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Himmlische Zeiten

Von DOC TELOR

Erinnern Sie sich noch an jenen ganz besonderen Morgen, als Sie freudig einen Scheck über 750 Euro in Ihrem Briefkasten vorfanden? Aus einem Begleitschreiben, unterzeichnet von der Bundeskanzlerin, erfuhren Sie, dass diese Summe von nun an jeden Monat kommt – bis an Ihr Lebensende! Und das bedingungslos, ohne etwas dafür leisten zu müssen, als „existenzielle Grundsicherung“, wie es die Medien dann nannten.

Erinnern Sie sich auch noch, was damals Ihre ersten Gedanken waren: Was werde ich von nun an tun – und was sicher nicht mehr? Und wie werden sich wohl meine Kollegen verhalten? Fragen über Fragen tauchten auf, auch aus Verunsicherung. Skeptisch folgten Sie weiterhin der täglichen Routine, erschienen um 9 Uhr im Büro. Dort herrschte vorerst noch eine merkwürdige Stimmung: Man konnte ja nicht wissen ...

Jetzt, im Jahr 2021, erschien eben die große Querschnittsanalyse mitsamt der Bilanz, was sich alles verändert hat, erwarteter- sowie unerwarteterweise. Erstaunlich ist etwa, dass eine größere Gruppe (rund 20 %) ihren Lebensstil beibehalten hat, wohingegen etwa die Hälfte ihr Leben komplett veränderten, häufig in gegenläufige Richtung: Nicht wenige Workaholics fanden zu besinnlich-meditativer Ruhe, und aus Freaks, die sich den gesellschaftlichen Zwängen zuvor widersetzten, wurden bienenfl eißig Schaffende. Wieder andere switchen nahtlos zwischen verschiedenen Verhaltensformen hin und her.

Viele haben sich einen regelmäßigen Rhythmus eingerichtet: die einen mit konstruktiven Tätigkeiten im täglichen Wechsel, wobei man sich beim jeweils Folgenden vom Vorherigen erholt, die anderen springen im Wochen- oder Monatstakt von der Produktion zur Dienstleistung, von der Schreibtischtätigkeit zum Einsatz an frischer Luft, von hochgeistiger Anstrengung zum Müllmann. Letztere brauchen in der neuen Gesellschaft übrigens niemals Vollzeit zu arbeiten, denn dort, wo sie nicht durch Roboter ersetzt wurden, stehen genügend Arbeitswillige zur Verfügung, die sich aus zwei völlig unterschiedliche Personengruppen rekrutieren: die einen, weil sie für den Job gut bezahlt werden, und die anderen, weil sie sich die Ausgaben für das Bodybuildingstudio sparen wollen – ähnliche Körperertüchtigungen waren in der alten Gesellschaft dem Freizeitbereich zugeordnet und hießen Sport.

Überhaupt wurde festgestellt, dass viel „Neues“ unter anderen Vorzeichen in der alten Gesellschaft bereits vorhanden war. So muss man heute nicht Hausmann oder Hausfrau sein, z. B., weil man keine Arbeit findet, man darf es! Das ist der ganz große Paradigmenwechsel: das Dahinschwinden des Sollens. Zu spüren bekamen das vor allem Ausbeuter und unethisch agierende Unternehmer, die anfänglich noch für die Umkehrung des Kündigungsschutzgesetzes plädierten, um der Arbeitskräfteflucht Einhalt zu gebieten. Denn nicht selten verließen Angestellte ihre Arbeitsplätze, wie seinerzeit die komplette Belegschaft eines multinational tätigen Waffenherstellers.

Und was viele kaum für möglich hielten: In den Amtsstuben kehrte neue Lebendigkeit ein! Das Gros der Beamten begrüßte die administrativen Vereinfachungen, welche die Einführung des Grundeinkommens und die Abschaffung von Hartz IV / ALG-2, Rente, Bafög etc. mit sich brachten. Nicht wenige Staatsdiener verließen sogar freiwillig ihre Stelle, um sich fortan sinnvolleren Tätigkeiten zu widmen.

Arbeitslose gibt es per definitionem keine mehr, ebenso ist der Arbeitskräftemangel verschwunden als eine Folge der „Doppelstruktur“, ein wichtiger Begriff der neuen Ökonomie – und früher der blanke Horror für die heute überflüssige Gewerkschaft. Bezahlte Kräfte stehen (oder sitzen) werkelnd neben Freiwilligen, die Spaß am Beruf haben und mit ihren 750 Euro zufrieden sind. So gibt es plötzlich genug Kindergärtner, genug Lehrerinnen, genug Pflegepersonal. In den Geschäften, in denen man vordem verzweifelt nach der Bedienung suchte – es musste ja eingespart werden –, geben wieder freundliche Personen Auskunft über Zweckmäßiges wie Preisgünstiges.

Die Struktur der Systeme bestimmt nicht mehr über die Menschen, sondern die Menschen über die Systeme. Das betrifft z. B. die Krankenhäuser (Stichwort: „Der mündige Patient“), das Pfl egeheim („Der emanzipierte Pflegefall“) oder auch die Bildungseinrichtungen, wo die Schüler in der Regel den Stoffplan bestimmen. Anstelle des Prüfungsduktus „Kurzzeitig speichern, dann vergessen“ hat wieder Qualität und damit echte Lernerfahrung Priorität.

Ein Witz macht heute die Runde: 2020 an der Himmelspforte. Petrus: „Zurück auf die Erde, wir haben geschlossen – ihr habt doch bereits himmlische Verhältnisse!“

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 27 (2-2007).


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