zeitgeist-Newsletter

Orchesterpolitik

Von DOC TELOR

Wien 1945. Die Zeit der Diktatur ist vorbei und Demokratie gefragt in Europa (gut, nicht überall). Wie die Wiener Symphoniker auf diese historische Situation reagierten, ist wenig bekannt; dabei eignet es sich wunderbar als Lehrbeispiel für all diejenigen, die sonst wo auf der Welt auf die leichteste, schönste und selbstverständlichste Art zusammen spielen wollen.

Die autoritären Furtwänglers, diese Orchesterdompteure, hatten alle Macht verloren, Entscheidungen wurden nun demokratisch getroffen: Jede Orchesterstimme verfügte über das gleiche Gewicht, die kleine Triangel wie die Pauke oder die Posaune. Dabei wurde kumuliert: Auf die Anzahl der Stimmen, nicht die Qualität kam es an. Sogleich schlossen sich die Streicher zusammen, die Bläser folgten, sodass sich zwei gleich starke Parteien gegenüberstanden. Endlich konnte man das Repertoire und die Wahl des Dirigenten mitbestimmen, endlich das spielen, was man wirklich wollte! Schönberg und Hindemith wurden erst mal abgesetzt und, nun ja, Bartok beibehalten. Dann jedoch zeigte sich, dass die Wünsche der Streicher (Mozart bis Romantik) mit denen der Bläser (z. B. Barockmusik) nicht immer übereinstimmten.

Wie aber sollte man die jeweiligen Vorstellungen durchsetzen? Die Stunde der Demagogen kam – der Mann an der Pauke wurde zur umworbenen Figur! Intrigen wurden gesponnen und Verfahrensfi nessen ausgenutzt. Als etwa die Bläser den (auf den ersten Geiger eifersüchtigen) zweiten Geiger aus der gegnerischen Phalanx herausbrachen, gingen die Streicher im Gegenzug daran, das ohnehin nicht so starke Lager der Gegner zu spalten, und machten mal den Oboen, mal den Trompeten, mal den Klarinetten verführerische Angebote. Erkrankten zwei Leute im einen Lager, zog das andere schnell eine Abstimmung durch.

Die Atmosphäre im Orchester war entschieden anders als zuvor: statt routiniert-langweilig viel lebendiger und emotionaler. Seilschaften entstanden, die zu pfl egen waren, manche interessanterweise quer zu den Fraktionen, sodass man sich gut merken musste, was man hier und dort gesagt hatte – ein Problem, wenn man mal nach dieser, mal nach jener Seite von der Wahrheit abweicht. Zum Üben kam man überhaupt nicht mehr, die Freizeit der Musiker wurde aufgefressen, ihr Familienleben kollabierte. Hinzu kam noch Druck von außen: Der Stadtverwaltung, die in dieser Zeit der viergeteilten Stadt wahrlich andere Sorgen hatte, fiel schließlich auf, dass seit drei Monaten kein Konzert stattgefunden hatte. Eine Kürzung des Budgets fürs nächste Jahr drohte ...

Just in diesem Moment meldete sich die Harfenistin zu Wort, sie, die so selten Beschäftigte, die außerhalb aller Interessengruppen stand. Wenn jemand, der sonst immer schweigt, mit leiser, sanfter Stimme etwas sagt, findet er in der Regel Beachtung. Es war der richtige Augenblick. Ob es nicht ein großes gemeinsames Ziel gäbe, nämlich „Aufführungen in die Welt zu setzen“, die sich an manchen Tagen zu überirdischer Schönheit erhöben? Nach ihren Worten trat große Stille ein. Durchaus auch, weil in den Köpfen der Kollegen Assoziationen abliefen, die durch Worte wie „Erfolg“, „Ruhm“, „Applaus“ gekennzeichnet waren, vermischt mit Spekulationen über gewisse finanzielle Effekte. Zustimmung und Geschäftigkeit folgten. Man wählte zielgerichtet, wenn auch provisorisch einen Dirigenten, begann unverzüglich mit den Proben.

Wie schön ein Oboensolo ist, betulich von der Hand des Dirigenten begleitet und beschützt! Wie er die Streicher beruhigt und die Bläser zurückhält! Wie wunderbar sich solch ein Solo, von den anderen unterstützt und (eben auch durch Zurückhaltung) hervorgehoben, präsentiert! Und dann endlich wieder ein Konzert. Man beachte, wie am Schluss der Dirigent sich beim ersten Geiger bedankt und sodann die Streicher wie die Bläser … alle mit nach oben gewendeter Hand ermutigt, sich zu erheben und dem Applaus zu stellen. Und wie die Zuschauer und das ganze Orchester den Dirigenten feiern: Standing Ovations!

Aber dann, Wochen später: Die Philharmoniker sitzen – die Rücken gerade, die Instrumente zur Hand – im Orchestergraben. Der Saal ist voll, jemand schnäuzt sich, spannungsvolles Knistern. Kein Dirigent erscheint. Minuten verstreichen. Die Zeit steht still. Schließlich fasst sich der erste Geiger ein Herz und gibt das Zeichen; man spielt die fünfte Symphonie: flüssig, punktgenau – und interpretationslos. Es ist also möglich.

Demokratie vermeidet, was vorher missbräuchlich war, eine wichtige und notwendige Erfahrung für die Menschheit. Aber sie ist nicht unbedingt immer die beste aller denkbaren und möglichen Formen. Die Zeit ist gekommen, diese Form zu überhöhen. Auch die Basisdemokratie wird dabei nur Durchgangsform sein – hin zu einem freieren, kreativeren, fl exibleren und faireren Umgang miteinander, in dem das heutige „Ringen nach Regeln“ der Vergangenheit angehören wird. Orchestermentalität für die Politik!

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 28 (1-2008).


zeitgeist-Suche

Frisch im Programm

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.