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Nicht scheiden, meiden tut weh!

Von DOC TELOR

Die „kleine“ und die „große“ Scheidung: Klein, wenn es z. B. um die Trennung von einem Wohngenossen geht, mit dem man – nach etlichen Zugeständnissen und vielen Gesprächen – nicht mehr zusammenwohnen möchte. Wie vielleicht der gute Bekannte, der vor acht Monaten „für höchstens zwei Wochen“ einzog, um sich eine neue Wohnung zu suchen ... Große Scheidung, wenn es sich um die große Liebe handelt, die so leidenschaftlich und so innig begonnen hatte.

Das Einander-nicht-mehr-ertragen-Können kann sich an ganz großen Sachen festmachen: der Mann, mit dem man bis zum Lebensende zusammensein möchte – er möchte das auch – schläft immer mal wieder mit einer anderen Person weiblichen Geschlechts, und man packt es nicht, an der quälenden Eifersucht konstruktiv und erfolgreich zu arbeiten. Oder er ist Quartalssäufer. Oder er prügelt ab und zu. Es kann sich aber auch auf Kleinigkeiten beziehen, auf Dinge, die wie die chinesische Tropfenfolter wirken: die tägliche Qual, die zum Tode, gesetzmäßig zum Ende der Liebe führt. Dieser Auflösungsprozess ist heimtückisch und in der Wirkung gravierender als gelegentliches Fremdgehen.

Das Große bricht herein, dem Kleinen ist man nicht ganz so ausgeliefert, hier kann man prophylaktisch entgegenwirken, indem man etwa einen mehrwöchigen Liebesurlaub dem Zusammenziehen vorschaltet. Wie ist das, wenn man auf kleinsten Raum drei Wochen zusammenlebt? Schmeißt er die Kleider nur im Rahmen einer leidenschaftlichen Szene auf den Boden, oder tut er das ständig?

In jedem Falle ist anzuraten, demjenigen, dem Zuzug gewährt werden soll, vorher in seinem Wohnumfeld aufzusuchen. Wer misstrauisch ist, erscheint unter irgendeinem Vorwand um neun Uhr früh. Aber auch ein moderater Besuch, angekündigt am frühen Nachmittag, kann aufschlussreich sein. Nichts spricht dagegen, im günstigen Augenblick einen Blick hinter einen Vorhang zu werfen, eine Lade 10 cm herauszuziehen, eine Schranktür einen Spalt breit zu öffnen oder sich einen Eindruck von Bad und Toilette zu verschaffen. Wie etwa sieht die Zahnpastatube aus? – Der Kundige weiß: So geht sie auch mit anderen Dingen um. (Allerdings: Die normale weibliche Badezimmerunordnung ist zu tolerieren.)

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Friedliche WGs mit vernünftigen, gutwilligen, nachgiebigen Menschen brauchen kein kompliziertes Regelwerk. Das ist sogar kontraindiziert. Man arrangiert sich, man passt sich wechselseitig an, man denkt und fühlt sich in die anderen hinein. Man freut sich mit. Man erspürt, welche großen Dinge man ändern kann, welche kleinen nicht. Man diskutiert nicht und erzieht nicht, man therapiert nicht. Man findet praktische Lösungen und Regelungen: Sie übernimmt den Hertransport: schafft die Dinge ins Haus, kauft ein, lässt bringen, bestellt Sachen. Er übernimmt den Abtransport, den Wegwurf, schleppt all das, was übrigbleibt und überflüssig ist, wieder hinaus: Verpackung, Papier, Leergut, Müll (in alten Zeiten die Asche).

Ein konkretes Beispiel: Sie putzt das Klo, er dagegen sorgt für die Sauberkeit der Nasszelle und entfernt geduldig die Haare aus dem Abfluss (und die Urinflecken neben der Kloschüssel, falls er sich den Luxus leistet, im Stehen zu pinkeln). Man teilt die Räume in subjektiv-individuelle Flächen und in einen neutral gehaltenen gemeinsamen Bereich. Hier trifft dann – Streit vermeiden! – nach Beratung, Anhörung und möglichst umfassender Berücksichtung der Einwände die letzte Entscheidung – sie!

Die sprichwörtlichen sich anziehenden Gegensätze können ebenso inspirierend wie nervend sein. Zusammenwohnen kann bedeuten, dass das Leben des Einzelnen spannender und intensiver wird, das eine zum anderen fügend, addierend, gar multiplizierend. Es kann auch ausbremsen, als Dauerkonflikt zur kleinen Vorhölle werden, ausgesprochen und – schlimmer manchmal – unausgesprochen. Was spricht dagegen, das Zusammen- und das Getrenntsein zu kombinieren, wenn’s anders nicht geht? Im Falle einer gewissen Inkompatibilität kann man durchaus beschließen zusammenzubleiben – aber eben mit getrennten Wohnungen. Die Kinder kommen später entweder zu ihr oder zu ihm, oder das eine wohnt bei ihm und das andere bei ihr. Notfalls leben sie bei den Großeltern.

Er, der so kommunikativ ist, braucht permanent einen hohen Geräuschpegel, lädt Freunde ein, die bis drei Uhr bleiben und dann auf Teppiche verteilt behaglich in den Tag hineinschlafen. Die Männer-WG ist die Lösung! Sie wiederum, diese meditative und wunderschöne Frau, braucht die absolute Stille. Aus ihrer Kemenate ist alles Banale verbannt. Es ist penibel sauber, die Flächen glänzend oder mattglänzend, staublos: „Deep-Cleaning“ als Dauerzustand. Riechendes, Lärmendes, Schmutziges sowie Schmutzmachendes, etwa klebrige Süßigkeiten, tropfendes Eis oder Sand von den Schuhsohlen, sowie sich unkoordiniert Bewegendes – all das muss draußen bleiben. Gut, sie ist kein mütterlicher Typ ...

Und doch: Wir können dem Leben nicht entkommen. Bei aller Verschiedenheit sind wir dazu verurteilt, bestimmte Dinge gemeinsam zu tun – oder eben auch nicht. Sich immer wieder mal zu scheiden (statt sich zu meiden und dabei zu leiden) – tut das wirklich so weh?

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 29 (1-2009).


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