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  • Bis nichts mehr reibt: Um was es Hubbard wirklich ging

    Versuch einer Einordnung der Lehre des Scientology-Begründers in die Geschichte der Philosophie

    Von GUNTHARD HELLER

    Am 31. März 2010 sendete die ARD den Scientology-kritischen Spielfilm „Bis nichts mehr bleibt“, der in den Medien durchweg zustimmende Kritiken erhielt, was bei einem Sujet, das emotional derart befrachtet ist, kaum anders zu erwarten war. Der Autor dieses Beitrags nahm dies zum Anlass, die Thematik tiefer zu beleuchten. In seinen Ausführungen legt er dar, wie Erfahrungen in und mit Sekten tatsächlich zu bewerten sind und inwieweit das ursprüngliche Anliegen L. Ron Hubbards vom heutigen Handeln der Scientology-Organisation zu unterscheiden ist.

     

     

    Szenenbilder und Eindrücke ...
    (Foto: SWR/Christine Schroeder (S2). Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

    Die Scientology-Kirche Deutschlands hätte die Ausstrahlung von „Bis nichts mehr bleibt“ am liebsten ganz verhindert – so verwundert es auch nicht, dass Jürg Stettler, Pressesprecher der Einrichtung, sich in der anschließenden Talkshow „Hart aber fair“ gegen die seiner Meinung nach einseitig negative Tendenz des Films wehrte und für eine offene und sachliche Auseinandersetzung über Scientology plädierte. In der Aussteigergeschichte von Regisseur Niki Stein hatte die fiktive Filmfigur Frank Reiners, angelehnt an die Erlebnisse des Ex-Scientologen Heiner von Rönn, nur anfänglich Gutes in der umstrittenen Sekte gefunden. Später fand er sich verloren in deren Fängen. Christoph Ahlhaus (CDU), Vorsitzender der Innenministerkonferenz und Innensenator von Hamburg, sowie Joachim Herrmann (CSU), Ressortchef von Bayern, wollen die Organisation nun verbieten.

    Eins vorweg: Ich bin kein Scientologe, und mir geht es hier nicht darum, die negativen Auswüchse von Scientology zu beschönigen. Mein Anliegen ist es, den Blick auf das zu lenken, was dahinter steht: die Philosophie L. Ron Hubbards (1911–1986). Denn ich halte Hubbard für einen der bedeutendsten Metaphysiker1 des 20. Jahrhunderts, zusammen mit Rudolf Steiner, Osho (Bhagwan) und Sri Aurobindo. Während jedoch Steiner und Aurobindo immerhin je ein Artikel in der „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ gewidmet ist, steht die Integration von Hubbard und Osho in die Philosophiegeschichtsschreibung noch aus.

    Um jeden dieser vier großen Geister hat sich eine organisierte Schar von Jüngern zusammengefunden, die sich das Ziel gesetzt hat, die Lehre ihres Meisters in die Praxis umzusetzen und nach außen hin zu vertreten. In der Philosophiegeschichte kein neues Phänomen. Schon Pythagoras (ca. 570 bis ca. 480 v. Chr.), auf den der Begriff „Philosophie“ zurückgeht, gründete in Kroton (Unteritalien) das, was wir heute als „Sekte“ (von lat. sequi = folgen) bezeichnen würden. Das Wort hatte ursprünglich keinen negativen Beigeschmack, sondern meinte lediglich eine Gruppe von Menschen, die der Lehre ihres Gründers folgten. In diesem Sinne könnte man auch Moses, Jesus und Mohammed „Sektengründer“ nennen.
    Das Wort „Sekte“ hatte ursprünglich keinen negativen Beigeschmack

    Bereits Hippobotos (vermutlich 3. Jh. v. Chr.) gliederte die griechische Philosophie in seiner Schrift „Peri haireseon“ (Über die Sekten) in neun Sekten. Nach Diogenes Laertios (wohl 3. Jh. n. Chr.) sind das noch zu wenige. Letzterer gibt zwei verschiedene Definitionen: „Sekte nennen wir eine solche Gemeinschaft, die einer bestimmten Auffassung im Anschluß an das jeweilig Erscheinende folgt oder zu folgen scheint.“ Und: Eine Sekte ist „eine Gemeinschaft, die sich an feste Lehrsätze hält, welche in voller Übereinstimmung miteinander stehen“. Das griechische Wort für Sekte, hairesis, kann man auch mit „Einnahme, Eroberung, Wahl, Geneigtheit, Neigung, Zuneigung, Vorsatz, Plan, Streben, Verlangen, Denkweise, Gesinnung, Handlungsweise, Grundsätze, Partei, Parteiung, Irrlehre, Ketzerei“ und „Häresie“ übersetzen.

    Nun ist es seltsam, dass auch eine Lehre mit sittlich hohem Anspruch zu Taten und Ereignissen führen kann, welche die betreffende Sekte in Verruf bringen. Das war schon bei den Pythagoreern der Fall: Einer derjenigen Aspiranten, die Pythagoras nicht als Schüler angenommen hatte, zündete das Haus an, in dem sein Lehrer wohnte. Es ging auch das Gerücht um, die Einwohner von Kroton steckten hinter dem Anschlag, da sie befürchteten, die Pythagoreer würden sich zu Tyrannen der Stadt aufschwingen (vgl. Diogenes Laertios, Buch VIII, Kapitel I; das in dem ARD-Film gezeigte scientologische Ziel „Clear Germany“ ist geeignet, ähnliche Befürchtungen zu erwecken).

    Iamblichos erzählt die Geschichte genauer: Als die Anhänger des als Schüler abgewiesenen Kylon das Haus des Milon anzündeten, war zwar Pythagoras schon ausgezogen, doch bis auf zwei starben alle Pythagoreer, die zur Zeit des Anschlags „in Milons Hause beisammensaßen und politische Fragen berieten“. „Als man in den Gemeinwesen vor diesem Ereignis die Augen verschloß, hörten die Pythagoreer auf, sich mit Politik zu beschäftigen.“

    Andere Sekten waren (und sind) nicht so zurückhaltend wie die Pythagoreer und sonstige philosophische Schulen. Besonders bei den drei monotheistischen Religionen waren die imperialistischen Tendenzen so groß, dass sogar Eroberungskriege geführt wurden (einmal angenommen, die Kriege der alten Hebräer haben zumindest so ähnlich stattgefunden, wie sie im Alten Testament geschildert werden; für Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverfolgung durch die Christen und für die Heiligen Kriege der Moslems bzw. den Terrorismus und die Selbstmordattentate der Islamisten sind die Quellen zuverlässiger). Damit will ich die Unterwanderung der Wirtschaft durch Scientology nicht verharmlosen – durch Wirtschaftsverbrechen entstehen weit größere Schäden als durch Banküberfälle.2

    Hubbard wollte menschliches Verhalten wissenschaftlich erkennen sowie irrationale Einstellungen und Verhaltensweisen in rationale verwandeln

    Innerhalb einer Sekte bilden sich oft eigenartige Strukturen und Mechanismen heraus, wenn sich alle blind an der zum Dogma erhobenen Lehre orientieren, obwohl dies der Gründer in den meisten Fällen gar nicht wollte. So sprach ein Anthroposophie-Dozent an einem Waldorflehrerseminar, welches ich besuchte, vom „TÜV in Dornach“, obwohl Steiner stets betont hatte, dass jeder Schüler dessen Lehre kritisch überprüfen soll. Im Alltag ist dies jedoch alles andere als leicht, denn einerseits fehlen üblicherweise die eigenen inneren Erfahrungen, andererseits entsteht regelmäßig ein Sektenjargon, der von Außenstehenden kaum verstanden werden kann. Bei den Scientologen wird diesem Problem dadurch abgeholfen, dass großer Wert auf Worterklärungen gelegt wird. Hubbards Leitfaden „Wie man effektive Kommunikation erreicht“ enthält dahingehend ein acht Seiten umfassendes Glossar.

    Was nun wollte Hubbard? Ich zitiere aus „Dianetik3 – Die Entwicklung einer Wissenschaft“: Hubbard unternahm seine Forschungen, „um den Schlüssel zum menschlichen Verhalten und die grundlegende Gesetzmäßigkeit herauszufinden, mit der man alles Wissen in eine klare, geordnete Form bringen könnte“. Weiter an anderer Stelle: „Es wurde lediglich nach einer Antwort auf das Dasein und nach den Gründen gesucht, warum der Verstand aberriert wurde“ („aberriert“ wird im Abschnitt davor mit „von der Vernunft abweichend, geistig gestört“ erklärt). Und schließlich: „Ich wollte nur eine einzige Sache: ein technisches Verfahren, mit dem Aberrationen ausgemerzt und die Fähigkeit des Verstandes, korrekte Berechnungen anzustellen, voll wiederhergestellt werden konnte.“

    Kurz: Hubbard hatte ein philosophisches und therapeutisches Anliegen. Er wollte menschliches Verhalten wissenschaftlich erkennen sowie irrationale Einstellungen und Verhaltensweisen in rationale verwandeln. Dabei beabsichtigte er nicht, dass man ihm etwas glaubt, wie man in „Die Grundlagen des Denkens“ erfährt: „Ein jeder Mensch kann diese Dinge für sich selbst herausfinden. Sollte jemand das nicht können, erwartet keiner von ihm, daß er sie glaubt.“

     ... aus dem Scientology-kritischen Spielfilm "Bis nichts mehr bleibt" (Deutschland 2010)
    (Foto: SWR/Christine Schroeder (S2). Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

    Hubbards Absicht wurde und wird mit drei Mitteln umgesetzt: Studium (die Aufnahme von Informationen), Auditing (die Aufarbeitung vergangener Traumata) und körperliche Entgiftung (Joggen, Sauna und die Einnahme von Vitamintabletten). Ich gehe hier nicht auf Einzelheiten ein, sondern möchte versuchen, die grundlegenden Prinzipien herauszuarbeiten, um aufzuzeigen, wo Gefahren liegen.

    Studium: Die Aufnahme von Informationen birgt das Risiko, den Lernstoff nicht anhand eigener Erfahrungen zu überprüfen (was Hubbard ausdrücklich forderte), sondern lediglich nachzuplappern und so die eigene Mitte und Urteilskraft zu verlieren. Dasselbe Phänomen tritt überall auf, wo Wissen vermittelt wird: Es besteht die Gefahr, dass der Weg, wie ein Forscher zu seinem Wissen gekommen ist, nicht nachvollzogen wird, und dass Fakten und Interpretationen nicht auseinander gehalten werden.

    Dies gilt nicht nur für Sekten aller Couleur, sondern auch für die experimentelle Naturwissenschaft. Dazu ein aktuelles Beispiel: Die dpa  meldete Ende März 2010: „,Weltmaschine' tastet sich zum Urknall vor." Im Teilchenforschungszentrum CERN in Genf ließ man kleinste Teilchen aufeinanderprallen, was zur Entstehung von sehr hoher Energie führte. Das sind die Fakten. Diese jedoch haben nichts mit der Entstehung der Welt oder der von Stephen Hawking eingeführten und inzwischen wieder abgeschafften Theorie einer Singularität zu tun, die als „Urknall“ noch immer in den Köpfen vieler herumgeistert. Von einem Laborversuch in der Gegenwart kann nicht auf die Entstehung des Universums in ferner Vergangenheit geschlossen werden.

    Die einseitige Lektüre der Schriften Hubbards (oder anderer Autoren) halte ich für schädlich, da dadurch über kurz oder lang ein Gedankengefängnis entsteht, gegenüber dem man die kritische Distanz verliert

    Die einseitige Lektüre der Schriften Hubbards (oder anderer Autoren) halte ich für schädlich, da dadurch über kurz oder lang ein Gedankengefängnis entsteht, gegenüber dem man die kritische Distanz verliert. Dieses Phänomen ist häufig beobachtbar, gleichgültig mit welchem Sektenangehörigen (Zeugen Jehovas, Mormonen, Anthroposophen, Marxisten, fundamentalistische Christen usw.) man sich unterhält.

    Auditing („Zuhören“): Alte Traumata werden dadurch aufgearbeitet, dass man sie erinnert. Der Erinnerung helfen gezielte Fragen des Auditors und die Messung von Hautwiderständen auf die Sprünge. Schlägt die Nadel auf dem Monitor aus, bedeutet dies, dass mit dem gerade gedachten Gedanken eine emotionale Ladung verbunden ist, die auf ein Trauma zurückgeführt werden kann. Wird dieses bewusst gemacht, verschwinden die Ausschläge der Nadel, so dass sie sich in einem mittleren Bereich nur leicht hin- und herbewegt („schwebende Nadel“).

    Die Gefahren des Auditings liegen in einer starren Anwendung der Vorschriften Hubbards, die im Seelischen gewalttätig wirken kann. Ist ein Trauma reif für die Erinnerung, tritt es von selbst an die Oberfläche. Auslöser dafür kann ein äußeres Ereignis sein. Ein Beispiel: Eine Frau hat nach langer Pause wieder einen Liebhaber gefunden, empfindet jedoch beim Sex eine Blockade. Durch gezielte Aufforderungen und Fragen („Beschreibe, was Du empfindest!“ – „ Was geht Dir durch den Kopf?“ – „Siehst Du ein inneres Bild?“ usw.) kann diese Blockade aufgelöst werden. Dabei ist es wichtig, dass Aufforderungen und Fragen nicht suggestiv sind, sondern freilassen. Ob man die auftretenden Bilder einem früheren Leben zuordnet, hängt von ihrem Inhalt und dem persönlichen Geschmack ab. Für die Heilung ist nur die bewusste Auseinandersetzung mit den inneren Erfahrungen entscheidend, nicht ihre Interpretation.

    Das Auditing ist ein zweischneidiges Schwert: Durch das Entfernen der negativen Ladungen der Traumata wird man einerseits offen für neue Situationen, andererseits fehlt einem dadurch der instinktive Schutz auf der Basis der betreffenden früheren Erfahrung. Steht man vor einer ähnlichen Situation, muss man sich bewusst erinnern und entscheiden, ohne sich auf ein Bauchgefühl verlassen zu können. Das kann von Vorteil und von Nachteil sein. Allgemein ist es so, dass mehr Fehler passieren, wenn man denkerisch mit Situationen umgeht, anstatt sich auf die eigenen Gefühle oder den Instinkt zu verlassen.

    Ist ein Trauma reif für die Erinnerung, tritt es von selbst an die Oberfläche

    Wer eigene Traumata aufarbeiten will, braucht keinen Kurs bei Scientology besuchen. Er kann es auch alleine tun. Hubbard selbst hat mit seinem Buch „Selbstanalyse“ eine Anleitung gegeben. Es geht auch ganz ohne Buch, indem man sich bewusst macht, welche Gedanken und Gefühle man im gegebenen Moment hat, diese dann aufschreibt oder einer Vertrauensperson erzählt. Es ist wichtig, dass die Gedanken und Gefühle dadurch, dass sie ausgesprochen oder aufgeschrieben werden, auf die physische Ebene gelangen. Negative Gefühle lösen sich dabei auf.

    Selbstverständlich kann man sich auch einer Psychotherapie oder einer Psychoanalyse unterziehen. „Die Dianetik ist also nicht bestimmten Berufsrichtungen vorbehalten; kein Beruf könnte sie umfassen“, schrieb Hubbard 1950 in seinem Bestseller „Dianetik – Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“. Man liest dort auch: „Und wenn irgend jemand je ein Monopol auf die Dianetik beanspruchen wollte, dann geschähe dies aus Gründen, die nichts mit der Dianetik, nur mit Profit zu tun haben.“

    Körperliche Entgiftung: Die einzige Gefahr liegt hier im Übertreiben. Joggen belastet die Sehnen und Bänder, Saunabesuche entwässern und belasten wie Joggen das Herz. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse ist gesünder als die Einnahme von Vitamintabletten. Überhaupt gibt es noch viele andere Möglichkeiten, seinen Körper zu entgiften: Einlauf, Medikamente (Homöopathika und Phytotherapeutika), Stoffwechselsteigerung durch physikalische Verfahren, Fasten, Bioresonanzverfahren u. a. (vgl. auch Pschyrembel).

    Mit jedem spirituellen Fortschritt müssen laut Steiner die ethischen Anstrengungen verfünffacht werden, erzählte mir einmal eine Eurythmistin. Ich will nicht auf dieser Zahl herumreiten, denn grundsätzlich scheint mir dies stimmig. Es gilt ebenso für Scientologen, die den Schulungsweg gehen, den ihr Lehrmeister vorangeschritten ist. Mit „Der Weg zum Glücklichsein“ hat Hubbard eine eigene Ethik vorgegeben, und wenn alle Scientologen sich daran hielten, hätten sie keine derart schlechte Presse – von den Aussteigergeschichten einmal abgesehen, die jedoch nicht nur für Scientology, sondern für alle Sekten typisch sind.

    Die 21 Kapitel dieses Ethikbüchleins basieren auf der negativen wie positiven Version der goldenen Regel: „Versuchen Sie, anderen nicht etwas anzutun, was Sie nicht selbst erfahren möchten“ (Überschrift zu Kap. 19). Und: „Versuchen Sie, andere so zu behandeln, wie Sie von ihnen behandelt werden möchten“ (Überschrift zu Kap. 20).

    Was Hubbard ansonsten schreibt, sollte im Grunde für alle Menschen eine Selbstverständlichkeit sein: auf die Gesundheit achten, auf Drogen verzichten, beim Alkohol Maß halten; dem Liebespartner treu sein, Kinder lieben und unterstützen, die Eltern ehren und ihnen helfen; anderen ein gutes Beispiel geben, aufrichtig sein, nicht töten, nichts Ungesetzliches tun, eine demokratische Regierung unterstützen; niemand schaden, der gute Absichten hat; die Umwelt schützen; nicht stehlen; vertrauenswürdig, pflichtbewusst, fleißig, produktiv und erfolgreich sein; sich zuverlässig informieren; gegenüber anderen religiösen Bekenntnissen tolerant sein.

    Das Grundproblem ist die Ausrichtung nach der Lehre eines anderen Menschen

    Alles klingt wunderbar (noch besser wäre es, gar keinen Alkohol zu trinken). Warum kommt es dann trotzdem zu unerwünschten bis illegalen Vorkommnissen, die negative Schlagzeilen machen? Die Antwort ist einfach – und nicht Hubbard-spezifisch: Das Grundproblem ist die Ausrichtung nach der Lehre eines anderen Menschen. In dem Augenblick, in dem wir nicht einfach selbst unsere Erfahrungen machen und sie mit anderen austauschen, sondern versuchen, die Erfahrungen eines anderen Menschen nachzuahmen und uns an jenen zu messen, kommt es zu inquisitorischem Gehabe, zur Diskriminierung und Ausgrenzung von Ketzern, zur Klassifizierung von Feinden, zur Indoktrinierung mit wesensfremdem Gedankengut, zur Aufgabe der Persönlichkeit, zur Bildung eines Gruppen-Ichs, zum Verrat des eigenen Lebensplans, zur Verstärkung negativer Eigenschaften und Verhaltensweisen, zum Misstrauen gegenüber den eigenen Gedanken und Gefühlen sowie zu zwanghaftem Missionieren. Kurz: Es entsteht ein imperialistisches totalitäres System. Die Diskriminierung und Verfolgung dieses Systems durch Außenstehende macht alles nur noch schlimmer.

    Scientology könnte man mit „Wissenschaftslehre“ übersetzen. Dieser Ausdruck stammt von Johann Gottlieb Fichte (1762–1814), der in seinen „Fünf Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten“ (1811) der Philosophie eine Anregung gab, die dann von Schopenhauer, Nietzsche, Steiner (der sich ausdrücklich auf Fichte bezog), Freud, Sri Aurobindo, C. G. Jung, Osho und Hubbard mehr oder weniger verwirklicht wurde: die Anregung zur Auseinandersetzung mit inneren Erfahrungen, die Immanuel Kant (1724–1804) für die Wissenschaft als unzuverlässig abgelehnt hatte.

    Fichte forderte: „Der Gelehrte muß nicht bloß das gegebene Sein [= die äußere Welt; Anm. d. Verf.] in sich wiederholen, sondern er muß Gesichte sehen aus dem übersinnlichen Sein.“ Fichte war klar, „daß die übersinnliche Welt nur derjenige sieht, der sie eben sieht, und daß man derselben nur durch das innere Auge, und durchaus auf keine andere Weise, nicht etwa durch Erdichten und Vernünfteln, inne werde; daß man ferner in diese Anschauung keinesweges durch die leibliche Geburt hinein versetzt werde, sondern daß es dazu einer neuen und geistigen Wiedergeburt durch absolute Freiheit bedürfe.“

    Bei Fichte selbst führte diese geistige Wiedergeburt leider nur zu dem, was später als „deutscher Idealismus“ bezeichnet wurde: Er ließ sich zu gedanklichen Konstruktionen inspirieren, die unfruchtbar geblieben sind. So finden wir in den verschiedenen Versionen seiner „Wissenschaftslehre“ keine übersinnlichen Erkenntnisse, sondern metaphysische Spekulationen nach Art des Aristoteles oder der Scholastiker. Entsprechend behandelte Fichte in seiner Schrift „Beiträge zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution“ (1793) nicht die Kirche als historische Institution, sondern als gedankliches Konstrukt: „Ich entwickele den Begriff einer sichtbaren Kirche; ich folgere Satz vor Satz aus diesem Begriffe.“

    Bei Hubbard finden wir nun beides: die „Gesichte“ (Visionen, allgemein: innere Erfahrungen) und ihre gedankliche Durchdringung. Im Gegensatz zu Steiner, der seine übersinnlichen Erfahrungen gleich in eine Theorie gegossen hat, anstatt eine Art Reisebeschreibung vorzulegen, bringt Hubbard in „Haben Sie vor diesem Leben gelebt?“ konkrete Erfahrungen aus Auditing-Sitzungen. Sie zeigen, dass Scientologen in früheren Leben oft traumatische Erlebnisse in einer hochtechnisierten Zivilisation hatten, für die in der Präastronautik ein weltanschaulicher Rahmen geschaffen wurde (vgl. Dopatka). Dass die Geschichte der Menschheit auf der Basis von Erinnerungen an frühere Leben umgeschrieben werden muss, scheint mir eine Selbstverständlichkeit. Hubbard hat in dieser Richtung mit „Scientology: A History of Man“ einen Anfang gemacht.

    Leider sind die Erfahrungen, die in einem Mysterienkult (und darum handelt es sich bei der Scientology-Organisation letztlich) gemacht werden, nicht etwas, das man recherchieren kann

    Leider sind die Erfahrungen, die in einem Mysterienkult (und darum handelt es sich bei der Scientology-Organisation letztlich) gemacht werden, nicht etwas, das man recherchieren kann. Recherchieren kann man nur das, was sich einem von außen darbietet: das, was in der Literatur zu lesen ist, das, was Aussteiger und Kritiker erzählen. Und das ist naturgemäß einseitig. Wie Jürgen Fliege in der ARD-Fernsehsendung „Hart aber fair“ am 31. März 2010 richtig feststellte, ähneln sich alle Aussteigergeschichten, egal, welche esoterische Sekte oder Gruppe verlassen wird. Ich kenne aus der Literatur die Geschichten ehemaliger Zeugen Jehovas, Jesuiten, Mormonen und Scientologen. Auch die Schwierigkeiten von Illich, Drewermann und Küng mit der katholischen Kirche und die Probleme von Lüdemann mit der evangelischen Kirche gehören hierher. Eigene entsprechende Erfahrungen habe ich bei den Anthroposophen und beim Mobbing am Arbeitsplatz gemacht: Wer anfängt, die geheiligten Dogmen einer „Gemeinschaft“ zu kritisieren (am Arbeitsplatz war es das Rauchen bei dienstlichen Aussprachen), betritt von einem Moment auf den nächsten eine andere Welt, und die Menschen, die er bisher in der Gruppe zu kennen meinte, zeigen plötzlich ein völlig anderes Gesicht (glücklicherweise gibt es einzelne Ausnahmen). Wer das nicht selbst erlebt hat, kennt es nicht und kann es nicht nachvollziehen.

    Ich selbst hatte mit Scientologen nie Schwierigkeiten. Das liegt daran, dass wir einander nicht verletzten und ich das auch in Zukunft nicht vorhabe. Dass ich den Kommunikationskurs nach TR (Trainings-Routine) 4 abbrach, wurde ohne weiteres akzeptiert. Ich begründete meinen Abbruch damit, dass ich die Befehle aus TR 6 (die sah man im ARD-Film „Bis nichts mehr bleibt“: Sarah sagte zu ihrer Trainingspartnerin, dass sie zur Wand gehen und diese berühren soll) weder geben noch erhalten wollte (TR 5 gehört nicht zum Kommunikationskurs). Außerdem sagte ich, Hubbard wolle, dass jeder seinen eigenen Weg geht – und das habe ich dann auch getan.

    Entgegen der öffentlichen Meinung ist Scientology tatsächlich insofern eine Religion, als auf den höheren Stufen der „Brücke“ (Hubbards Schulungsweg zur inneren Freiheit) eine Kommunikation mit geistigen Wesenheiten stattfindet. Scientology ist tatsächlich insofern eine esoterische Gruppe, als auf den höheren Stufen des Auditings auch Erinnerungen an frühere Leben auftauchen. Und Scientology ist tatsächlich insofern eine Kirche, als es – wie bei den Christen und anderen Kirchen bzw. Weltanschauungsgemeinschaften – eine Fixierung auf den Gründer gibt. Das Griechische kyriakos (davon ist das Wort „Kirche“ abgeleitet) bedeutet „den Herrn betreffend“ (vgl. Langenscheidts Großwörterbuch Altgriechisch-Deutsch) oder „zum Herrn gehörig“ (vgl. Duden, Bd. 7). Dieser Herr ist bei den Christen Jesus, bei den Scientologen Hubbard, bei den Anthroposophen Steiner usw.

    Die Fixierung auf einen „Herrn“ verleiht einerseits ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit, auf der anderen Seite bringt sie die Gefahr mit sich, dass das Selbstbewusstsein und das freie Denken untergraben werden, mit anderen Worten: dass ein totalitäres System entsteht. Ich vermute, dass dies (neben individuellen Schwächen) die Ursache für die hässlichen Seiten ist, die bei vielen spirituellen Vereinigungen auftraten und bis heute auftreten.

    Der im ARD-Film erwähnte scientologische Mythos von Xenu, der die Menschen auf der Erde in eine Art Gefängnis gesteckt habe, erinnert sehr an den alttestamentarischen Jahwe, der von den Hebräern absoluten Gehorsam verlangte. L. Kin identifiziert Xenu nicht nur mit Jahwe, sondern unsinnigerweise auch mit Mitras, Luzifer und Apollo. Hubbards Anliegen war an sich die Befreiung von der Knute dieses Wesens, doch wenn man sich die gegenwärtigen, zum Teil Gulag-ähnlichen Interna für „Ethikfälle“, also Scientologen, die Zweifel äußern, vor Augen führt (es soll eigene Arbeits- und Straflager geben!), kann man zu dem Schluss kommen, dass die Scientologen zu dem geworden sind, was sie eigentlich bekämpfen wollen. Die Identifikation des Angegriffenen mit dem Aggressor ist ein immer wieder feststellbares Phänomen.

    Man kann zu dem Schluss kommen, dass die Scientologen zu dem geworden sind, was sie eigentlich bekämpfen wollen

    Ein häufiger Kritikpunkt an Scientology sind die finanziellen Verluste, die manche Menschen durch den Kursbesuch erlitten haben. Den Preis der Dienstleistung, die Scientology anbietet (z. B. Auditing), erfährt man, bevor man sie in Anspruch nimmt. Der Erfolg der Leistung kann, wie bei Ärzten und Juristen, nicht garantiert werden. Und doch wird ein Arzt sogar dann bezahlt, wenn der Patient stirbt; ein Rechtsanwalt bekommt sein Geld, selbst wenn er den Prozess verliert. Auch das Durchlaufen einer Mysterienschule ist mit Risiken behaftet, und zu keiner Zeit haben alle Initianten das Einweihungsziel erreicht.

    Unerwähnt bleiben darf jedoch nicht: Bei Glücksspielen kann es durch eine unter Umständen entstehende Sogwirkung zu ähnlichen finanziellen Katastrophen kommen, wie sie Scientology-Klienten widerfahren sind, und so wird zu Recht davor gewarnt.


    ANMERKUNGEN:

    1. Unter „Metaphysik“ verstehe ich hier den denkerischen Umgang mit inneren Erfahrungen: mit Einfällen, inneren Bildern, Träumen, Gefühlen, Intuitionen usw.
    2. vgl. Karl Hermann: Filiale Bundesrepublik. Wie der Scientology-Konzern die westdeutsche Wirtschaft unterwandert, in: Herrmann S. 99–115; s. a. Billerbeck/Nordhausen S. 138–178
    3. „Dianetik“ ist aus griech. dia und nous gebildet und kann mit „durch den Geist“ übersetzt werden.

     

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