine frühestens dann in Bewegung, wenn der Kontostand die Marke Null erreicht hat. Bei manchem schrillen die Alarmglocken erst, wenn mit minus 3.000 der Überziehungskredit komplett ausgereizt ist. Dieser Gruppe fehlt, vermutlich lebenslang, die Fähigkeit, Reserven zu bilden.

Das Wohlbefinden anderer Zeitgenossen hängt indes von der Existenz eines gewissen Polsters ab, je nach Größenordnung auch Vermögen genannt. Um der permanenten Geldentwertung entgegenzuwirken, entnimmt man es dem Sparstrumpf und bringt es zur örtlichen Sparkasse ... An dieser Stelle vollzieht sich früher oder später eine Kehrtwende vom betulich-altväterischen Sicherheitsdenken in Richtung moderne Marktwirtschaft. Mensch entdeckt: Da ist doch mehr herauszuholen! – und wird entsprechend beraten. Zu seinem Nutzen, wie es scheint: 5 % sind schön, 8 % wären besser, man kauft eine Immobilie, wird Eigentümer, erwirbt Anteile eines Immobilienfonds. Von Stund an wird gewinnorientiert, und das heißt risikofreudig gedacht.

Man ersteht Aktien, liest das Handelblatt, erfreut sich an steigenden Kurven – oder stellt mit Missfallen fest, dass sie fallen. Optionsscheine sollen den Verlust ausgleichen: x-facher Gewinn (oder x-facher Verlust!) ist möglich. Der „Handel“ mit Derivaten, das sind Papiere mit Verfallsdatum, hat in den letzten Jahrzehnten explosionsartig zugenommen. Wer sich zutraut, Marktgeschehen vorauszuahnen, lässt sich auf Termingeschäfte ein. Je nach Charakter reizt das die Spiellust, in jedem Fall entsteht Gier. Geld wird nicht mehr als Tauschmittel, geschweige denn als Sicherheit gesehen, sondern als unechtes Produktionsmittel: Geld verdient Geld. Gier ist im Übrigen die schlechteste Voraussetzung, reich zu werden, dafür ein sicherer Weg in den Verlust. Doch keine Sorge: Während der eine verliert, gewinnt der andere.

Niemand denkt daran, dass er sich beim Spekulieren selbst entmündigt. Überschwemmung der Elbe – das Geld wird für die Wiedergutmachung der Schäden aufgewendet, kein Cent bleibt für die Behebung der Ursachen, die nächste Katastrophe ist vorprogrammiert. Als Aktionär finanziert man die Herstellung von Waffensystemen mit, die in anderen Ländern Menschen verletzen und töten. Und manchmal schlägt die Sache sogar auf einen selbst zurück: Ein schwäbischer Unternehmer, der sein Stuttgarter Traditionsgeschäft in dritter Generation betrieb, hielt Aktien einer namhaften Versicherungsgesellschaft und freute sich als Kleinaktionär, wie deren Wert von Jahr zu Jahr stieg. Doch eines Tages wurde ihm überraschend als Mieter gekündigt. Was er übersah: Die Versicherung ist Grundstücks- und Hauseigentümer und auch hier stets auf Gewinnmaximierungskurs.

Beim Staat, dem Land und den Gemeinden sieht’s meist nicht anders aus. Die eingenommenen Steuergelder, mit denen Dienstleistungen für uns Bürger erbracht werden sollten, reichen hinten und vorne nicht mehr aus, die Ausgabenseite abzudecken. Selbst die öffentlichen Vermögenswerte schwimmen davon: Die Stadt verkauft die Wasserwerke oder verleiht sie an amerikanische Rentenfonds, die sich absichern. Und das Risiko tragen wir. Die Riester-Rente führt Bürger auf die schiefe Ebene, hin zur Tendenz, sich mehr und mehr aus der Obhut des Staates herauszubegeben und das Lebensschiff auf das freie Meer schwankender Kurse zu lenken: Von der Sicherheit zur Ver(un)sicherung.

Das, was hier zur Gewohnheit wird, liegt nicht im Interesse des Bürgers, ist weder wirtschaftlich vertretbar noch moralisch, noch legitim (doch legal im Rahmen der Gesetze möglich). Es ist sinnlos und zudem nicht mehr umkehrbar, denn es unterliegt nicht steuerbaren Mechanismen. Es ist kollektiver Wahnsinn – nichts spricht dafür, alles dagegen.

Ein Teil der Bürger, ein vorerst noch kleiner Teil, beginnt nach Alternativen zu suchen. Nicht mehr gewinnorientiert wirtschaften, sondern selbstkostendeckend Kapital nur für konkrete Projekte zur Verfügung stellen. Kompetenzteams bilden und die Haushaltsentscheidungen kontrollieren, Gegenvorschläge unterbreiten, (Geheim-)Verträge auf das fatale Kleingedruckte abklopfen. Generell Mitbestimmung und Mitwirkung der Bürger einfordern. Nach dem Grundgesetz ist der Bürger der Souverän, nach dem Grundgesetz hat er ein Widerstandsrecht, ja sogar eine Widerstandspflicht. Viele haben’s gelesen, viele haben’s überlesen, viele haben’s vergessen. Und wie steht’s mit Dir, lieber Leser?..

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 26 (1-2007).


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