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Der ideale Leser

Von DOC TELOR

Leises Gemurmel im IC-Waggon, der allabendlich von München nach Stuttgart fährt. Ein rascher Blick auf die 40 bis 50 Fahrgäste: Einige dösen, wenige unterhalten sich, die meisten lesen. Um die ruhigen Schmökerer entsteht so etwas wie eine Aura der Unnahbarkeit, kein Blickkontakt ist möglich. „Tschuldigung, was lesen Sie da?“ – undenkbar! Das wäre ein schlimmer Fauxpas. Dem Reisenden, der es versäumt hat, sich mit Lesefutter einzudecken, bleibt nur, in Stille zu versinken. Hat man das Pech, einem dramatischen Leser gegenüberzusitzen, steigt leicht ein Gefühl von Neid in einem auf: Wie dieser Mensch den Kopf zurücklegt, die Augenbrauen hochzieht oder sich nach vorne neigt! Gewissermaßen in die Seite hineinkriecht, zustimmend brummt und lächelt! Der Versuch, einige Worte der Kopfzeile zu erhaschen, scheitert, denn gerade als endlich der Titel mit zusammengekniffenen Augen halb erfasst werden kann, knickt der andere die Zeitung um

Der vermeintliche Informationsvorsprung des Lesenden übt eine seltsame Faszination aus. Wissen ist eben doch Macht! Anscheinend auch vermutetes Wissen, denn ob der Leser (sich) etwas aus dem macht, was er aus seiner Lektüre erfährt, bleibt dem Außenstehenden zumeist verborgen. Sicher gibt es auch die Genussleser: Lesen um des Lesens willen. Oder die Wichtigtuer, die sich mit der FAZ oder dem Handelsblatt schmücken – als ob allein der Besitz einer Zeitung den IQ steigern könnte! – wie andere mit einer Handyattrappe. Das, was man „Lesevergnügen“ nennt, kann ganz unabhängig davon sein, ob einen die Sache „betrifft“ oder nicht, ob sie Substanz hat oder nicht, ob der Inhalt Konsequenzen hat oder nicht. Und was das Lesen alles bewirken kann – oder zumindest könnte: einen Sprung im Bewusstsein, die Verlagerung einer Sichtweise, die Verstärkung von etwas, was schon – schwach, unsicher – vorher vorhanden war. Oder etwas kann sich festsetzen. Eine Tür kann sich öffnen, die nie mehr zuschlägt.

Auf der anderen Seite steht der Schriftsteller als Ratgeber im ganz individuellen Bereich, der Einfluss ausübt auf die Lebensumstände, in denen sich der Leser befindet. Gewissenhafte Autoren informieren nicht nur, sie stehen auch für Veränderung respektive Verbesserung. Einem Ratgeber, dem seine Botschaft am Herzen liegt, der also ein echtes Ansinnen hat, ist Erkenntnis seitens des Lesers zu wenig; allenfalls als Vorstufe taugt sie. Ihm geht es vielmehr darum, den vielleicht träge vor sich hindösenden Textempfänger anzuregen, das Erfasste in die Tat umzusetzen, zu handeln! Dazu bedarf es der Kunst, sich gekonnt in ihn hineinzuversetzen – und das, obwohl er sein „Gespräch“ mit anonymen Gegenübern führt, die er gar nicht oder kaum kennt. Eine Herausforderung, insbesondere wenn der Leser zwar fundiert informiert, allenfalls motiviert, keinesfalls jedoch manipuliert werden soll!

Ganze Heerscharen von Marktforschern haben schon versucht, ihn zu ergründen: „den Leser, das unbekannte Wesen“. Wie er zurückgelehnt mit befeuchtetem Daumen gemächlich blättert oder mit vier Fingern ungeduldig die Seiten wendet. Wie lange er an einer Überschrift hängen bleibt, ob und warum sein Blick gerade auf dieses Bild oder jenen Zwischentitel fällt, wie sein Blick über die Seite wandert, wann er zurückblättert. Der erste Satz – er ist entscheidend! Probieren Sie’s selbst aus, indem Sie Hefte, Bände und Broschüren einmal nach dem Zufallsprinzip aus der Ablage nehmen und nur die ersten Absätze lesen – ein vergnügliches und zugleich lehrreiches Experiment. Bewundernswert, wie zunächst betulich beginnende Beiträge doch noch zu fesseln verstehen, wie meisterhaft das, was als „Aufsatz“ begann, einen an anderer Stelle in spannungsreicher Hektik fortreißen kann, oder staunen Sie über prägnante Texte, in denen kein Satz zu wenig und keiner zu viel erscheint.

Doch zurück zum Leser, wie ihn sich Autor und Verleger wünschen – den viel gepriesenen idealen Leser: den treuen Abonnenten, der für Kontinuität steht, den Glückstreffer, der durch einen Tipp oder per Zufall aufmerksam wurde und aufgrund seiner Unbedarftheit außerordentlich wichtige Impulse liefern kann. Und natürlich den aktiven, multiplikativen Leser, der seine Anverwandten ins Bild setzt, seinen Nachbarn missioniert, Textstellen, die ihm wichtig sind (und für den nachfolgenden Leser) mit Rufzeichen versieht, Kaufhinweise gibt, weiterempfiehlt, sein Zweit-, Dritt- oder Viertexemplar verleiht oder verschenkt; der ausschneidet, besser: kopiert, Faxe verschickt (natürlich zuvor die Genehmigung eingeholt hat, um kein Copyright zu verletzen), Autor und Redaktion Themenvorschläge unterbreitet, sich ohne Umschweife zum Lesertreffen anmeldet, um sich mit Gleich- oder Andersgesinnten auszutauschen, eine Internetseite einrichtet und dabei – voller Dankbarkeit – den Autor zitiert ...

Doch – machen wir uns nichts vor –, dieser Leser ist selten. Oder etwa nicht?

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 1-2006.


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