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  • Positive Psychotherapie im Dialog der Kulturen

    Zum Tod von Prof. Dr. med. Nossrat Peseschkian

    Von Dr. phil. THOMAS KORNBICHLER

    Am 27. April 2010 verstarb der Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut Nossrat Peseschkian, der vor allem als Begründer der Positiven Psychotherapie sowie als Autor zahlreicher Bücher weithin Bekanntheit erlangte. Sein Wirken beschränkte sich jedoch nicht nur auf den Gesundheitsbereich. Auch in der kulturübergreifenden Verständigung hat er mit Humor und feinsinnigen Gedanken vielerlei Brücken gebaut.

    Prof. Dr. med. Nossrat Peseschkian (1933–2010)

    König Anoschirwan, den das Volk auch den Gerechten nannte, wandelte durch sein Reich. Auf einem sonnenbeschienenen Hang sah er einen ehrwürdigen alten Mann arbeiten. Gefolgt von seinem Hofstaat trat der König näher und sah, dass der Alte kleine, gerade ein Jahr alte Stecklinge pflanzte. „Was machst du da?“ fragte der König. „Ich pflanze Nussbäume“, antwortete der Greis. Der König wunderte sich. „Du bist schon so alt. Wozu pflanzt du dann Stecklinge, deren Laub du nicht sehen, in deren Schatten du nicht ruhen und deren Früchte du nicht essen wirst?“ Der Alte schaute auf und sagte: „Die vor uns kamen, haben gepflanzt, und wir konnten ernten. Wir pflanzen nun, damit die, die nach uns kommen, ernten können.“ ( „... Über das ewige Leben ...“ – Positive Psychotherapie)

    Das ist eine der vielen Geschichten, die der Psychotherapeut und Schriftsteller Nossrat Peseschkian erzählte. Wer ihn je als Vortragenden persönlich erlebte, erinnert sich bis heute an seine unnachahmlich humorvolle und geistreiche Fähigkeit, dem Leben immer die bessere Seite abzugewinnen. Unermüdlich war er bis zuletzt weltweit unterwegs, Stecklinge der von ihm geschaffenen „Positiven und Transkulturellen Psychotherapie“ zu pflanzen.

    Es gibt keinen Fahrstuhl zum Glück – man muss die Treppe nehmen!

    Wie finde ich das richtige Verhältnis zwischen Arbeit und Familie? Wie gehe ich mit dem Verlust eines geliebten Menschen um? Warum bin ich eifersüchtig? Wie finde ich Kraft, wenn ich meinen Job verliere? Nossrat Peseschkian suchte stets kreative Antworten auf die großen Fragen des Lebens – nicht abstrakt, sondern bezogen auf unsere Lebenswirklichkeit. Es gibt keinen Fahrstuhl zum Glück – man muss die Treppe nehmen!

    Früh hatte er erkannt, dass und wie Lachen und Humor in der Medizin als Heilmittel angewendet werden können und welchen Einfluss sie auf unsere Gesundheit und unsere Krankheiten nehmen können. Keiner seiner Patienten sollte sein Sprechzimmer verlassen, bevor er nicht mindestens dreimal gelacht hatte. Humor und die Fähigkeit zu lachen und sich an lustigen Dingen zu erfreuen, ist eine ungemein wichtige und heilvolle Eigenschaft der Menschen. Art und Weise des Humors eines Menschen sind diagnostisch aufschlussreich, was den Gesundheitszustand angeht.

    Humor in der Psychotherapie heißt nicht, dass Patienten ausgelacht werden. Ganz im Gegenteil: Im Humor und im gemeinsamen Lachen solidarisieren sich Psychotherapeut und Patient und finden einen Ausweg aus einer schier auswegslosen Situation. Nossrat Peseschkian konnte während seiner transkulturellen Forschungen erleben, wie in manchen Traditionen Humor, Spaß und Wortspielereien als wertvolle Hilfe zur Feststellung der körperlichen und emotionalen Gesundheit eines Menschen verwandt werden. Die Fähigkeit zu lachen ist eine Grundgegebenheit menschlicher Existenz, doch sie bedarf eines lebenslangen Trainings. Nossrat Peseschkians Weisheit in diesem Zusammenhang lautete: „Humor ist das Salz des Lebens. Wer gut gesalzen ist, bleibt lange frisch.“

    Nossrat Peseschkian wurde 1933 im Iran geboren und lebte seit 1954 in Deutschland. Er war Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin. Von 1969 bis 2000 führte er eine psychotherapeutische Tagesklinik in Wiesbaden. Er war Leiter der Internationalen Akademie für Positive und Transkulturelle Psychotherapie (Peseschkian-Stiftung).

    Im Humor und im gemeinsamen Lachen solidarisieren sich Psychotherapeut und Patient und finden einen Ausweg aus einer schier auswegslosen Situation

    Peseschkian ist Begründer der Positiven Psychotherapie und Autor von ca. 30 Büchern. Seine Werke wurden in 23 Sprachen übersetzt. Regelmäßige Vortrags- und Seminartätigkeiten führten ihn in 73 Länder und Territorien der Welt. Seinen Mitmenschen begegnete er stets in einer ermutigenden und witzigen, d. h. geistreichen Weise. Es war dies sein Lebensstil. Die Fülle der Sinnsprüche und Geschichten, die er stets parat hatte, entsprach seiner positiv aufbauenden Eigenart. Nossrat Peseschkian war nie um ein heilsames Gleichnis verlegen. Vielmehr verfügte er über ein Füllhorn an Lebensweisheiten, das aus orientalischen und abendländischen Quellen der Lebenskenntnis, Menschenkenntnis und Selbsterkenntnis schöpfte.

    „Wer sich selbst und andere kennt,
    wird auch hier erkennen:
    Orient und Okzident
    sind nicht mehr zu trennen.“
    (Johann Wolfgang von Goethe, „West-östlicher Diwan“)

    Aus Persien stammend, hatte Peseschkian in Deutschland seine zweite Heimat gefunden. Von hier aus schuf er eine zeitgemäße Methode ganzheitlicher Psychotherapie, in der sich Orient und Okzident die Hand reichen. In alle Regionen unserer Welt ausgreifend, systematisierte er das psychotherapeutische Wissen unserer Zeit vor dem Hintergrund uralter Menschheitstraditionen in Ost und West und baute es zu einem äußerst hilfreichen, weltweit verständlichen Instrument sinnvoller Lebensgestaltung aus. Leben und Werk von Nossrat Peseschkian zeigen, was aus einem positiven Dialog der Kulturen entstehen kann. Statt auf den Kampf setzte er auf die Kommunikation.

    Die naturwissenschaftlich fundierte Körpermedizin hat uns erstaunliche Möglichkeiten der Behandlung menschlicher Krankheiten erschlossen. Seit dem 19. Jahrhundert dominiert sie den Zugang der Ärzte zu ihren Patienten. Die Diagnostik ist technisiert und digitalisiert. Die Behandlungen sind es ebenso. Zwischen dem Behandler und dem Patienten wirken die Apparate. Alle, die einmal ernsthaft auf ärztliche Hilfe angewiesen waren, wissen, was diese medizinische Technik alles zu leisten vermag.

    Diese ist die eine Seite medizinischen Wirkens. Hier werden – in der Begrifflichkeit der Positiven Psychotherapie – Sekundärfähigkeiten erfolgreich aktualisiert. Doch Sinn wird Unsinn, Wohltat Plage, wenn zu einseitig vorgegangen und die Balance nicht gewahrt bzw. gefunden wird.

    Diese aktuelle Nähe zwischen Medizin und naturwissenschaftlicher Apparatemedizin samt Pharmakotherapie nährt die Illusion, beide seien identisch. Mit dieser Illusion droht die ganzheitliche Kunst des Heilens verloren zu gehen.

    Nossrat Peseschkian hatte seit Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Positiven Psychotherapie eine zeitgemäße ganzheitsmedizinische Kunst des Heilens entwickelt

    Doch das Unbehangen am medizinischen Szientismus macht sich inzwischen vielfach bemerkbar. Viele Patienten, Ärzte und Einrichtungen des Gesundheitswesens fordern eine ganzheitliche Medizin. Tatsächlich ist sie im letzten Jahrhundert in ihrem Grundlagen bereits geschaffen worden. Naturwissenschaftliche Körpermedizin, Psychosomatik und Psychotherapie sind ihre Eckpfeiler.

    Nossrat Peseschkian hatte seit Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Positiven Psychotherapie eine zeitgemäße ganzheitsmedizinische Kunst des Heilens entwickelt. Ihr transkultureller Ansatz berücksichtigt die vielschichtigen Lebenssituationen von uns Menschen im Zeitalter der Globalisierung.

    Landauf landab sind wir seit Jahren Zeugen einer finanztechnischen Debatte hinsichtlich einer Reform des Gesundheitswesens. Was aber Not tut, ist eine inhaltsorientierte Strukturreform des Gesundheitswesens. Diese wird gelingen, wenn wir uns über die naturwissenschaftliche Körpermedizin hinaus vermehrt die Möglichkeiten einer bereits bestehenden human- und geisteswissenschaftlichen Ganzheitsmedizin erschließen. Das bedeutet aber nichts weniger als eine Revolution des derzeit herrschenden ärztlichen Weltbildes, das einseitig einer materialistischen Gesundheitsindustrie verpflichtet ist.

    Wie diese Umwälzung konkret aussieht und wirksam wird, zeigt uns Nossrat Peseschkian mit seiner Positiven Psychotherapie. Sie ist ein Edelstein im aktuellen Fundus medizinischer Konzepte. Aus dem Dialog der Kulturen können wir mit ihrer Hilfe schöpfen, die wir für eine friedliche Gestaltung unserer aktuellen und künftigen Lebenswirklichkeiten dringend benötigen. Nossrat Peseschkian appellierte in diesem Zusammenhang an die Verantwortung eines jeden einzelnen von uns – gemäß dem Motto:

    „Willst Du die Welt in Ordnung bringen,
    musst Du erst das Land in Ordnung bringen.
    Willst du das Land in Ordnung bringen,
    musst du erst die Provinzen in Ordnung bringen,
    Willst du die Provinzen in Ordnung bringen,
    musst du erst die Städte in Ordnung bringen.
    Willst du die Städte in Ordnung bringen,
    musst du erst die Familien in Ordnung bringen.
    Willst du die Familien in Ordnung bringen,
    musst du die eigene Familie in Ordnung bringen,
    Willst du die eigene Familie in Ordnung bringen,
    musst du dich in Ordnung bringen.“

    Seelische Störungen erleiden wir aus einem Ungleichgewicht unserer Erwartungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten heraus

    „Sich-in-Ordnung-Bringen“ ist mehr als ein rationales Strukturieren. Eine sinnvolle Ordnung unseres Lebens entsteht aus der gelebten Balance unserer ganzheitlichen Bedürfnisse, wie sie uns aus unserer körperlichen, sozialen, natürlichen und geistigen Existenz erwachsen. Seelische Störungen erleiden wir aus einem Ungleichgewicht unserer Erwartungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten heraus. Positive Psychotherapie ist eine zeitgemäße Methode ganzheitlicher Heilkunde und hilft uns, unsere Liebes- und Erkenntnisfähigkeiten zu nutzen und zu entwickeln. Sie gründet in einer mehr als hundertjährigen Geschichte der Psychotherapie und erweist sich vor allem als praktische, allgemeinverständliche und breit anwendbare Methode bewusster Lebensgestaltung.

    Nossrat Peseschkian hat als Begründer folgender Einrichtungen weltweit auf allen Kontinenten viel zur Aus-, Weiter- und Fortbildung einer ganzen Generation von Psychotherapeuten und Beratern beigetragen (von 1974–2010 wurden insgesamt etwa 38.000 Ärzte, Psychologen und Pädagogen fort- und weitergebildet):

    • Internationale Akademie für Positive und Transkulturelle Psychotherapie (IAPP), Stiftung Professor Peseschkian (www.peseschkian-stiftung.de)
    • Wiesbadener Akademie für Psychotherapie (WIAP)
    • Deutsche Gesellschaft für Positive und Transkulturelle Psychotherapie (DGPP)
    • Weiterbildungskreis für Psychotherapie und Familientherapie
    • European Federation of the Centres of Positive Psychotherapy
    • Internationales Zentrum für Positive Psychotherapie (ICPP), 40 Zentren in 22 Ländern

    In Anerkennung dieser Leistungen erhielt Nossrat Peseschkian u. a. folgende Auszeichnungen:

    • Richard-Merten-Preis 1997 für seine Arbeit „Computergestützte Qualitätssicherung in der Positiven Psychotherapie“
    • Ernst-von-Bergmann-Plakette 1998 (Präsidium der Bundesärztekammer)
    • Bundesverdienstkreuz am Bande 2006 vom Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland für seine Forschungen, wissenschaftlichen Arbeiten sowie interkulturellen und transkulturellen Tätigkeiten
    • Internationaler Avicenna-Preis 2006 von der Vereinigung der Iranischen Ärzte und Zahnärzte in der BRD
    • Preis Encyclopaedia Iranica in Genf 2006 (Encyclopaedia Iranica ist ein Projekt des Center for Iranian Studies der Columbia University New York)

    In seinem Buch „Auf der Suche nach Sinn“ erzählt der Autor die Geschichte „Nur den Samen“:

    Ein junger Mann betrat im Traum einen Laden. Hinter der Theke stand ein älterer Mann. Hastig fragte er ihn: „Was verkaufen Sie, mein Herr?“ Der Weise antwortete freundlich: „Alles, was Sie wollen.“ Der junge Mann begann aufzuzählen: “Dann hätte ich gerne die Welteinheit und den Weltfrieden, die Abschaffung von Vorurteilen, Beseitigung der Armut, mehr Einheit und Liebe zwischen den Religionen, gleiche Rechte für Mann und Frau und … und …“ Da fiel ihm der Weise ins Wort: “Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.“

    Positive Psychotherapie hilft uns, unsere Liebes- und Erkenntnisfähigkeiten zu nutzen und zu entwickeln

    Der Tod von Nossrat Peseschkian kam unerwartet und erfüllt weltweit viele Menschen mit schmerzlicher Trauer. Er war ein großer Liebender und wird auf Dauer von vielen Menschen in Liebe erinnert werden. Vom 9.–12. Oktober 2010 findet der V. Weltkongress für Positive Psychotherapie in der Türkei statt. In Istanbul soll über „Positive Psychotherapie in einer globalisierten Welt – Transkulturelle und emotionale Perspektiven der Positiven Psychotherapie im Zeitalter der Globalisierung“ diskutiert werden.

     

    LITERATUR: