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    Sinn und Unsinn von Verschwörungstheorien

    Von THOMAS RÖTTCHER

    Seit Erscheinen und dem nachfolgenden Verbot der ersten beiden Bände von Jan van Helsings „Geheimgesellschaften“ ist die Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien fast schon „trendig“: inszenierte Mondlandung, geheime Ufoforschungen in Area 51, Ungereimtheiten um Möllemanns „Freitod“. Angeheizt durch Mystery-Serien wie „Akte X“, versuchen Menschen hinter die bleiernen Vorhänge der Weltpolitik zu blicken. Manche gehen sogar von einer Weltverschwörung aus, den immensen logistischen Problemen einer solchen Aktion trotzend. Verschwörungstheorien unterhalten nicht nur, sie erhitzen auch die Gemüter, Fäden werden aufgegriffen, weitergesponnen, neu gestrickt, so lange, bis die graue Theorie ein Eigenleben entwickelt. Der folgende Beitrag widmet sich der Theorie der Verschwörungstheorien.

    Betrachten wir eine ganz spezielle Verschwörungstheorie, die zweifelsfrei aus der Luft gegriffen ist und bleibt: die Bielefeld-Verschwörung. Ihre Kernaussage: Die Stadt Bielefeld existiert nicht, Fotos von dort sind gefälscht und alle, die sich als Bewohner fühlen, einer Gehirnwäsche unterzogen. In die Welt gesetzt wurde sie vom Informatiker Achim Held am 16. Mai 1994 im damaligen Usenet. Was als Spaß gedacht war, entwickelte eine bizarre Eigendynamik. Die Konspirationstheorie pflanzte sich unkontrollierbar fort und ist bis heute nicht totzukriegen. Am einfachsten lässt sich das mit den Erkenntnissen des englischen Biologen Rupert Sheldrake erklären: Ein Gedanke muss nur oft genug wiederholt werden oder einfach genügend Anhänger finden („gleichgerichtetes Bewusstsein“), schon entsteht ein in sich beständiges Gewohnheitsgefüge, das unzerstörbar ist – Sheldrake spricht von morphischen Feldern (vgl. ZeitGeist-Interview in Ausgabe 3-2001). Ob realistisch oder nicht, ist egal, Hauptsache die Idee ist attraktiv genug, um auf ausreichend Interesse zu stoßen.

    Für viele ein bedrohliches Szenario, und das gleich im Quadrat: ein Sendemast, im Hintergrund vermeintliche "Chemtrails"

    Warum ist das so? Weil es einfach verführerisch ist, einen „Verschwörungsfaden“ aufzugreifen und weiterzuspinnen. Der Idee noch eins draufzusetzen, bis sie schließlich mehr und mehr heranreift. Das Phänomen der Projektion kennt schließlich jeder: Ich kann in eine Sache genau das hineinlegen, was ich dort finden möchte. Held schreibt in seinem ursprünglichen Posting: „Von da an waren unsere Sinne natürlich geschärft, und wir entdeckten nach und nach das Ausmaß der Verschwörung: Autos mit gefälschten ,BI‘-Kennzeichen, eine mysteriöse Fußballmannschaft, die vorgab, aus Bielefeld zu kommen, kurz: SIE haben keine Kosten und Mühen gescheut, um uns glauben zu machen, dass es Bielefeld wirklich gibt.“ Alles, jede Kleinigkeit wird in die „passende“ Richtung interpretiert. Die Wahrnehmung wird selektiv und zunehmend enger.

    Nun ist das im Fall der Bielefeld-Verschwörung nicht problematisch, weil jeder weiß, dass dies alles so nicht stimmen kann. Doch wie ist es mit anderen, mit mutigen Thesen, relevante Themen betreffend? Die treiben im selben Fahrwasser wie die unwahrscheinlichsten und die haarsträubendsten Verschwörungstheorien und werden durch Letztere abgewertet, verwässert oder gehen dazwischen unter. Dieses Schicksal widerfährt z. B. oft den alternativen Deutungsansätzen, die wahren Hintergründe des 11. September betreffend. Ernsthafte Gedankenkonstrukte ersticken im Dickicht wilder Spekulation. Vielleicht wollte US-Präsident Bush, dass genau das passiert, als er bereits Wochen nach dem Vorfall erklärte, man solle alle verfolgen, die Verschwörungstheorien hinsichtlich dieser schrecklichen Ereignisse aufbringen. In einer allgemeinen Verwirrung des „Conspiracy-Theory-Chaos“ ist es leichter, zu vertuschen und von unliebsamen Fakten abzulenken. (…)

    Warum Verschwörungstheorien zu selbst erfüllenden Prophezeiungen mutieren können, wie der typische Verschwörungstheoretiker gestrickt ist und weshalb der Begriff Verschwörungstheorie bereits einer Diffamierung gleichkommt – das und mehr lesen Sie in der Ausgabe 1-2007.

     

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