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  • Gegenwille – die unbewusste Macht

    Von MARC-STEFFEN KRAFT

    Welcher ist der sicherste Weg, einen Menschen von etwas abzuhalten? – Man zwingt ihn dazu. Und welcher ist der sicherste Weg, ihn zu etwas zu bewegen? – Man verbietet es ihm. Obgleich bereits 1906 von dem Psychoanalytiker Otto Rank (1884–1939) beschrieben, findet dieser vordergründig simple Lehrsatz bis heute kaum Anwendung im Alltag. Zu unserem Nachteil, denn der Gegenwille gehört zu den gewaltigsten Kräften im Menschen.

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    Wissenschaftliche Studien mit Kindern machten die Mechanismen des Gegenwille-Phänomens transparent: Ein Raum wurde zum Spielen präpariert und den Kindern dann zu den darin befindlichen Dingen unterschiedliche Erklärungen gegeben. Im ersten Durchlauf wurde ihnen erzählt, dass sie mit allen Gegenständen spielen dürften, außer mit einem speziellen – es war kein außergewöhnliches Spielzeug, nichts unterschied es offensichtlich von den anderen, außer eben, dass es verboten war, damit zu spielen. Es kam wie es kommen musste, kaum verließ der Versuchsleiter das Zimmer und begab sich hinter die von innen verspiegelte Glaswand, begann das Kind heimlich mit dem verbotenen Objekt zu spielen.

    Kaum verließ der Versuchsleiter das Zimmer, begann das Kind heimlich mit dem verbotenen Gegenstand zu spielen

    In der zweiten Versuchsreihe wurde den Kindern nun derselbe Gegenstand deutlich gezeigt und als besonders interessant dargestellt. Meist wählten die Kinder daraufhin andere Spielzeuge. Als ihnen jedoch in einer weiteren Versuchsreihe eine Belohnung für das Spiel mit diesem „besonderen“ Gegenstand angeboten wurde, wollte kein einziges Kind mehr damit spielen. Je größer die Belohnung, desto größer wurde die Abneigung gegen das Spielzeug. Allen Versuchsreihen war gemein, dass die Kinder keinerlei Bezug zum jeweiligen Versuchsleiter hatten; sie hatten ihn an jenem Tag lediglich flüchtig kennengelernt. Er war quasi ein Fremder für sie. Der Gegenwille im Kind war also eine spontane Reaktion auf den „bösen, unbekannten Onkel“, bei dem man nicht ins Auto steigen soll und von dem man auch kein Bonbon nehmen darf. Kinder haben normalerweise auch ohne die ausdrücklichen Hinweise der Eltern diesen natürlichen Schutz, vermutlich angelegt vor Urzeiten, als noch Kinderraub von fremden Stämmen an der Tagesordnung war.

    Der klinische Psychologe und ehemalige Professor an der Columbia-Universität, Gordon Neufeld, bringt ein weiteres Beispiel aus seiner Zeit als Gefängnispsychologe in einer Anstalt für straffällige Jugendliche: Diese jungen Menschen, welche schwere Straftaten wie den Mord der eigenen Mutter begangen hatten, mussten auch im Gefängnis der Schulpflicht nachkommen. Freiwillig erschienen die Jugendlichen selten im Unterricht; Zwangsmaßnahmen waren an der Tagesordnung und der Fachmann im Hause wurde um Rat gebeten. Neufelds Vorschlag war zunächst überraschend für die Gefängnisleitung: Man sollte den Jugendlichen den Zugang zur Schule verbieten; lediglich auf schriftlichen Antrag konnte eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden, welche zum Schulbesuch berechtigte. Das ließen sich die 30 jungen Straftäter nicht bieten – und es gab nach kurzer Zeit 30 Ausnahmegenehmigungen und sehr zufriedene Schüler. Den Erwachsenen hatten sie es gezeigt; derart starke und unbeugsame Kids ließen sich nicht von ihrem Recht auf Bildung abhalten ...

    Vor einigen Jahren erschien in einer Zeitschrift ein Comicstrip mit einem Heranwachsenden, welcher über eine Wiese schlenderte, die Zigarette im Mundwinkel. Plötzlich stand am Wegesrand eine große Plakatwand mit einem Warnhinweis an die Bevölkerung: „Achtung, Achtung!“, war darauf zu lesen, „das Riechen an Löwenzahnblüten ist extrem gefährlich! Im letzten Jahr starben 718.295 Menschen an den Folgen des Löwenzahn-Riechens. Der Gesundheitsminister warnt: Löwenzahn-Riechen verursacht Lungenschäden, fördert schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, führt zu Lungenkrebs, Impotenz, Ehescheidungen und plötzlicher Enthauptung. Um Gottes Willen – riechen sie auf keinen Fall an Löwenzahnblumen. Auch Woody Allen sagt: Früher roch ich öfters an Löwenzahnblüten und nun schaut mich an …Also um es nochmals laut und deutlich zu sagen: Riecht NIEMALS, NIEMALS, NIEMALS an Löwenzahnblüten!!! Es führt in den sicheren Tod!“ Untermalt war die Hinweistafel mit einem Skelett, welches genüsslich an einer Löwenzahnblüte riecht. Unserem Jugendlichen fiel daraufhin eine unscheinbare Blüte am Wegesrand auf, welche er vorher gar nicht bemerkt hatte – bei genauerer Betrachtung erkannte er, dass es sich um eine dieser gefährlichen Löwenzahnblüten handelte: Schon im nächsten Augenblick roch er ausgiebig daran

    Es gab zu Beginn der großen Drogen- und AIDS-Kampagnen Untersuchungen an Schulen, welche belegten, dass nach der ausführlichen Information von geschulten Drogenbeauftragten und AIDS-Hilfemitarbeitern der Drogenkonsum in den geschulten Klassen anstieg und die durchschnittliche Verwendung von Kondomen zurückging. Beachten Sie auch die Warnhinweise auf Zigarettenschachteln und die alljährliche vorweihnachtliche Welt-AIDS-Tag-Kampagne!

    Je größer die Belohnung, desto größer die Abneigung gegen das Spielzeug

    Sind demzufolge Warnungen an unsere Schutzbefohlenen kontraproduktiv? Sollten wir Erwachsenen die Augen verschließen und unsere Jugend in alle offenen Messer laufen lassen, sie vielleicht sogar bewusst größten Gefahren aussetzen?

    Gordon Neufeld erklärt den Gegenwille-Mechanismus genauer. Warnhinweise werden sehr wohl angenommen – aber nur von Personen, zu welchen die Gewarnten eine gute Beziehung haben, denen sie vertrauen. Hat das Gegenüber ihnen nichts zu sagen, ist die Bindung also schlecht, kehrt sich die Botschaft ins Gegenteil. Hat man hingegen einen guten Draht zum Ansprechpartner, werden die Warnhinweise selbstverständlich ernst genommen, das kleine Kind rennt nicht auf die Straße und der Jugendliche hält sich gerne von Drogen fern – zumal er ja durch die gute Beziehung zu einer älteren Person, welche ihm als Vorbild und Orientierungshilfe dient, nicht verloren durch die Welt torkelt. Plakatwände sind dahingehend also vollkommen wirkungslos, im Gegenteil – sie sind durch ihre Unpersönlichkeit sogar höchst kontraproduktiv. Der Schritt ist nun nicht weit zu fragen: Sind Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln derart werbewirksam und plakativ aufgedruckt, weil Marketingstrategen um die fatale Wirkung der Drohungen wissen? Wer weiß ...

    Für Kinder und Jugendliche ist eine verlässliche Bindung zu ihrer Hauptbezugsperson der beste Schutz vor den Gefahren dieser Welt. Wer die Hauptbezugsperson ist, lässt sich leicht daran erkennen, wie gerne Forderungen angenommen werden. Der Gegenwille ist ein vorzügliches Messinstrument für die Bindungsstärke: Haben wir unseren Kindern etwas zu sagen? Hat der Lehrer etwas zu melden? Kommt das Gesagte gut an oder ist das, was die Erwachsenen reden, alles Quatsch? Das Schlimmste, was heutzutage passieren kann, ist, dass sich Jugendliche nicht mehr an geeigneten Rollenvorbildern orientieren, sondern ihre Altersgenossen ihnen genügen. Rücken nämlich Gleichaltrige in die Rolle des Erziehers, lässt man sie sagen, wo es langgeht, endet diese "Notgemeinschaft" in einer Sackgasse. Denn wenn der Blinde den Lahmen führt und die Betreuer den beiden zuschauen, wie sie sich dem Abgrund nähern, hat das nichts mit verantwortlichem Handeln zu tun.

    Eltern, Lehrer und Erzieher haben einen Auftrag zu erfüllen. Sie sollten im Leben der Kinder eine Rolle spielen, sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne, um den Kindern Orientierung im Informationschaos dieser Welt zu bieten. Doch diese Rolle fällt Eltern nicht in den Schoß, und der Lehrer bekommt die Führungsqualität nicht automatisch mit seinem Staatsexamen mitgeliefert. Beziehungsarbeit ist wörtlich zu nehmen – es ist der Job der Erwachsenen, die Jugendlichen nicht im Stich zu lassen.

    Der Gegenwille ist ein vorzügliches Messinstrument für die Bindungsstärke

    Der Freibruger Psychologe Joachim Bauer rät Vätern dazu, morgens eine halbe Stunde früher aufzustehen und mit ihren Schutzbefohlenen in Ruhe zu frühstücken. Die Wirkung ist im Gehirn nachweisbar: Fühlen sich Menschen beachtet, steigt ihr Selbstwertgefühl. Sie werden selbstsicher. Lässt man Kinder bereits morgens allein, fängt der Tag nicht gut an. „Ich bin es nicht mal wert, dass mein Papa für mich aufsteht, mich fragt, wie es mir geht, mir einmal wirklich in die Augen schaut und mir mitteilt, dass ich auf dieser Welt willkommen bin.“

    Kindern und Jugendlichen wird in der zivilisierten Welt selten das Gefühl vermittelt, nötig und wichtig zu sein. Höchstens als Konsumenten sind sie „wertvoll“. Einem Lehrer mit 35 Schülern würde es meist nicht schwer fallen, auf die Hälfte seiner Schüler zu verzichten. Und dieses Gefühl kommt bei den zu unterweisenden Subjekten an. Polizeilich überwachte Schulhausbesuchspflicht erleichtert das Lernen nicht gerade. Wir sind leider noch weit entfernt von einem Bildungswesen, in welchem Kinder ihrem natürlichen Lerntrieb folgend die Welt erfahren dürfen.

    "Ihn kann ich nichts lehren, denn er liebt mich nicht."

    Aristoteles über einen Schüler, den er soeben fortgeschickt hatte

    LITERATUR: