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Das Ende der sexuellen Enthaltsamkeit

Beziehungsprobleme als Chance zur persönlichen Entwicklung – über neue Wege in der Paartherapie

Von ROBERT COORDES

Das rasant wachsende Angebot paartherapeutischer Ratgeberliteratur dokumentiert, dass der Bedarf an Know-how zur Gestaltung einer glücklichen und erfüllenden Partnerschaft in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Die meisten Titel allerdings berufen sich auf Althergebrachtes oder verlieren sich in oberflächlichen Tipps. Erfrischend anders dagegen wirken die kontroversen Ansätze des amerikanischen Beziehungs- und Sexualforschers David Schnarch, dargelegt in seinem Bestseller "Die Psychologie der sexuellen Leidenschaft" (Klett Cotta, 2007), die ihn quasi über Nacht zu einer über Fachkreise hinausreichenden Autorität werden ließen. Hier seine wichtigsten Aussagen in Kürze.

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Das Freisein von Angst und Zwang
mag das Kennzeichen einer guten Partnerschaft sein –
aber es ist nicht ihr Wegbereiter.“

Dr. David Schnarch

Die relativ junge wissenschaftlich orientierte Disziplin der Paartherapie widmet sich dem Themenkomplex Beziehung und ihren Problemfeldern aus teilweise sehr unterschiedlichen und manchmal auch widersprüchlichen Richtungen. Zu den führenden Schulen, die sich der Materie angenommen haben, zählen vor allem die systemische Familientherapie, die sich aus der Individuum zentrierten Psychoanalyse heraus entwickelt hat, sowie Ansätze der Kommunikationspsychologie, die das Heil von Paarbeziehungen vor allem der Qualität der verbalen und nonverbalen Verständigung zuschreiben.

Als Stiefkind fast aller paartherapeutischen Schulen galt lange Zeit die partnerschaftliche Sexualität. Obwohl es in der kurzen Geschichte Versuche der Integration gab, wurde die konkret praktizierte Sexualität von Paaren zumeist den Sexualtherapeuten überlassen, die sich überwiegend mit deren gestörten Formen beschäftigten. In der Sexualtherapie spricht man auch heute noch von "sexuellen Funktionsstörungen", also davon, dass das Sexuelle entweder außer Funktion geraten ist oder in seiner "normalen" Funktion beeinträchtigt ist.

Die partnerschaftliche Sexualität galt lange Zeit als Stiefkind fast aller paartherapeutischen Schulen

Lange Zeit war also die Paartherapie überwiegend und intensiv um die Kommunikation bemüht, während die Domäne der Sexualtherapie sich der Funktion widmete. Darüber, woher die Trennung rührte, lässt sich rätseln. Es mag sein, dass Sexualität als von der "übrigen Beziehung" losgelöst konzipiert wurde. Auch heute noch wird sie häufig als Triebfunktion im Freudschen Sinne verstanden, welcher man von Zeit zu Zeit – ähnlich einem Dampfdrucktopf – Abfuhr gewähren lassen muss. Ein anderer Grund könnte sein, dass viele Therapeuten sich davor schützen wollten, schwer übersichtliches Terrain zu betreten.

Dies verwundert umso mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass das häufigste Einstiegsthema der Paare, die eine Beratungspraxis aufsuchen, folgendermaßen formuliert wird: "Wir lieben uns und unsere Beziehung ist glücklich, aber wir haben seit einigen Monaten (oder auch Jahren) keinen Sex mehr." Trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) einer guten und harmonischen Beziehung erlischt das sexuelle Verlangen oder macht Platz für Lustlosigkeit, Erektionsprobleme oder Orgasmusschwierigkeiten der Frau. Für diese Art Problemstellung hat die bunte Landschaft der Paar- und Sexualtherapeuten bisher kaum Lösungen anzubieten gehabt.

Liebe und Lustlosigkeit scheinen in unserer romantisch verklärten Vorstellungswelt nur schwer vereinbar zu sein. Die Erforschung genau dieser "Schnittstelle" hat sich der amerikanische Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch auf die Fahne geschrieben. Nach "Die Psychologie der sexuellen Leidenschaft" sorgt er mit seinem Folgewerk "Intimacy & Desire" (erscheint 2011 auch auf Deutsch) erneut für Aufsehen Es ist allem voran sein "Crucible"-Ansatz, der auf breites öffentliches Interesse stößt.. "Crucible" lässt sich am ehesten mit "Schmelztiegel" oder auch "Feuerprobe" übersetzen, wodurch die Haltung Schnarchs gegenüber Beziehungen zum Ausdruck kommt.

Beziehungen im Allgemeinen, aber eben auch sexuelle und andere partnerschaftliche Konflikte sind Chancen zur persönlichen Entwicklung für beide Partner. Es geht nicht darum, wie in vielen paartherapeutischen Richtungen praktiziert, mit seinem Partner stetig (faule) Kompromisse zu schließen und daran zu arbeiten, in zunehmendem Maße das "wir" anzustreben, sondern zu sich zu kommen und gleichzeitig mit dem Liebsten in Beziehung zu treten. Schnarch bezeichnet diesen Prozess als Differenzierung. Kernpunkt seines Ansatzes ist sein Konzept von Intimität, dass sehr bezeichnend für den paradigmatischen Wandel in der Paar- und Sexualtherapie steht, indem es mit vielen üblichen Vorstellungen bricht.

Es geht nicht darum, mit seinem Partner stetig (faule) Kompromisse zu schließen und daran zu arbeiten, in zunehmendem Maße das „wir“ anzustreben

Häufig neigen Beziehungspartner dazu, sich gegenseitig ihre Bedeutung zu bekräftigen; das Ergebnis dessen wird dann als harmonisch und intim erlebt. Damit stärken sie allerdings unwillkürlich die Abhängigkeit von der Bestätigung durch Andere. Diese Form der fremdbestätigten Intimität stützt nach Schnarch ein reflektiertes Selbstgefühl, ein Selbstgefühl also, das dem anderen und seinen Reaktionen entlehnt ist: "Solange wir unser Selbstgefühl von anderen beziehen, wird uns nie die Freude zuteil, ganz wir selbst zu sein."

Dem gegenüber steht die selbstreflektierte Intimität, die entsteht, wenn man beginnt, sich auch mit seinen Widersprüchen dem Partner zu offenbaren und sich dadurch auch bereit zeigt, mit Tabubereichen der partnerschaftlichen und sexuellen Routine zu brechen. Dies fördert ein stabiles, da selbstbestätigtes Selbstgefühl der Partner, welches Grundlage wahrhaftiger und tiefer Begegnung ist. Schnarch weiter: "Menschen mit einem hohen Differenzierungsgrad kümmern sich weder darum, wie sie wirken, noch suchen sie Anerkennung für ihr differenziertes Verhalten. Es geht ihnen allein darum, wer sie sind und wie sie sein wollen." Nicht das Streben nach Kompromissen also, sondern das kompromisslose "Sich-selbst-treu-bleiben", das Streben nach Differenzierung, sorgt für dauerhafte und wahrhaftige partnerschaftliche Bindung. Differenzierung findet auch im Sexuellen statt, indem die Partner ihre Sexualität nutzen können, um sich selbst besser kennen zu lernen und sich dem anderen zu offenbaren. "Das sexuelle Repertoire eines Paares erweitert sich eher durch Konflikte als durch Kompromisse."

Die Sexualität wird demnach mit steigender persönlicher Reife (und damit meist auch mit dem Alter) zunehmend tiefer, verbindender und berührender. Schnarch kritisiert den Jugend- und Körperwahn und betont die seelische Qualität sexueller Vereinigung. Scherzhaft weißt er in diesem Zusammenhang auf eine hohe Korrelation zwischen "gutem Sex und Zellulitis" hin. Im Bereich der Sexualtherapie stellt der "Crucible"-Ansatz einen kompletten Paradigmenwechsel im Hinblick auf die Arbeiten der Sexualforscher William Howell Masters und Virginia Johnson dar, die mit ihrem Sensualitätstraining ("Sensate Focus") ein Programm entwickelt hatten, das durch Übungen den Stress und Druck in der sexuellen Begegnung reduzieren soll. Diese Anspannung verhindert, auch nach heutiger Meinung vieler Therapeuten, das normale "Funktionieren" im Rahmen des von Masters und Johnson erarbeiteten sexuellen Reaktionszyklus. Schnarch hingegen geht davon aus, dass sich besonders in sogenannten sexuellen "Störungen" tabuisierte (d. h. nicht offene) Kommunikation zeigt – also das, was Paare zumeist hinter dem Mantel vermeintlicher Harmonie verborgen halten: So etwa "ein ,nein‘ zu einem Geben, um zu bekommen, ein ,nein‘ zu Benutztwerden und Abkapselung, ein ,nein‘ zu Missbrauchserfahrungen in der Vergangenheit."

Auf Kongressen gewinnt man den Eindruck, dass selbst eine Vielzahl von Sexualtherapeuten sexuellen Gesprächsinhalten sehr distanziert gegenübersteht

Auf therapeutischen Fortbildungen und Kongressen gewinnt man den Eindruck, dass selbst eine Vielzahl von Sexualtherapeuten sexuellen Gesprächsinhalten sehr distanziert gegenübersteht oder sich ihnen nur indirekt zu nähern scheint. Wenn es darum geht, Klienten zu unterstützen, zu mehr Lust und Erotik zurückzufinden, ist solch eine Haltung fatal. David Schnarch lädt Therapeuten daher ein, sich sexuell zunächst mit sich selbst auseinanderzusetzen und in den eigenen Beziehungen einen höheren Differenzierungsgrad anzustreben. Mit Aussagen wie "Niemand ,fickt‘ sein Unterstützungssystem" bricht Schnarch mit der vermeintlichen Gesetztheit üblicher therapeutischer Aussagen. Er regt dazu an, sexuelle Themen "saftig" und unverblümt kraftvoll zu besprechen, indem er in seinen Seminaren und Büchern offen und direkt Modell steht.

Der Ansatz, mit dem Schnarch derzeit die Therapielandschaft inspiriert, ist nicht unbedingt revolutionär. Es gibt viele andere und durchaus hilfreiche Versuche, neue paar- und sexualtherapeutische Perspektiven zu begründen (wie etwa den hypno-systemischen Ansatz von Gunther Schmidt aus Heidelberg oder den der systemischen Sexualtherapie von Ulrich Clement) und auch Schnarch macht Anleihen aus dem Bereich der systemischen Therapie sowie der modernen Hirn- und Resilienzforschung1. Und doch versteht er es wie kein anderer, seine Gedanken zu illustrieren und auf diese Weise sein Gegenüber zu erreichen. Durch seinen Zugang fühlen sich Menschen angesprochen, die nicht mehr nur dem Kreis eingeweihter Therapeuten entstammen. In einer Zeit, die "als oversexed but underfucked" beschrieben werden kann, scheint nunmehr möglich, die Paar- und Sexualtherapie vom Vorurteil zu befreien, nur für kranke und gestörte Paare von Nutzen zu sein.

Mit unserer Idealvorstellung von Liebe und Beziehung stehen wir uns nicht selten selbst im Weg. Wer kennt schon Paare, die dauerhaft im siebten Himmel schweben? Und wer hat das Glück, auf Beziehungsvorbilder zurückgreifen zu können, an denen es sich wirklich zu orientieren lohnt?

In Beziehungen und in der Sexualität können wir lernen, über uns, unsere Tabus und Beschränkungen hinauszuwachsen

Es ist an der Zeit, die rosarote Brille abzulegen. Zu wünschen wäre ein offenerer, verständnisvollerer Umgang mit unseren Sehnsüchten und Ängsten, aber auch, diese Themen aus der Grauzone therapeutisch-pathologieorientierter Praxis herauszulösen. Beziehungen sind nicht nur dazu da, stets und immer zu funktionieren; sie eröffnen uns auch Entwicklungsfelder. In Beziehungen und in der Sexualität können wir uns spiegeln und kennenlernen. Wir können lernen, über uns, unsere Tabus und Beschränkungen hinauszuwachsen. Moderne Paar- und Sexualtherapie sollte mutig in Richtung Lebendigkeit und Erotik voranschreiten und so zur alltäglichen Auseinandersetzung mit uns selbst und unseren Beziehungen anregen.

Für alle weitergehend Interessierten: David Schnarch hat einen kostenfreien Schnelltest entwickelt, mit dem Sie Ihre eigen Sexualität reflektieren können. Das Ausfüllen dauert etwa fünf Minuten. Zum Schluss können Sie die Ergebnisse sowie eine kurze Interpretation einsehen, aus der Sie für sich auch die eine oder andere Anregung zur Wiedererwecken der Leidenschaft entnehmen können. Den Test finden Sie hier.

 

ANMERKUNGEN

  1. Resilienz: Widerstandsfähigkeit
LITERATUR