zeitgeist-Newsletter

Der Klub der Achtzigjährigen

Von DOC TELOR

„Einen schönen Lebensabend“, so lautet der übliche Wunsch in der „Grabrede“ anlässlich der Pensionierung, und man möge ihn doch „noch möglichst viele Jahre möglichst rüstig“ genießen. Doch was tun, wenn dieser Wunsch in Erfüllung geht? Wenn man mit achtzig die Parkbank lieber einem Liebespärchen überlässt, wenn man sich unter Palmen tierisch langweilt und mit Mallorca immer noch nichts am Hut hat? Und überhaupt: sich partout nicht vorstellen kann, im Altenheim jemals heimisch zu werden.

Der seit Jahrzehnten vorherrschende Jugendkult hat unser Bild von Altsein und Altwerden verändert: Die Gestalt des weisen Alten ist verschwunden – zumindest in der westlichen Welt –, stattdessen tauchen Senioren in Hörsälen und Bürgerinitiativen auf oder lachen uns strahlend in Jeans und T-Shirt von Werbeplakaten an. Und warum auch nicht? Schließlich ist es nicht so, dass man so ab 65 nicht mehr mit schnelllebigen Zeitabläufen mithalten könnte. Im Gegenteil: Wer bereits viele Veränderungen im Leben durchgemacht hat, der ist schon auf neuerliche Veränderungen programmiert und auf Umbrüche gefasst. Wer Jahrzehnte zurückdenken kann, der hat auch einen Blick für Zukünftiges. Anders als die im Tagesgeschäft verstrickten und auf den Wahltermin fixierten Politiker oder die Manager, deren Fokus auf den Aktienkurs gerichtet ist, haben die quicken Pensionäre ihre Nachwelt im Blick, sorgen sich um das Leben der Enkel.

Deshalb lassen sich einige von ihnen nicht ohne weiteres auf das weite und diffuse Feld der „ehrenamtlichen Tätigkeit“ abdrängen, fordern nicht nur die Möglichkeit der Mitwirkung, sondern das Recht der Mitentscheidung ein. Sie mischen sich ein und greifen noch einmal in die Räder, bilden im politischen Prozess ein Gewicht. Und vor allem wählen sie das Thema, sprich die Ziele, für die sie sich einsetzen, sorgfältig aus. So stellen sie sich etwa dem, was in weltweiten Turbulenzen im Zuge der Globalisierung aus dem Ruder läuft, warnend, abwägend und mitgestaltend entgegen.

Dennoch wird versucht, die Alten aufs Abstellgleis zu drängen. Sie stören. Die so genannte und oft ohnehin fragwürdige Lebenserfahrung imponiert niemandem mehr. Und die Anforderungen der Leistungsgesellschaft traut man den Unjungen nicht mehr zu. Schließlich weiß jeder, dass die kleinen grauen Zellen kontinuierlich abnehmen und dass im Zuge des Abbaus die Lernfähigkeit sukzessive verloren geht, um schließlich unausweichlich bei der Senilität zu landen.

Biologie bzw. Physiologie ist aber nicht alles. Zweifel sind angesagt. So konnten etwa die jugendlichen Studierenden erstaunt feststellen, dass ihre betagten Kommilitonen zwar anders lernen – vor allem jedoch effektiv. Wer neues Wissen in vorhandene Strukturen einordnen kann, ist gegenüber einem 22-jährigen Jungsemestler im Vorteil. Diese Fähigkeit ermöglicht es, sich schnell in neue Felder einzuarbeiten, rasch den nötigen Überblick zu gewinnen, um sich nicht im Detail zu verlieren. Das, was man sich so angeeignet hat, bringt man mit geringer Mühe zu Papier: Fünf Wochen braucht Sohnemann für einen Seminarbericht, eine Woche bastelt der im besten Mannesalter stehende Vater an einem Vortrag (den er gesenkten Hauptes abliest). Locker vom Hocker fließt Oma oder Opa in freier Rede der Text aus dem Munde. Das Gedächtnis funktioniert – da alzheimert nix.

In den neuen Bürgerinitiativen fallen die vielen grauen Köpfe schon gar nicht mehr auf. Integriert und engagiert, nehmen die „neuen Alten“ dort eine besondere Rolle ein: 80-jährige Alphatiere sind moderat – was sie persönlich anstreben, steht im Hintergrund. Sie können auf Fähigkeiten zurückgreifen, die sie in und außerhalb des Berufes erworben haben. Und sie sind gute Kommunikatoren. Sachverständigkeit bezieht sich auf das mitgebrachte Wissen und Können und schließt soziale Kompetenz und soziale Kreativität mit ein. Sie betrifft aber auch das Entwickeln neuer Talente: Auf Durchsetzungsvermögen, langen Atem, Frustrationstoleranz kommt es an. Keine jugendliche Ungeduld! Dicke Bretter sind zu bohren.

Hinzu kommt der Blick fürs Wesentliche – Persönliches bleibt außen vor. Und Grenzen, die lebenslang bestanden, spielen nicht mehr die geringste Rolle. So trifft jenseits und weit jenseits der Pensionsgrenze der Akademiker auf Altersgenossen, die erfrischend unverbildet aus einem völlig anderen sozialen Milieu kommen. Allen gemeinsam ist das Gefühl bisher ungenutzter Möglichkeiten. Davon geht quasi ein kollektiver „Druck“ aus, die begrenzte Zeit, die vor einem liegt, optimal zu nutzen.

Und noch ein paar Worte zur Kommunikation. Alle reden von Vernetzung, doch nur wenige wissen, wie man’s macht. Die Qualität von „Netzen“ steht und fällt mit ihren Knoten! Wer kennt das nicht: eine volle E-Mailbox, ein Fax, dem gerade das Papier ausgegangen ist, oder die berühmte Sackgasse eines Anrufbeantworters („Ich rufe sofort zurück!“ – Wer’s glaubt!). Gesucht ist die Präsenz von Leuten, die keine vollen Dienstpläne und kein ausuferndes Privatleben haben: lebendige Knotenpunkte, die rund um die Uhr erreichbar sind und das Wertvollste haben – Zeit.

Lassen wir vom 80sten aus noch mal zehn weitere Jahre vergehen. Du, lieber steinalter Leser, sitzt nun doch schon ganz gerne im Lehnstuhl, das Telefon in Griffweite. Dein hohes Alter kennt keine Form der Langeweile. Du wirst gebraucht! Wer hätte das gedacht?

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 25 (2-2006).


zeitgeist-Suche

Frisch im Programm

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.