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Lebenslänglich für die Füße

Von DOC TELOR

Wer kennt nicht das Gefühl, „fremd“ zu sein in dieser Welt? Kurz nach dem Aufwachen etwa, wenn man vom Schlummer auf das Wachsein umstellt. So ähnlich mag es wohl Kindern ergehen, die – noch nicht betriebsblind – die Mitwelt über Schritte und Stufen entdecken. Und sobald die Kleinsten lernen, Sätze zu formulieren, geht schon die Fragerei los: Warum ist das so oder so, warum macht ihr (Eltern) das so oder so und warum muss „man“ dies oder das? Und sie setzen dem, was sie sollen, etwas entgegen, durchaus nicht „nur so“ (aus Trotz, wie es heißt) – sie können es begründen. Hätte ein Affenkind der Affenmutter keinen Widerstand geleistet, säßen wir heute noch auf den Bäumen.

Mutter – auf Einkauf oder Arzttermin programmiert – versucht dem Kind diese Treterchen aus Filz oder Leder überzustreifen, Kind verdreht gekonnt die noch handartig beweglichen Füßchen. Kind lässt sich ungern die Wollmütze über die Ohren ziehen, schiebt sie, kaum ist die Mutter weg, wieder hoch. Kind kommt ohne Fäustlinge zurück, die liegen im Schnee. Kind möchte eigentlich gar nichts anziehen – die Tiere müssen es ja auch nicht ... Und dann ist da noch das Vorbild des Vaters, der nach der Heimkehr von seinem täglichen Broterwerb erst mal den rechten Schuh mit gekonnter Bewegung des Linken ohne zeitraubendes Lösen der Schnürsenkel abstreift. Anschließend der Griff nach der Krawatte, den Knoten nach unten ziehen: „Ahhhh ...!“

Warum machen wir’s uns unbequem? Warum halten wir einen unpraktischen Stuhl als Erbstück heilig, warum erwerben wir ein teures Designer-Sitzmöbel, obwohl das der Bandscheibe nicht gut tut? Warum lassen wir uns einen Schalenstuhl aufschwatzen oder eine Birkenstocksandale (man stelle sich ein Birkenstock-„Formbett“ vor – die ganze Nacht in einer Position ...)? Warum zwingen und zwängen wir unsere hoch sensiblen Füße jeden Morgen in viel zu enge Lederfutterale?

Weit über 50 % der Gehäuse macht unsere empfindsamen Füße (mit den vielen Reflexzonen!) so leblos wie (ein Paar?) Ziegelsteine. Und auf diesen Klötzen stehen wir, mit diesen gehen wir, entlasten sie nur im Sitzen. Manche erinnern sich vielleicht noch an den Schnappschuss, der durch die Weltpresse ging: Kennedy und Jacky in einer Pressekonferenz zweigeteilt. Oben, über der tuchverhüllten Tischplatte, das offizielle sittsame Bild, unten die befreiten Füße von JFK, ein leerer Schuh, umgekippt ...

Der Fuß ist nun einmal vorne breiter als hinten und die Zehen streben, wenn man sie lässt, auseinander. Doch wir wollen es nicht wahrhaben. Die Sohle möchte im Gehen abrollen, kann aber nicht, denn das steife Leder setzt den unnatürlichen Ebenen, die wir betonierend und asphaltierend herstellen, eine ebenso starre Minifläche entgegen. Und diese vielen Schuhgeschäfte mit diesen vielen Quälerinchen! War jene unglückselige Imelda, die sich ihrem philippinischen Volk entfremdete, vielleicht auf der verzweifelten Suche nach den „Passenden“ – und 500-mal ging’s schief?

Und die Alternativen? Hausschlappen sind, das ist nun schon historisch, nicht angesehen, sie törnen ab. Ein Mann in Socken? Geht nicht so gut. (besser: Lächerlich!) Eine Frau in Strümpfen? Das geht schon eher. Barfuß zu Hause – geht. Barfuß auf der Straße? Geht nicht. Auch wenn man ins Kalkül zieht, dass die in der Mehrzahl rücksichtsvollen und hygienebewussten Mitmenschen in Papiertaschentücher schnäuzen und die Hundepopulation zurückgeht.

Die Mokassins, luftig-leicht, mit weicher Sohle, sie kommen immer mal zum Sommeranfang wieder, aber sie setzen sich nicht durch. Gegenüber dem spitzen Halbschuh, mit dem man keinen Ball ins Tor kicken kann, jeden Wettlauf verliert und auf einem Skateboard verloren ist, gewinnt nun der Sportschuh als Alltagsvehikel vor allem auf den Schulhöfen Marktanteile. Die Dinger sehen klobig aus und sind trotzdem leicht (und bequem). Und erst diese Klettbänder! Die geniale Fortentwicklung des Reißverschlusses. Dennoch gibt es ein einziges großes Aber: Die Sohlen sind zentimeterdick und steif.

Ein weiteres gravierendes Problem: die Stilfrage. Man kann nicht die Füße abrüsten und „darüber“ alles beim Alten lassen. Wie sieht denn ein sportlich beschuhter General, Diktator, Bankdirektor aus – wir könnten uns ihm nicht mehr anvertrauen. Barzel stürzte schließlich auch über seine weißen Socken ...

Fazit: Dieser Text kann nachdenklich machen, er kann zum Handeln auffordern. Niemand ist gerne eingesperrt – und wie ist es um unsere Füße bestellt? Lebenslänglich für die Füße?!

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 22 (1-2004).


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