• lctube.com
  • stubeg.com

    Wahrheit und Wahrhaftigkeit

    „Hannah Arendt“ ist keine Filmbiographie. Es wäre vermessen, das Wirken dieser leidenschaftlichen Denkerin in einen 90-minütigen Spielfilm zu pressen.

    Der Film behandelt „nur“ eine kurze, aber wichtige Episode in ihrem Leben: Die Berichterstattung vom Prozess gegen den ehemaligen SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem und den Sturm der Entrüstung, der danach über sie hereinbrach und in eine zermürbende Hetzkampagne mündete.

    Und doch ist der Titel des Films richtig gewählt, denn er zeigt, wer Hannah Arendt war: Eine hoch intelligente, disziplinierte, dabei herzenswarme Frau mit einer intellektuellen Redlichkeit und politischen Humanität, die ihresgleichen sucht und die sie sich über menschliche wie politische Enttäuschungen hart erarbeitet hatte. Ihre Erfahrungen als Jüdin während der Hitler-Zeit – kaum der Verfolgung in Deutschland entronnen, wurde sie in Paris verhaftet und im berüchtigten Lager Gurs interniert – sowie als Mitarbeiterin einer jüdischen Jugendorganisation hatten sie gelehrt, genau hinzusehen und sich nicht von Dämonisierungen oder Idealisierungen einfangen zu lassen.

    Schon in einer der ersten Szenen, als ihre New Yorker Freunde und Kollegen über die Entführung Eichmanns aus Argentinien vom israelischen Geheimdienst und den bevorstehenden Prozess in Jerusalem diskutieren, wird der Abgrund sichtbar, der sich später auftun wird: Arendt kritisiert die Illegalität der Aktion und die Art des bevorstehenden Tribunals und wird daraufhin, vor allem vom Philosophen Hans Jonas, heftig angegriffen. Eine Eskalation des Streits kann gerade noch verhindert werden, doch die Atmosphäre wird für einen Moment richtig bedrohlich – man bekommt bereits einen Vorgeschmack davon, in welches Wespennest die Publizistin später mit ihrer unbestechlichen Schilderung auch über die für Juden weniger schmeichelhaften Details des organisierten Massenmordes stechen wird.

    Margarethe von Trotta hat nicht nur für eine exzellente Besetzung gesorgt – und klugerweise Eichmann nicht durch einen Schauspieler darstellen lassen, sondern für die Prozessszenen Original-Archivaufnahmen verwendet; sie versteht es auch meisterhaft, in kleinen Schlüsselepisoden wichtige Lebenszusammenhänge durchscheinen zu lassen. So verstehen wir z. B. anhand eines kurzen Gesprächs Arendts mit ihrer Freundin Mary McCarthy, die Erstere für ihre Toleranz gegenüber ihrem offensichtlich fremdgehenden Ehemann Heinrich Blücher bewundert, welchen Preis sie für ihren Erfolg und ihre vielen Vortragsreisen zahlen muss bzw. zu zahlen bereit ist. Zugleich wird in kurzen Einspielern die innige Verbundenheit der beiden Eheleute angedeutet, die im Grunde durch nichts zerstört werden kann. Eine andere kleine Szene, eine Rückblende in die 1950er-Jahre zu einem Spaziergang Hannah Arendts mit ihrem ehemaligen Professor und Geliebten Heidegger, bei dem sie ihn auffordert, seinen Gesinnungswandel öffentlich zu erklären, zeigt eindrücklich, wie weit dieser in seiner menschlichen (seine Ehe betreffenden) und politischen Hilflosigkeit von ihrem Mut und ihrem Format entfernt ist.

    Hannah Arendt fliegt also nach Jerusalem und wohnt für die Dauer des Prozesses bei der Familie ihres verehrten einstigen Mentors Kurt Blumenfeld. Ihre und Blüchers Befürchtung, Israel würde einen Schauprozess gegen ein zum Dämon stilisiertes Würstchen veranstalten und sich selbst damit einen Bärendienst erweisen, bestätigen sich.

    Des ungeachtet bietet das Verfahren jedoch die einmalige Gelegenheit, herauszufinden und zu dokumentieren, was wirklich geschehen ist, auch anhand der Zeugen, die überlebt haben. Im Gerichtssaal spielen sich erschütternde Szenen ab. Und Arendt schreibt alles auf, studiert vor allem Eichmann, der sich stoisch darauf beruft, lediglich Befehle ausgeführt zu haben, in seiner ganzen subalternen Erbärmlichkeit und seelischen Kälte.

    Ihr wird klar, dass das wirklich Böse nicht in irgendeiner Art dämonischem Affekt liegt, sondern in dieser kalten, übereifrigen Mittelmäßigkeit, in der Unfähigkeit, zu begreifen, was man da eigentlich anrichtet, in der „Unfähigkeit zu denken“, wie sie es formuliert.So kommt sie zu der auch für sie erschütternden Einsicht in die „Banalität des Bösen“ – ein Begriff, der übrigens auf einen Vorschlag des Schweizer Psychiaters und Philosophen Karl Jaspers zurückgeht, mit dem sie seit ihrer Studienzeit in regem Briefwechsel stand.

    Überhaupt können wir froh sein, dass Arendts Briefe erhalten geblieben und zugänglich sind (die beiden im Piper-Verlag erschienenen Briefwechsel mit Jaspers und Blücher seien hiermit ausdrücklich zur Lektüre empfohlen). Margarethe von Trotta hat die Briefe sicherlich genau studiert, sonst wäre ihr nicht so ein authentischer Film gelungen.

    Der Eichmann-Prozess fördert nun auch unbequeme Wahrheiten zu Tage, er zeigt nämlich, dass die Vernichtung der Juden ohne die bereitwillige Mithilfe der von den Nationalsozialisten ernannten „Judenräte“ in diesem Ausmaß nicht möglich gewesen wäre – dass das „Böse“ mithin ein Menschheitsproblem ist. Hannah Arendt, die bereits gegen die Massaker der israelischen Geheimorganisationen an der palästinischen Bevölkerung protestiert und die diskriminierende Gesetzgebung gegen Nichtjuden in Israel als „Nürnberger Gesetze“ gebrandmarkt hat, und Heinrich Blücher, der sich nach den stalinistischen Verbrechen vom Kommunismus losgesagt hat, – beide haben schon erlebt, wie schnell aus Opfern Täter werden können, und sich dieser bitteren Einsicht gestellt, viele Juden aber konnten oder wollten es nicht verkraften.

    William Shawn, der Herausgeber des New Yorker, ahnt schon, was bei einer Veröffentlichung der kritischen Passagen in Arendts Bericht auf sie und ihn zukommen würde, und versucht, sie zu einer Herausnahme zu überreden, was ihm natürlich nicht gelingt. Er hat die Größe, den Bericht, so wie er ist, drucken zu lassen, und löst damit einen Spießrutenlauf aus, vor allem für Arendt, die zunächst tapfer standhält, dann aber doch beinahe verzweifelt, nicht zuletzt als sich sogar Blumenfeld noch auf dem Totenbett von ihr abwendet.

    Zurück in New York, bekommt sie stapelweise Post, wird beschimpft, verleumdet, bedroht, schließlich lauert ihr sogar der israelische Geheimdienst auf. Trotta zeigt Arendt äußerlich ungerührt und gelassen, ihre Verzweiflung wird aber über den Zigarettenkonsum deutlich, über Einstellungen, in denen sie einfach allein auf der Couch liegt und raucht.

    Die Verteidigungsrede Arendts vor ihren Studenten, nachdem ihr die Universitätsleitung nahegelegt hat, auf ihre weitere Lehrtätigkeit zu verzichten, ist grandios. Als sie fertig ist, hat sie zwar Hans Jonas endgültig verloren, unter ihren Studenten und vor allem Studentinnen aber einige glühende Verehrer gewonnen.

    Barbara Sukowa hat eine etwas andere Ausstrahlung als Hannah Arendt sie hatte – sie ist eleganter, distanzierter, nicht so direkt und herzlich. Trotzdem ist sie überzeugend. Es geht schließlich nicht um Äußerlichkeiten, sondern um nichts weniger als die Wahrheit – und wie man mit ihr umgeht: ob man sie zulassen kann oder sich an liebgewordenen Freund-Feind-Schemata festhalten muss, ob man es aushält, in den tragischen Abgrund der menschlichen Natur (und damit der eigenen) zu blicken, oder ob man wie in Urzeiten gegen den Überbringer der Botschaft aggressiv werden muss. Darüber ist Margarethe von Trotta ein eindringlicher Film gelungen, der hiermit ausdrücklich empfohlen sei.

    Leider war er – zumindest in München – nicht lange und nur in wenigen Kinos zu sehen, obwohl (nach Aussage eines Nachbarn, der täglich auf das Schwabinger abc-Kino blickte) die Menschen jeden Abend Schlange standen, um den Film zu sehen. Und ebenfalls leider wird er in zahlreichen Internetblogs (vermutlich von Vertretern der sogenannten „Spaß- und Zerstreuungsgesellschaft“) als langweilig bezeichnet, da in dem Film „die ganze Zeit geredet“ würde. Das lässt für die Zukunft unserer demokratischen Kultur nichts Gutes hoffen. Also: wenn der Film noch irgendwo läuft – hingehen!

    Titel: Hannah Arendt – Ihr Denken veränderte die Welt
    Originaltitel:  
    Jahr: 2012
    Land: Luxemburg, Deutschland, USA, Israel
    Regie: Margarethe von Trotta
    Genre: Drama
    Im Netz: www.hannaharendt-derfilm.de
    Verleih: Filmwelt

    → Diesen Film auf DVD erwerben


    zeitgeist-Suche

    Für mehr freien Journalismus!

    Buchneuerscheinung

    Frisch im Programm

    zeitgeist-Newsletter