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Warum aufhören, wenn's interessant wird?

Von JUTTA GRUBER

Seit einem Jahr lebe ich mit meiner Tochter im freiwilligen TV-Zölibat. Es war eine Hauruck-Entscheidung, ausgelöst durch den Umzug in eine Wohnung ohne Kabelanschluss. Schon länger betrübt, einen nicht unerheblichen Teil der Lebenszeit vor der Glotze verrinnen zu sehen, kümmerte ich mich einfach nicht um eine Alternative zum Fernsehen aus der Dose. Mittlerweile sind die schlimmsten Entzugserscheinungen längst vergessen – man liest wieder, verbringt unendliche Stunden Radio hörend in der Badewanne oder mit Freundinnen.

Wenn ich aber andernorts vor eine funktionierende Flimmerkiste gerate, es gerade nichts Dringenderes zu tun gibt und es dann ausgerechnet auch noch „Samstagabend“ ist (der bekanntlich exakt um 20:15 beginnt), dann drücke ich gern mal, wie kürzlich geschehen, den magischen Knopf, der einem trockenen Fußes die ganze Welt ins Wohnzimmer holt. Nach dem Motto „wenn schon, denn schon“ hoffte ich in den Genuss einer richtig schönen Liebesgeschichte zu kommen, einer der ungezählten Neuauflagen von „boy meets girl“. Ich hatte Glück und konnte mich einer der mehr oder weniger fantasievollen, lustig wie dramatisch gestalteten Ausgaben von „Sommer-Sonne-Luxusliner“ hingeben – beste Voraussetzungen also, meine Stimmung an jenem ungemütlichen Wintertag ein wenig zu heben.

„Die Ehe funktioniert am besten, wenn beide Partner ein bisschen unverheiratet bleiben.“ (Claudia Cardinale)

Als sich die Liebenden endlich gefunden hatten und der Film damit am Ende war, trat jedoch das Gegenteil ein: Meine Stimmung erreichte schlagartig den Tiefpunkt. Der Film hatte zwar durchaus wunschgemäß auf meinen emotionalen Saiten gezupft, aber eigentlich war er stinkend langweilig. Von Natur aus optimistisch veranlagt, hoffte ich die ganze Zeit noch auf überraschende Wendungen – doch ich wurde enttäuscht: Alles kam wie erwartet, es fanden sich genau die, zwischen denen sich bei Betreten des Luxusliners der gewisse Funke entfacht hatte. Und glücklicherweise kamen auch ihre jeweiligen Partner auf wundersame Weise zusammen ... Ende gut, alles gut?

Warum enden Liebesfilme eigentlich immer genau dort, wo es doch eigentlich erst richtig losgeht? Interessiert der Rest nicht? Sehnen sich wirklich die meisten mehr nach der aufregenden Verliebtheitsphase, wenn noch alles offen ist, man den anderen noch nicht „bekommen“ hat, als nach der Gestaltung des gemeinsamen Lebensalltags? Dass die Suche nach der oder dem Richtigen mehr Lust bereitet als das, was dann kommt, könnte eine Erklärung des Singlephänomens sein. Auch der Erfolg der Rosamunde Pilchers dieser Welt lässt vermuten, dass es nach dem schönsten Tag im Leben einer Frau einfach nicht mehr spannend ist: „The End“?

Ich fühle mich jedoch immer wieder um Wesentliches betrogen, wenn ich anderthalb Stunden meiner Lebenszeit daran gebe, um Liebenden beizustehen, mit ihnen bange und hoffe, dass das Schicksal ihnen gewogen sei, um dann rein gar nichts über das Danach zu erfahren. Werden die beiden zusammenziehen? Werden sie Kinder bekommen? Allerdings steht zu vermuten, gäbe es das Genre „Nach dem schönsten Tag im Leben einer Frau“, würden sich die Filme wahrscheinlich um Häuser im Grünen ranken, im Garten mindestens zwei oder drei muntere, ordentlich und sauber gekleidete Kerlchen, die den lieben langen Tag am Pool mit dem Golden Retriever herumtollen und der liebevollen, stets gut aussehenden Mutter nie zur Last fallen. Doch das würde mich ehrlich gesagt auch nicht vom Hocker reißen. Viele von uns haben Nämliches bereits selbst inszeniert und für langweilig befunden, gelinde gesagt.

Ich für meinen Teil ziehe dann doch den ungewissen Ausgang einem solch künstlichen, persilreinen Szenario vor ... ein Leben mit überraschenden Wendungen, ein lebendiges Leben, ein Leben, das Wandlungen erlaubt! Sonst könnte man sich doch gleich beerdigen lassen, oder? Und ich fühle schon mehr als eine Ahnung, dass sich auf solcher Basis nicht nur ein wirklich spannendes Leben, sondern so-gar eine ziemlich glückliche Ehe führen ließe.

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 2-2006.


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