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    Spiritualität lehren

    Leben ohne Leiden ist nur möglich mit einer Intelligenz, die ohne den Faktor Zeit auskommt. Oder anders gesagt: Denken minus Zeit wäre eine Form des Seins, die schnell genug ist, um dem gerecht zu werden, was wir Leben nennen. Leider ist „Denken“ von „Zeit“ nicht zu trennen. Denken ist Zeit! Nicht zuletzt deshalb ist das Ergebnis dieser Verbindung – nämlich „Wissen“ – zum höchsten Kulturgut avanciert. Nichts und niemand schafft mehr Perspektive über die abendländische Aufklärung hinaus. Doch nun kommt Cederik Parkin ins Spiel.

    Anhand des aus der Biologie entlehnten Modells der Doppelhelix hebelt er das Ideal der „Entwicklung“ selber aus den Angeln: Jedem der beiden um sich selbst windenden Stränge ordnet er die entgegengesetzte Zeit und Richtung zu. Plötzlich ist Fortschritt keine Einbahnstraße mehr – von allem wird das Gegenteil denkbar. Mentaler Intelligenz z. B. kann man ohne weiteres den entwicklungsgeschichtlich vorläufig höchsten Rang zugestehen ohne ignorieren zu müssen, wie unnötig es ist, das uns dadurch zwei andere Zentren abhanden gekommen sind: unsere emotionale und instinktive Intelligenz.

    Demnach ist Erleuchtung eigentlich nichts anderes als die harmonische Funktionalität aller drei menschlichen Intelligenz-Zentren – freilich unter der Führung eines vierten, integralen „Gehirns“. Parkin mag es nicht, wenn man Spiritualität gegen das Leben ausspielt. Das vermeintlich Niedere mit dem Höheren zu verbinden, das ist die Aufgabe dieser vierten Intelligenz. Die Begegnung mit dem „Nichts“ nimmt der Gesamtheit des Seienden nicht nur nichts weg, sondern macht es erst zu dem, was es tatsächlich ist: ein Wunder. Materieller Reichtum, die Tiernatur des Menschen, seine mentalen Fähigkeiten – all das steht dem Menschen zu. Herz, Sex, Intellekt. Und auch noch das, was darüber hinausgeht. Doch nur eine „integrale Intelligenz“, eine, die frei vom Faktor Zeit ist – alles in Stille beobachtend – kann hinab und hinauf steigen zu den Welten, die ungehindert zu besuchen „göttliches Sein“ ausmacht.

    Es birgt gewisse Gefahren, wenn Erwachen als Alternative zur kulturellen Evolution begriffen wird. Die spirituelle Wahrnehmung separiert sich von ihrer materiellen Erscheinung in der Welt. Doch Erleuchtung ist laut Parkin viel intelligenter, wenn ihre Innenschau einen gesellschaftlichen Beitrag liefert. Und der liegt nicht mehr in moralischen Direktiven, sondern in einer Aufklärung über die tatsächlichen Dimensionen menschlicher Intelligenz. Natürlich, der Grad unserer Zivilisationsdichte führt ganz automatisch zum anthropozentrischen Globalmanagement und entlässt dabei alle religiösen Alibis aus seinen Diensten. Wenn ein Peter Sloterdijk einzig davon überzeugt ist, „dass es nach der Aufklärung, wenn man sie nicht umgangen hat, keine direkten religiösen Medien mehr geben kann“1, dann ist genau das damit gemeint: Die Ära göttlicher Verkörperungen ist vorbei. Niemand betet mehr einen Anderen an. Es geht nicht mehr darum zu glauben. Es geht auch nicht mehr um Wissen als Gehirnnahrung. Jetzt geht es um das Wissen, das sich dem erwachten Geist erschließt. Ein selbst-bewusstes Schauen, kein Nachdenken. Völlige Gegenwärtigkeit eher als eine auf die Zukunft projizierte Vergangenheit.

    Für Parkin werden fortgeschritten aufgeklärte Verhältnisse keineswegs anti-spirituell sein. Im Gegenteil, ohne „Selbst“-Verständnis kann es unmöglich einen Aufbruch in so gottlose Verhältnisse geben, wie sie uns allen bevorstehen. Doch wie diese postmonotheistische Pionierarbeit zu meistern wäre, darüber muss man mit dem Autor nicht unbedingt einer Meinung sein.

    Im letzten Kapitel greift Parkin ins innerste Räderwerk spiritueller Missverständnisse ein. Anhand der Figur des Lehrers scheiden sich alle Geister. Nirgendwo sind die Kräfte zwischen Lüge und Wahrheit so emotional aufgeladen, wie im Angesicht einer personifizierten, spirituellen Gegenwart. Wie ein Faktotum aus einer längt überkommenen Epoche lässt Parkin noch einmal jene Autorität aufscheinen, von der wir uns theologisch zu distanzieren suchen: das „nicht-relative“ in menschlicher Gestalt. Ein Monster, ein Unding. Und gleichzeitig nur ein Spiegel, der Machtansprüche auf diejenigen zurückwirft, die glauben, keine zu haben. Die Ausmaße modernen Scheinheiligkeit – so viel wird beim Lesen klar – können nur schwer besser dargelegt werden als durch jene Instanz, welche unserer säkulares Weltbild meidet wie der Teufel das Weihwasser. Eine erwachte Intelligenz mag unzeitgemäß sein; aber eines ist sie sicher nicht: langweilig!

    Soll man spirituelle Lehrer gutheißen? Kann es religiöse Medien überhaupt noch geben? Zweitausend Jahre lang keinen anderen Gott neben sich haben zu dürfen verhindert auch heutzutage einen klaren Blick auf das Guru-Phänomen. Genau hingeschaut ist der authentische spirituelle Lehrer nichts anderes als das, was er schon immer war: intelligente Liebe! Allerdings ist für Westler jeder Guru auch und immer irgendwie ein Monogott; aufgeladen mit unfassbaren Machtprojektionen seiner Schüler. Direkten religiösen Medien bleibt dadurch nur noch die Autoritätsverweigerung als Lehrprinzip übrig. Parkin nennt diese Erscheinung „als Nicht-Lehrer verkleidete Lehrer“ und macht gleichzeitig keinen Hehl daraus, was er unter einem echten Lehrer versteht. Interessanterweise sucht man in seinen Autoritätsanalysen vergebens nach einer Reflexion über die Rahmenbedingungen der Lehrerautonomie: jener Kontextwechsel, den das Guru-Schüler-Phänomen ausgesetzt ist, wenn es sich aus Asien exportiert in postmonotheistischen Gefilden ereignet. In solchen Momenten zählt plötzlich nur noch der atheistische Nährboden, den es spirituell neu zu befruchten gilt.2

    Doch letztlich gibt es keine spirituellen Meister. Es gibt nur das, was die Quantenphysik und das alte Indien schon lange wissen: dass es gar keine Wirklichkeit gibt, sondern nur unsere Projektionen darauf. Weswegen es nur Schüler gibt. Erwachte Lehrer bestehen ausschließlich aus deren Projektionen. Was in Deutschland unausweichlich zur Reanimation der Figur des autoritären Lehrers führen musste. Paradoxerweise ist es dessen lebendige Radikalität, welche die Wunden unzureichender Verantwortung aufdeckt. Solange das Gesicht des Religiösen durch einen göttlichen Übervater oder sonst einer Instanz außerhalb des menschlichen Individuums interpretiert wird, wird Eigenverantwortung untergraben. Im Angesicht der parkin‘schen Analyse wird so rasch klar: Die Assimilation aller Ängste – auch die unserer tiefsten religiösen – ermöglicht ein leidfreies Sein.

     

    ANMERKUNGEN:

    1. Zitiert aus: „Die Sonne und der Tod“, Suhrkamp Verlag, Seite 11: „Wenn es etwas gibt, wovon ich überzeugt bin, dann davon, dass es nach der Aufklärung, wenn man sie nicht umgangen hat, keine direkten religiösen Medien mehr geben kann, wohl aber Medien einer historischen Gestimmtheit oder Medien einer Dringlichkeit.“
    2. Zur Untermalung der Dringlichkeit des spirituellen Anliegens unterlaufen dem Autor dann – trotz seiner Bemühungen um akademische Maßstäbe – Unter- bzw. Übertreibungen: „Das globale Wirtschaftswachstum frisst jeden Tag Regenwald von der Größe eines Fußballfeldes“ (Seite 214). Realistischer wäre: die Fläche von 16 Fußballfeldern Minute für Minute (etwa 200.000 Quadratkilometer). Cederik Parkin verschätzt sich gleich um den Faktor 10.000. Desgleichen sind seine Zeitangaben über die Evolution des Universums völlig unsachlich (gleich 10-milliardenfach zu groß).

    Titel: Intelligenz des Erwachens
    Untertitel: Die spirituelle Neugeburt des Menschen
    Autor: OM Cederik Parkin
    Jahr: 2010
    Verlag:
    advaitaMedia
    Genre: Sachbuch
    Aufmachung:
    544 Seiten, gebunden

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