Zwickmühle global

Seien wir ent-täuscht: Gurus sind im Westen eine Lachnummer. Die Ambition, die Industrienationen spirituell zu erreichen, ist ein Wunschdenken. Unsere Kultur ist materialistisch. Und wenn es etwas gibt, das man von Maharishis, Lamas, Bhagwans & Co. lernen kann, dann, dass ihre Visionen von einer besseren Welt allesamt eben nicht Wirklichkeit geworden sind.

Das ist keine schöne Nachricht, aber sie entspricht den Tatsachen. Warum? Weshalb ist das so? Wieso wird mehr Geld denn je für Rüstung1 ausgegeben?

Auf diese Fragen gibt er jetzt eine Antwort, die auf den Bestsellerlisten für Furore sorgt: Deutschlands renommiertester Philosoph Peter Sloterdijk spricht Klartext: nicht die Welt muss gerettet werden, sondern jedes einzelne Individuum darin muss sein Leben ändern. Wohlgemerkt: "muss". Denn: Alle religiösen und politischen Utopien sind an ihrem Ende angekommen. Was bleibt, ist ein Realismus, der – richtig verstanden – genau das beinhaltet, was wir unter "Welt retten" eigentlich schon immer verstanden haben, nämlich: glücklich sein!

Das Recht glücklich zu sein! Sloterdijk fordert es in einer atemraubenden Dimension ein. Dazu de-konstruiert er unsere bisherigen Versuche bis auf ihre Grundmauern; ja bis in ihr Zellgewebe hinein. Ob Kommunismus oder Christentum – noch nie hat Philosophie uns so unausweichlich die Augen geöffnet für die geschichtlichen Wurzeln von Projekten, deren Scheitern vorprogrammiert war und deren Gelingen – in anderer Form als gedacht – immer noch aussteht.

Nein, pessimistisch ist das nicht, was uns Herr Sloterdijk hier bietet. Hier spricht auch keiner, der in den gescheiterten Heilslehren dieser Welt nur des Volkes Opium erkennen will. Er weiss selbst dann noch, worüber er redet, wenn es um aktuelle, zeitgenössische Spiritualität geht. Sein persönliches Erleuchtungs-Update erhielt Sloterdijk von Osho Rajneesh Ende der 70iger Jahre. Seit dieser frühen "Indienerfahrung", wie er es nennt, steigt sein Stern am Himmel des medialen Ruhms unaufhaltsam auf. Mittlerweile dürfte er den Bekanntheitsgrad seines Lehrers weit hinter sich gelassen haben. Und es kann kein Zweifel darüber bestehen, das zukünftige Generationen über die Existenz von Osho Rajneesh am ehesten etwas durch das sloterdijksche Werk erfahren werden.

Sowieso wird in Zukunft weder die Figur des Messias noch die Figur des Gurus von Bedeutung sein. Es sei denn, deren Lehre beschränkt sich auf den Kern zeitloser spirituellen Wahrheit. Sobald versucht wird, sich am gesamtgesellschaftlichen Umbau zu beteiligen, scheitern religiöse Konzepte unweigerlich an den systemischen Voraussetzungen einer allgegenwärtigen Moderne. Die nämlich ist wissenschaftsgläubig, post-religiös und völlig diesseits-orientiert; allesamt Attribute, die auf metaphysisch orientierte Systeme kaum zutreffen. Dafür um so mehr auf Philosophie. Liest man "Du musst Dein Leben ändern", so dämmert einem, was das Abendland2 denn eigentlich unter Wahrheitssuche versteht: Verantwortung!

Dazu muss man begreifen, wie das Urwerk des westlichen Way of Life aufgebaut ist: Sein Antrieb ist die Sehnsucht nach äußerlicher Vervollständigung. Seine Strategie die des Werdens. Nicht das Ziel ist ihr Ziel, sondern der Weg zum Ziel. Das für alle Mystiker unabdingbare Beharren auf die Wahrheit des Seins, konnte Sloterdijk nicht dazu verführen, seine Philosophie des Werdens zu vernachlässigen. Und die ist ganz dem Relativen ergeben. Nur: Die Dimension dieser Ergebenheit türmt sich zu einem erstaunlich hohen Berg des Verstehens auf. So hoch, das man keine Unlust mehr verspürt, als Zahnrädchen für das Gelingen des Ganzen mit zu Ticken. Der Fluchtweg "Religion" wird ausgebremst. Dabei steht ihm (Sloterdijk) der Sinn nicht mal nach Kritik. Er sagt nicht: Gott ist tot! Viel pragmatischer erklärt er: Religion hat es in Wirklichkeit nie gegeben!

Seit dem Zwang durch das Zusammenleben in großen Gemeinschaften, wie es die Sesshaftigkeit vor rund 10.000 Jahren zu diktieren begann, trat ein Unbehagen auf, das der Mensch mit Metaphysik zu heilen versuchte. Was an Religionen dabei entstand, ersetzt Sloterdijk durch den Begriff "Übungssysteme" und bescheinigt ihnen eine Zuständigkeit für "Vertikalspannung". Seine Analysen darüber sind so glaubwürdig, weil er die Erfolge spirituellen Suchens nicht Ignorieren und die Qualität des Finden darin nicht diffamieren muss. Im Gegenteil: Feinfühlig zeichnet er den Weg der frühen Eremiten bis in die Klöster des Mittelalters auf. Ohne eine theologische Immunisierung des Menschen, hätten Kulturerfolge laut Sloterdijk nicht stattfinden können. Sich eines Gottes zu versichern, kommt einer Impfung gegen den Tod gleich. Aufgeklärte Zeitgenossen mögen darüber verächtlich lächeln; ohne moraltheologische Exerzizien währe ein Aufschwung bis zum Stand unserer Globalgesellschaft unmöglich gewesen. Wie katastrophal sich Versuch und Irrtum ihren Gang durch die Geschichte auch immer bahnten – sieht man die Folgerichtigkeit der Entwicklung als Ganzes, keimt darin sogar ein Vertrauen für das verblüffende Ergebnis der Moderne auf. Am Ende des Buches ist dann jede Zurückhaltung über das Experiment Zivilisation verflogen. Kein Grund mehr für Null-Bock-Stimmung. Im Gegenteil: Man sieht das Risiko des Lebens schärfer denn je; seine Kostbarkeit gleichwohl und die Mitverantwortung nicht mehr als Last, sondern als Herausforderung. Post-katholische Steigerungen des Lebens sind angesagt. Üben, Üben und nochmals Üben die Konsequenz. Die Zukunft ist offen. Alles ist möglich.

Nur eines nicht: Ignorieren, "... dass die großen Lehrer der Menschheit von Lao Tzu bis Gautama Buddha, von Plato bis Jesus, und warum nicht auch Mohammed, im strengen Wortsinn nicht mehr unsere Zeitgenossen sind." Und damit ist keinesfalls ihr Scheitern unterstrichen. Im Gegenteil, ihre Morallehren haben die Menschheit durch die Epochen hindurch bis ins 21. Jahrhundert getragen. Es ist nicht ihre Schuld, wenn sie Wahrheit nicht als Messergebnisse, sondern als poetische Gleichnisse verkündet haben. Und sie können auch nichts dafür, dass ihr Aufgabenbereich so ausufernd war, dass ihr Kerngeschäft zu einem "Glauben" degenerierte. Wo Teilchenbeschleuniger und Weltraumteleskope, Verhütungspillen und Live-Aid-Konzerte noch nicht erfunden waren, existierte eine ganz andere Welt. Menschen lebten darin sehr viel naturverbundener und autoritätsbewusster. Religiöse Worte erzeugten noch besagte "Vertikalspannung" und gingen nicht automatisch in einem Medienrauschen unter. Messianische Visionen waren da unerlässliche Brücken. Denn wenn Menschen sich auf ihrem evolutionären Weg von den Fesseln ihres Tier-Seins befreien, erscheinen die Abgründe der Seele. Aus dem Garten Eden der Unschuld entlassen, sind es ja gerade die Leiden, die den Menschen zur Bewusstwerdung veranlassen. Wo bin ich? Und wer?

Zu solcher Standortsbestimmung veranschaulicht Sloterdijk dem Leser Nietsches Mittag. Hätte er "Du ,sollst' dein Leben ändern" gesagt, wäre sein Buch eine Moraltheologie. Doch die Halbzeit der Evolution kann es sich erlauben, auf das bereits Erreichte zurückzublicken. Kein monistischer Zeigefinger mehr, der uns ermahnt. Wir selber können es jetzt ablesen: Der Traum umfassender "Levitation" ist wahr geworden. Doch noch sträuben sich unsere Augen, die Errungenschaften der High-Tech-Zivilisation in ihrer umfassenden Künstlichkeit als die Verwirklichung eines religiösen Zieles zu sehen. Sakrales Mangelbewusstsein behindert die Weiterentwicklung über einen "Mittag" hinaus. Religion und Armut gleichzusetzen hat fatale Folgen, denn damit machen wir uns blind für die anthropotechnischen Qualitäten des Menschen. Wir können es einfach nicht mehr den Klöstern überlassen, uns zu ändern, zu üben. Auch Fitnessstudios sind Orte der Askese; aber eben ent-spiritualisierte. Und das ist auch gut so.

Die Überforderung des Menschen durch Religionen gehört schon jetzt genau so sehr der Vergangenheit an, wie die überforderten Religionen selber. Ihr Kerngeschäft löst sich von ihren politischen Symbiosen und kulturellen Einsprengsel. Anachronistische Erfindungen wie Kirche und Katechismus weichen der Qualität erlebbarer Entdeckungen. Religion wird zu Spiritualität. Was wie von "oben" kommend wirkte, kann jetzt von "unten" aus aufgefüttert werden. Mit anderen Worten: Der westliche Way of Life absorbiert das visionäre Potenzial des religiösen und übernimmt das Ruder. Sloterdijk selbst ist das beste Beispiel: Seine Kennerschaft des religiösen Kosmos wäre ohne die Wissensexplosion am Ende des 20. Jahrhunderts gar nicht möglich gewesen. Kein Messias war jemals so umfassend informiert. Während Gurus sich nur amateurhaft ihrer kulturpsychologischen Einbettung bewusst sind, hat die Forschung der letzten 50 Jahre bestechende Resultate zu diesem Thema erzielt. Und Sloterdijk trägt in seinem Buch all das zu einem fulminanten Bild zusammen.

Wie wichtig ihm speziell dieses Machwerk aus seiner Feder sein mag, kann man erahnen, wenn man sein restliches Schaffen kennt. Darin treibt er sich nun fast 30 Jahre lang auf Nebenschauplätzen herum. So bewundernswert umfassend Sloterdijk darin auch philosophiert, es verblieb in mir stets das Gefühl, der Mann schleicht um seinen Brei herum. Jetzt ist er zu Potte gekommen. Es mag Respekt und Verantwortung vor der Schwierigkeit gewesen sein, nach 1945 noch mal eine "große Erzählung" zu riskieren. Doch der Same der Herausforderung seiner Indienerfahrung war anscheinend unumkehrbar gelegt. Vielleicht wird man eines Tages in vollem Umfang den religiösen Ur-Impuls seiner Meister-Schüler Erfahrung in Poona wissenschaftlich aufarbeiten können. Dann wird es vermutlich zur Ironie des Schicksals gehören, dass ausgerechnet am Fuße der postmodernen Philosophie ein indischer Guru zu finden ist; was weder kultur- noch religionsgeschichtlich verwunderlich sein dürfte, wenn man nur etwas historische Distanz aufbringt. Bis dahin gilt: Tiefer als alle (deutschen) Zweifel ist die Begegnung mit einer nicht zu hinterfragenden Immanenz. Diese dann aber westlich kompatibel umzuarbeiten, ihr von "unten" kommend ein Gesicht zu geben, um allen Ansprüchen unserer aufs "Werden" aufbauenden Kultur zu entsprechen, ist ein Aufgabe, die Nietzsche und Heidegger versuchten zu lösen, aber erst Sloterdijk glaubhaft zur Erfüllung brachte. Weder Respektlosigkeit noch Berührungsängste mit den intimsten Ergebnissen wahrhaftiger Spiritualität sind hier zu finden. Dafür aber das Überschreiten einer Grenze, auf das die Denkgeschichte des Abendlandes über 2000 Jahre hatte warten müssen: Der monotheistische Mythos ist dechiffriert und alle menschlichen Energien können ungehindert Verbindung mit unseren antiken Kulturwurzeln aufnehmen.

Natürlich bezieht sich das Diktum "Du musst dein Leben ändern" auch auf die endliche Schönheit unserer gefährdeten Welt. Sloterdijk sieht in der ökologischen Katastrophe die einzige noch verbleibende Autorität, den Menschen zu einer Umkehr zu bewegen. Doch "Umkehr" setzt er nicht blindlings mit "Rückschritt" gleich. Sloterdijk gehört nicht zu den Menschen, die unserer Zukunft mit einem Empfehlungsschreiben aus der Vergangenheit aus dem Weg gehen wollen. Seine Analysen dazu "muss" man gelesen haben. Spätestens dann nämlich versteht man, dass unsere religiösen Erblasten einem Kaliber entsprechen, welches zu ignorieren erst die Katastrophe perfektioniert. Hier erst deutet sich die Zwickmühle an, in welcher die Menschheit tatsächlich steckt. Es sind die Konzepte über das Absolute, die erkannt werden wollen ohne sich dabei in tödliche Gewohnheiten und scheinbare Selbstverständlichkeiten zu verstricken. Sloterdijk fordert die Disziplin ein, das jeder Gedanke ein neuer sein sollte ("Üben"). Man könnte auch anders herum sagen: Es ist die Angst vor Blasphemie, die uns da nicht umdenken lässt, wo es am nötigsten wäre. Ich mutmaße, dass Peter Sloterdijk mit dem Niveau dieser Klagehöhe selbst die Messlatte für seine kommenden Publikationen gelegt hat.

Man ahnt hier vielleicht, wie titanisch die Urteile über die Moderne mit einer unbändigen Faszination über ihre Ergebnisse im Erdenbürger zu ringen begonnen haben. Wie kann es da sein, das angesichts einer ökologischen Fünf-Minuten-vor-Zwölf-Situation Herr Sloterdijk ein lapidares "Üben" als Lösungsformel vorschlägt? Ist es nicht ratsamer, im Schneidersitz eine elegante Abkürzung ins Nirwana zu suchen? Fällt dem Autor nichts Besseres ein, als sich mit einem Trainingsangebot zum Besser-Werden in die lange Reihe der Menschen-Ermahner einzureihen? Lädt nicht umfassende Selbstaktzeptanz zu einem viel erfolgsversprechenderen Hier und Jetzt ein? Warum der fragwürdigen Rattenfängerei eines "Sich-ändern" auf dem Leim gehen? Ist die Katastrophe nicht letztlich die, immer anders sein zu wollen? Sich nie wirklich so angenommen zu haben, wie man ist?

Die sloterdijksche Antwort darauf klingt etwas sperrig: "Man kann nicht nicht üben." Und damit meint er, dass man von sechs Milliarden Erdenbürgern schlecht verlangen kann, sie sollen sich bitte schön nicht so sehr mit ihrem Leben und ihrem Körper identifizieren. Die relative Welt als eine Illusion zu durchschauen, bleibt höheren Semestern vorbehalten. Wer nichts zu essen hat, hat andere Sorgen. Wer also nicht permanent im Bewusstsein des Absoluten lebt, der hat ein geradezu existenzielles Interesse daran, das Üben mehr ist als nur Schulerziehung. Es sind Selbstformungskräfte, die der Mensch aktiviert, wenn er sich bemüht, ein Ergebnis zu verbessern. Künstlichkeit ist nichts Schlechtes, sondern das Wesensmerkmal des Homo Sapiens. Und es ist Kultur, was herauskommt, wenn alle üben. Und last but not least: Es wird eine kirchenfreie Religiosität sein, wenn Menschen durchs Üben die Verantwortung bis hinein in ein Bewusstsein über die wahre Natur ihrer selbst nicht mehr Abschieben auf einen imaginären Gott, sondern zu sich selber zurücknehmen.

Post Skriptum: Der Genuss von Sloterdijks Lektüre steht einer wirklichen Befreiung vom Leiden zwar nicht im Wege, kann diese aber auch nicht bewirken. Das Relative und das Absolute gleichzeitig zu erfassen, ist dem denkenden Geist (Philosophie) leider nicht möglich. Deswegen – und um allen möglichen und unmöglichen Missverständnissen vorzubeugen – sei abschließend darauf hingewiesen, dass das im Text gebetsmühlenartig wiederholte Mantra vom "Kerngeschäft des Spirituellen" von allem, was bei Sloterdijk nachzulesen ist, gänzlich unberührt bleibt.

ANMERKUNGEN:

  1. Die weltweiten Ausgaben für Rüstungsgüter sind im Jahr 2007 auf 1,34 Billionen Dollar (860 Milliarden Euro) angestiegen. Wie aus dem Jahresbericht des Internationalen Konversionszentrums (BICC) hervorgeht, stiegen damit die Ausgaben um sechs Prozent gegenüber 2006. Mit fast 580 Milliarden US-Dollar machte der US-Anteil knapp 45 % der gesamten weltweiten Militärausgaben 2007 aus. Dahinter folgen China mit 140 Milliarden US-Dollar und Russland mit 78,8 Milliarden US-Dollar. Nach einer Steigerung um 1,7 Milliarden Euro von 2008 auf 2009 hat der Verteidigungsetat für Deutschland mit rund 31,2 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreicht. Allein 5,3 Milliarden Euro der deutschen Militärausgaben sind für die Beschaffung neuer Waffensysteme vorgesehen. Damit haben die Investitionen für den Erwerb neuer Waffen um 25 % gegenüber 2007 zugenommen.
  2. Bezeichnenderweise führt das "Age of Enlightenment" nichts Spirituelles im Sinn, sondern bedeutet ganz profan: "Zeitalter der Aufklärung".

 

Titel: Du musst dein Leben ändern
Untertitel:
Autor: Peter Sloterdijk
Jahr: 2009
Verlag:
Suhrkamp Verlag
Genre: Sachbuch
Aufmachung:
723 Seiten, gebunden

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