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Vom Anfang, vom Ende und von dem Dazwischen

Von JUTTA GRUBER

„Komm, Baby, Baby, komm, komm ...“, murmelte ich, als meine Tochter sich anschickte, das Licht der Welt zu erblicken, ein Vorgang, der mir ewig erschien. Als dann plötzlich ein kleines Quäken hörbar war, das ihren ersten Atemzug begleitete, war dies für mich ein unfassbarer Augenblick – und wird es wohl auch immer bleiben. Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte sich dieser aus mir rausquetschende Klops vom Irgendwas in ein lebendiges, selbstbestimmtes Wesen verwandelt.

Rote Socken solle ich ihr anziehen, hieß es aus der esoterischen Ecke unserer Verwandtschaft, dies helfe beim Inkarnieren, zu Deutsch: beim Ins-Fleisch-Kommen. Selbstverständlich habe ich ihn befolgt, diesen Ratschlag, man will ja in jeglicher Hinsicht das Beste für sein Kind. Weitere Bestätigung, dass ich bestimmt alles richtig gemacht habe, zumindest das mit den roten Socken, habe ich erst kürzlich bekommen: Rot, so hörte ich, sei die Farbe des Wurzelchakras, zu dessen Wortfamilie im Sanskrit alleserklärenderweise auch das Radieschen gehört, welches energietechnisch mit einer Art Schleuse, dem so genannten Tor des Lebens und des Sterbens, in Verbindung stehe …

Vor einem Jahr starb meine Mutter, und ich fand mich in vergleichbarer Situation wie bei der Geburt wieder. Die Minuten dehnten sich zu Stunden. Vermutlich unterscheidet sich während solcher Grenzerfahrungen die getaktete Zeit ganz besonders von der gefühlten. Sie entschlummerte im Kreise der ganzen Familie in einer uns alle beeindruckenden Klarheit, ihre Situation akzeptierend, langsam immer mehr loslassend. Fast, dass wir auf ihn hinfi eberten, ihren unweigerlich nahenden allerletzten Atemzug. Als er schließlich kam, war das ebenso unfassbar wie das erste Luftholen meiner Tochter.

Gebären und Sterben: eine Privatangelegenheit?

Wo kommt es her, das Leben, um alles in der Welt? Und, mindestens genauso geheimnisvoll: Wohin verschwindet es? Was geschieht bei den Übergängen? Während man noch vor einiger Zeit den jähen Tod fürchtete wie der Teufel das Weihwasser, wünschen sich heute die meisten Menschen in unserem Kulturkreis: „Schnell soll’s gehen, am besten so, dass man es gar nicht mitbekommt." Gleiches gilt für die Geburt – mittlerweile wird ein Drittel der Neugeborenen per Kaiserschnitt entbunden!

„Man stirbt nicht an einem Tag“, bedeutete mir meine Mutter viele Wochen vor ihrem Tod. Sie hatte sie wohl schon, diese gewisse Ahnung, zumindest irgendwie. Doch erst im Nachhinein wurde uns klar, worauf sie mit vielen fremd anmutenden Äußerungen anspielte. So war sie weiß Gott nicht an einem Tag gestorben, nein, sie hatte sich über einen langen Zeitraum von der Welt entfernt, Abschied genommen auf berührende Weise: von uns, von ihrem geliebten Garten, von ihrem einzigartigen Leben, in das sich in ihren letzten Wochen mehr und mehr Wahrnehmungen und Erinnerungen einflochten, die nicht aus dieser Inkarnation stammen konnten.

Man wird auch nicht an einem Tag geboren, jedenfalls nicht natürlicherweise. Die vorbereitenden Wehen setzen lange im Voraus ein, und das ist auch gut so, denn ganz ohne Vorbereitung wäre die körperliche Erfahrung zu heftig, vielleicht unaushaltbar für Mutter und Kind. Bedauerlicherweise haben wir hierzulande selten die Möglichkeit, Zeuge solcher Übergänge zu sein. Gebären und Sterben gelten als Privatangelegenheit. So privat, dass selbst engste Familienmitglieder unsicher sind, ob ihre Anwesenheit erwünscht ist oder die Intimsphäre des „Betroffenen“ stören könnte.

Ich empfinde es als sehr bedeutsam, Zeuge kleiner und großer „Verwandlungen“ sein zu dürfen, sowohl das eigene Leben betreffend als auch das anderer. Derartige Erfahrungen sind ein Königsweg, um loslassen zu lernen, was wir ja nicht unbedingt immer freiwillig tun wollen. Abend für Abend gilt es, den Tag gehen zu lassen und uns dem Schlaf hinzugeben, nicht ohne Grund nennen wir ihn den kleinen Bruder des Todes.

Doch: „Alles, was zu Ende ist, kann auch Anfang sein“, sangen die nicht nur im Osten heiß geliebten Puhdys, als die Mauer fiel. Bekanntlich öffnet sich für jede Tür, die man schließt, irgendwo eine neue. Auch meine inzwischen 13-jährige Tochter, die sich ziemlich lange gegen eine Metamorphose gewehrt hatte – „die sind doof, die Jugendlichen, so will ich nicht werden“ –, ging eines Abends nicht einfach nur zu Bett, sondern begab sich in eine geheimnisvolle nächtliche Verpuppung, um am nächsten Morgen als junge Frau aufzuerstehen: „Is’ was, Mama?“ war ihr einziger Kommentar zu meinem ziemlich aus der Fassung geratenen Gesichtsausdruck.

→ Dieser Beitrag erschien in zeitgeist-Printausgabe 2-2007.


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