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  • Zeitbarometer Zürich – Düsseldorf – London

    Von CHRISTINE AMBAR KAUFMANN

    Müssen wir uns an Orten wie Zürich, Düsseldorf oder London mit dem Wahnsinn naher und ferner Länder beschäftigen? Inwieweit betreffen uns tropische Wirbelstürme und zunehmende Dürren, bei weitem nicht die ersten Zeichen der Klimaveränderung? Ratlosigkeit macht sich breit bei diesen Fragen. Was können wir tun in Städten und Gesellschaften der zelebrierten Lebensqualität?

    Uns informieren, verzweifeln oder einfach keine Zeitung mehr lesen; für eine aktuelle Katastrophe spenden und damit einen modernen Ablass ergattern. Das Gewissen ist vorerst beruhigt damit. Und den Rest zerstreuen wir in einem übervollen Tagesprogramm. Dennoch bleiben die Schatten der großen Welt hängen. Auch über den hypen Städten.

    Was gibt es Konkretes zu tun, wenn die Welt zu einer absurden Tragödie wird?

    Es ist eine gute Einrichtung der Natur, dass wir uns durch negative Schlagzeilen nicht zu sehr erschüttern lassen. Nicht nur, weil ohne diesen Mechanismus das Leben unerträglich würde. Was täten wir, wenn uns das Leid jedes Tibetaners und Burmesen, Italieners und Kenianers die Lebensfreude vermieste? Massenhysterie, Aufstockung der Vorratskammern, depressive Verstimmung ... und dann? Was gibt es Konkretes zu tun, wenn die Welt zu einer absurden Tragödie wird? Vielleicht suchen wir einen Schuldigen, lassen uns durch einen populistischen Medienskandal berauschen oder sind einfach froh, dass wir besser dran sind. Wir versuchen die Tage zu genießen, als wenn die ganze Welt ein demokratisches Wunderland mit frischem Wasser wäre.

    Ein Exkurs

    Ob wir uns betreffen lassen oder nicht, Mitleid, Angst oder Gleichgültigkeit empfinden, es drängt sich die existenzielle Frage auf, ob das menschliche Leben irgendeinen Sinn hat. Ist der Mensch humanistisch oder ist er es bewiesenermaßen nicht? Bezahlt sich das Kümmern um etwas aus? Diese Fragen wurden kollektiv lange Zeit mit einem klaren Ja beantwortet. Können wir dies noch tun? Und aufgrund welcher Einsichten? Fragen unserer Zeit. Fragen, die in die große Leere führen können. Und bei ihr steht die große Angst. Ende des Exkurses.

    Vielleicht bedarf es dieses Abstechers gar nicht, um zu bemerken, dass das tobende Weltgeschehen auch in Zürich, Düsseldorf oder London Angst auslösen kann. Eigentlich nichts Neues. Ein Gefühl, das nach dem Zweiten Weltkrieg die globale Stimmung beherrschte. Ist der Mensch wirklich zu solchen Gräueltaten fähig, fragte man sich damals? Und gehöre ich zu dieser Gruppe? Heute sind die Konflikte lokal zerstreuter, somit nicht derart konzentriert. Es herrscht jedoch ein langsames Ausbreiten absurdester Taten, die uns genauso wie vor 60 Jahren vor die Frage stellen, ob der Mensch, seine Denk- und Handlungsfähigkeit ein evolutiver Fortschritt oder Rückschritt ist. Diese Frage wird leider nicht offen diskutiert. Gegenteilig wird mit der individuellen und kollektiven Existenzangst derart gespielt, dass wir wirklich glauben könnten, dass das Weltgeschehen Realität ist. Natürlich ist es Realität, sagen die Pragmatiker. Doch was ist Realität? Was wir an dieser Stelle festhalten können, ist die Notwendigkeit, dass in der Realität des Weltgeschehens alles ganz schnell gehen muss. Für wirkliches Fragen finden nur noch ein paar Freaks die Zeit.

    Realität

    Was ist Realität? Diese Frage ist von Bedeutung, weil Realität oft auch mit Normalität gleichgesetzt wird. Und die Normalität hat handlungsweisenden Charakter.

    Ist das verrückte Weltgeschehen Realität? – Ein klares Ja.
    Ist das Weltgeschehen verrückt. – Ebenfalls ein klares Ja.
    Und wie kommt es zu einem verrückten Weltgeschehen. – Verrückte Ideen bringen den Menschen zu verrückten Handlungen.

    Der menschliche Geist hat sich von der Realität so weit entfernt, dass wir uns fast ausschließlich mit menschengemachten Problemen herumschlagen müssen
    Was ist so verrückt an den Ideen? – Eine komische Auffassung von Realität, die dazu führt, andere zu töten. Ein Zirkelschluss in einem linearen Denken.

    Muss der Mensch wirklich töten, um sich lebendig zu fühlen? Muss er zerstören, um seine Todesangst zu überwinden? Muss er fortsetzen, was er seit Tausenden von Jahren macht? Eine große Beelendung – auch in Zürich, Düsseldorf und London spürbar. Sie ist Teil unseres Zeitgeistes. Die Hoffnung in christlich-humanistisch aufgeklärte Ideale und Menschenbild der westlichen Welt scheint zerstört. Was bleibt uns? Was sind wir?

    Beschränkte Wahrnehmung

    Realität ist das, was am geschehen ist. Ein winziger Bruchteil davon ist uns bewusst. Den Fragmenten geben wir eine Bedeutung, indem wir sie in einen Sinnzusammenhang setzen. Es entsteht ein abgeschlossenes System, das wir dann als Realität und Wahrheit betrachten. Doch Realität ist viel mehr.

    Man könnte nun einwenden, dass nur die überlebenswichtigen Signale ins Bewusstsein kommen. Wir wissen, was tun bei Hunger und Gefahr. Der menschliche Geist hat sich jedoch von der Realität, das heißt von dem, was in der Natur, in der Kultur und im Kosmos am Geschehen ist, so weit entfernt, dass wir uns fast ausschließlich mit menschengemachten Problemen herumschlagen müssen. Und das alles aus Angst vor dem eigenen Tod? Ist dies unsere Intelligenz, mit einem Leben umzugehen, das in unserer Galaxie eine statistische Unmöglichkeit ist?

    Würden wir mit der Realität intelligenter umgehen, wenn wir mehr Signale bewusst verarbeiten könnten?

    Vielleicht reichen die Möglichkeiten dieses sehr komplexen Gehirns, selbst wenn voll ausgeschöpft, nur für einen Bruchteil der Komplexität des vielschichtigen Kosmos. Können wir mit unserem Datenverarbeitungssystem, das nur einen kleinen Bruchteil der Signale auswertet, dem Realitätsbegriff gerecht werden? Eine für uns nicht beantwortbare Frage. Sie kann uns jedoch zu weiteren Überlegungen inspirieren.

    Die Fähigkeit zur Signalverarbeitung ist kulturell unterschiedlich und somit plastisch und erlernbar. Sensibilität, Empfindung, Gefühl, Intuition, Ahnungen, aber auch Technik, Mathematik, Naturwissenschaften, die Künste und vieles mehr stehen neben dem Verstand und der viel gepriesenen Vernunft. Vielleicht verstehen wir das Leben tiefer, wenn wir uns als Teil an diesem gewaltigen Schöpfungsprozess wahrnehmen, verzückt durch den Geruch einer Blume, betrachtend das sich expandierende All. Wie sind wir mit unserem kurzen Dasein daran beteiligt?

    Können wir mit der Vorstellung dieser unendliche Dynamik leben – trotz des Wissens um den eigenen Tod – dem wir übrigens auch in den unterschiedlichsten Varianten begegnen können. Vermögen wir die unendliche Größe zu akzeptieren, wissend, dass wir sie nie zu begreifen vermögen und trotzdem daran teilhaben?

    Wir wissen, dass der Mensch schon immer und fast überall Kriege geführt hat. Und er war immer schon davon überzeugt, dass seine Stadt oder sein Stamm die anderen besiegen muss, um überleben zu können. Ist es etwa dem Menschen eigen, dass er töten und zerstören muss, um sich lebendig zu fühlen? Ist das noch immer sein Umgang mit der Schöpfung und der Bedeutung seiner eigenen beschränkten Existenz?

    Natur und Naturwissenschaften

    Die Natur zeigt uns eine andere Betrachtungsweise. Sie geschieht in großen und kleinen Zyklen. Sie entwickelt sich ständig, passt sich an, verbessert und diversifiziert sich. Alles was geboren wird, vergeht auch wieder und bildet den Stoff für alle weiteren Zyklen. Die Entwicklungen einer Population sind immer auch in den folgenden Generationen präsent, sowohl im Pflanzen- als auch im Tierreich. Lernt eine Generation eine neue Strategie, ergeben sich davon für die folgenden Generationen evolutive Vorteile. Das ist intelligentes Verhalten.

    Wir sind Winzlinge und dennoch vermag ein menschliches Leben ganz viel zu bewirken

    Die Möglichkeiten, was eine Population wie lernt, sind unbeschränkt. Es ist jedoch sinnvoll, sich den äußeren Anforderungen anzupassen. Gehen wir davon aus, dass unser eigener Tod noch immer eine unserer großen Herausforderungen darstellt, um endlich angstfreier und kooperativer zu werden, sollten wir uns offen damit auseinandersetzen. Wir riechen die Blume und blicken in die unendliche Ferne. Wir sind Winzlinge und dennoch vermag ein menschliches Leben ganz viel zu bewirken. Wer spürt bei diesem Gedanken nicht Demut? Wer empfindet dabei nicht ein Gefühl der Heiligkeit? Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Leben ist nur normal. Auch in Zürich, Düsseldorf und London.

    Kokreative Lebensformen, Freude, Wohl und Wachstum des anderen bringt mir einen direkten Gewinn. Wir brauchen nicht mehr zu töten, um uns selber unseres Lebens gewiss zu sein. Doch wir müssen dazu der Angst entgegentreten, dass des anderen Lebendigkeit den eigenen Tod bedeuten könnte. Vielleicht war Vitalität und Kraft über Zehntausende von Jahren gleichbedeutend mit herrschen und somit das Recht zu töten. Wer nicht dominiert, ist Sklave. Wer nicht Angst macht, hat Angst. Wer nicht oben ist, ist unten. Noch immer wird von diesem Recht Gebrauch gemacht. Noch immer glauben wir an die Existenz dieser Realität. Noch immer herrscht der Zwang im Kopfe. Komisch.

    Trotz Wissen um all die Zusammenhänge. Trotz der Erfahrungen der Fülle und der Freiheit. Jeder kennt sie. Auch jene, die mehr Leid als Freude ertragen müssen.

    Das Spiel kann anders sein. Die Realität auch. Wir können uns auf die wirklichen Sehnsüchte konzentrieren. Ihnen den Platz geben, den sie beanspruchen. Sie empfangen, damit wir nicht aus Angst vor ihnen handeln. So bin ich mit dem Leben in einer Interaktion, wo es auf einmal keine bedrohlichen Fragen gibt. Jeder Moment ist ein Abenteuer. Auch das ist Realität.


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