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Neue Therapeuten braucht das Land

Von DOC TELOR

Sprechen wir mal wieder von den Altvorderen: Ihre Ehe, die war so lala: Man muffelte sich an, schwieg sich an, stellte den Suppenteller etwas lauter auf den Tisch als nötig, manchmal gab der alte Hausarzt, wenn’s hart auf hart kam, einen menschlich-klugen Rat, aber der Beruf des Therapeuten war unbekannt und unnötig, denn man hatte keine Beziehungsprobleme – vermutlich weil man gar keine Beziehung hatte. Anders die nächsten Generationen: Da stritt man um einen Grad heftiger, es fielen schon mal laute Worte. Und es tauchten die ersten Therapeuten auf. Doch da ging man nicht hin (ich rede von dem braven Bürger).

In der NS-Zeit folgte eine „Therapiepause“. Dafür gab es Erziehung und Schulung, man war blond, blauäugig, normal und lebte schließlich den Todestrieb aus. Dieses scheußliche Herumwühlen in Seelisch-Abartigem, diese vorwiegend jüdischen Machenschaften, das war verpönt und sprang exilierend nach New York ’rüber, danach nach Hollywood und kehrte zum Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Besatzern nach Europa zurück. Vom Jahr ’45 an entwickelten sich die klassischen Therapieansätze langsam und stetig: Neben den tiefenpsychologischen wanderten die verhaltenspsychologischen über den Großen Teich, und dann, irgendwann gegen Ende der Adenauerzeit, explodierte das System. Die Gefühle wurden entdeckt und losgelassen (in des Wortes zweifacher Bedeutung), der unglückselige Wilhelm Reich wurde zum Heiligen der Achtundsechziger.

Nun traten die Körpertherapien ihren Siegeszug an. Und anschließend traf man sich „unter therapeutischer Anleitung“ in Gruppen und setzte sich deftigen wie effizienten Methoden aus. Östliches und Fernöstliches floss ein, als Überbau (oder Vertiefung) entstanden die so genannten spirituellen Therapien. Es ging nun nicht mehr primär darum, irgendwelche Wehwehchen, Behinderungen, Widerstände und „Leiden“ loszuwerden, sondern sich – bei voller physischer und psychischer Gesundheit – „auf den Weg zu machen“. Man setzte sich also ohne Leidensdruck in Bewegung oder sattelte das Ganze als Fortsetzung einer erfolgreichen Therapie auf. Doch manch einer suchte das Leiden nun geradezu auf, um hindurchzugehen, um etwas zu erreichen. Keinesfalls das banale Glück von Normalos, nein, den außerordentlichen Zustand irdischer und überirdischer Glückseligkeit.

Der weibliche Teil der Menschheit schritt beherzt voran. Die männlichen Partner folgten auf dem Fuße. Falls nicht, gerieten sie ins Abseits. Die Schöne fiel dem „spirituellen Kontrahenten“ zu. So weit, so gut. Aber wo stehen wir heute? Da gibt es solche, die durch alles hindurchgegangen sind, ohne dass es ihnen erkennbar geschadet hat. Und solche, die geradezu „leuchten“. Und natürlich „besonders Leuchtende“. Dann solche, denen es gelang, von der Seite der Klienten zu jener der Therapeuten zu wechseln. Man ist schöner, gesünder und gut fünf bis zehn Jahre jünger als die Artgenossen!

Unübersehbar ist allerdings, dass es daneben auch solche gibt, denen es auf ihrem spirituellen Weg, sagen wir mal, gar nicht so gut geht: Nicht Wenige sind ausgeglitten. Es handelt sich offensichtlich um eine Menschengruppe, die alles missverstanden hat. Diejenigen, die sich unter Erwartungsdruck setzten, Vergleiche zogen, sich selbst und rechts und links die konkurrierenden Weggenossen bewerteten: Wer hat, wer hat nicht, wer steht wo auf dem Treppchen nach irgendwo und nirgendwo. Einzelne sind gleichermaßen betroffen wie ganze Schulen und Methoden. Spirituelle Rangordnung und gnadenloser Wettbewerb – geht’s doch um alles. Letztlich reduzieren sie sich auf drei Typen: die im VW, die im Rolls-Royce und diejenigen mit Duplikaten von Autoschlüsseln – die Angeber. Und das Ganze formiert als ein „soziales System“, eine spirituell-therapeutische Szene.

Freud hat auf Wolke sieben seine Freude. „Da sind sie 100 Jahre lang über mich hergefallen, haben mir diese und jene Irrtümer nachgewiesen und landen nun selbst in den alten Fallen.“ Das bürgerliche Über-Ich geht nahtlos über in ein spirituelles Über-Ich, und die neurotischen Zwänge, das gesellschaftlich Abstruse, die bürgerliche Kollektivneurose nahtlos über in die spirituell-therapeutische Korrektheit. Neben ihm (auf Wolke sieben) sitzt fassungslos sein ungeliebter Schüler Reich. So viel für die Befreiung getan, geopfert und nun, eine Generation später, machen die Nachfolger aus all dem „Dürfen“ im Handumdrehen wieder ein großes „Müssen“. Was für eine Verheißung, schon von den Namen her: Freud – Adler – Jung – Reich!

Neue Therapeuten braucht das Land. Solche, die sich zur Aufgabe machen, diejenigen, die auf ihrem spirituellen Pfad in Schwierigkeiten geraten sind, wieder auf den Pfad alltäglicher Normalität zurückzuführen. Jedenfalls zunächst einmal. Gar nicht so einfach!

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 23 (2-2004).


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